Der Abbau von 100 Stellen bei Edipresse hat die Westschweiz aufgewühlt. Zusammen mit dem Verkauf von Edipresse an Tamedia symbolisiert der Abbau das Ende einer gewissen Westschweizer Identität. Von Christian Campiche
Sind die Medienerdbeben es noch wert, in den Zeitungen kommentiert zu werden? Die Frage kann sich stellen nach der Streichung von gut hundert Arbeitsplätzen bei Edipresse, ein Rekord für die Westschweiz. Denn nur sehr wenige Medien haben die Lage ausführlich analysiert. Der Grund verweist zugleich wieder aufs Thema: Sozusagen alle Tageszeitungen am Léman gehören zu jenem Monopolverlag, um den es geht. Diese Zurückhaltung beunruhigt erst recht, wenn man die ganze Aktion in ihrem Kontext betrachtet: Mit Edipresse ist der Leuchtturm der Westschweizer Verlage in Zürcher Besitz übergegangen. Angekündigt im letzten März symbolisiert dieser Aufkauf durch Tamedia das Ende einer gewissen Westschweizer Identität. James Fazy, der Vater der Genfer Verfassung von 1846, muss sich in seinem Grab umdrehen. Dieser Gegner der alten Ordnung, der dazu beitrug, Genf in die Moderne zu überführen, lenkte ebenfalls das „Journal de Genève” in jener Periode, als sich die Tageszeitung begann „quotidien d’audience internationale” („Zeitung eines internationalen Publikums”) zu nennen. 150 Jahre später starb das „Journal de Genève”, kurz darauf folgte ihr eine andere Zeitung aus Genf, die „La Suisse” ins Grab. Im Herzen der Genfer sind diese zwei Titel nie wirklich ersetzt worden. Was würde Fazy heute wohl zum Schlamassel sagen? Denn die Fakten sprechen für sich. Im Jahre 1980 zählte Genf noch vier Tageszeitungen, welche in lokalem Besitz waren: „La Tribune de Genève”, „La Suisse”, „Le Journal de Genève” und „Le Courrier”. 1986 ist die „Tribune” durch das Lausanner Haus Edipresse aufgekauft worden, 1994 die „Suisse” als Opfer des Grössenwahn von Herausgeber Nicole verschwunden, 1998 das „Journal” von seinen Aktionären, Privatbankiers, getötet worden. Als Letzter trägt noch „Courrier” das Siegel des Genfer Adlers. Aber das Überleben dieses Titels ist zunehmend ungewiss.
Einkaufstour und Ausverkauf. Im Laufe der 25 letzten Jahre schien Edipresse vom Erfolg verwöhnt gewesen zu sein – man profitierte von den Strukturproblemen der Konkurrenten. Die waadtländische Gruppe hat ihren Einkaufskorb mit regionalen Tageszeitungen in Montreux, Vevey und Yverdon gefüllt, wobei die Wettbewerbskommission trotz der zunehmenden Monopolisierung grosszügig grünes Licht gegeben hatte. Edipresse im Besitz der Familie Lamunière kontrollierte seit 1922 bis zum Verkauf an Tamedia direkt oder indirekt die grössten Tageszeitungen der Westschweiz, „24 Heures”, „Le Matin”, „Le Matin-Dimanche” und „La Tribune de Genève”. Die Gruppe besitzt 41 Prozent von „Le Temps” sowie 37 Prozent des Walliser „Nouvelliste”. Entkommen sind Edipresse die Freiburger „La Liberté” sowie ein Geflecht von kleineren Titeln im Neuenburgischen („L’impartial” und „L’Express”), welche von der französischen Gruppe Hersant geschluckt worden sind. Es schien bei Edipresse alles gut zu laufen, und deswegen kann man sich über die Gründe Gedanken machen, die die Familie Lamunière gedrängt haben, ihr Imperium 2009 aufzugeben. Die einen erklären es mit den Zukäufen im Ausland; Edipresse musste 2006 die Kontrolle seiner spanischen Filiale aufgeben, weil sie dort mit schweren Verlusten konfrontiert war. Andere sagen, der Eigentümer habe sich kaum mit seiner Rolle als Verleger identifiziert. Pierre Lamunière (60), Präsident des Verwaltungsrates, verbringt die meiste Zeit im Süden Spaniens. Eines ist klar: Weil er das Geschäft einige Monate vor der Börsenkrise im Herbst 2008 über die Bühne gebracht hatte, trug ihm die Operation weit mehr ein, als man heute dafür erwarten könnte.
Bücklinge der Chefredaktoren. Ungewiss ist insbesondere die Zukunft der Informationsqualität, welche schon während der letzten Jahre gelitten hat. Lange ist es her, seit die Leitartikel eines René Payot oder eines Pierre Béguin den Ruf der Léman-Städte in die Schweiz und ins Ausland trugen. Heute unterscheidet sich die Mentalität einer Handvoll überbezahlter Rechtsanwälte, die Edipresse lenken, nicht von jener von Erdnussverkäufern. Unter diesem Druck machen zu viele Chefredaktoren Bücklinge vor den Inseratekunden. Der Niedergang von Genf ist gut sichtbar. Doch dieser Verlust an Einfluss ist bei fast allen Westschweizer Medien ersichtlich. Man wünschte sich gerne, dass die Ankunft eines Verlagshauses aus Zürich die Situation ändert. Aber zurzeit sieht man nicht, wie das passieren soll.
Christian Campiche ist Chefredaktor der französischen Ausgabe von EDITO.
HEISSER HERBST BEI EDIPRESSE Ein Sit-In, ein Ultimatum des technischen Personals an die Direktion von Edipresse, mehrere Demonstrationen von Medienschaffenden mit bis zu 300 Personen vor dem Medienhaus, eine Protestpause während der Arbeitszeit bei der Redaktion des „Le Matin”. Der Unmut richtet sich gegen den Abbau von 100 Stellen. Verlangt werden die Rücknahme der Kündigungen und allenfalls ein Sozialplan. Nach Verhandlungen kann die Hälfte der in der Redaktion ausgesprochenen Kündigungen rückgängig gemacht werden, 15 Kündigungen bleiben bestehen. Es werden Sozialpläne ausgehandelt. Trotzdem werden die 100 Stellen bei Edipresse abgebaut.
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