Das Web ist eine gigantische Antwortmaschine, die jedermann bedienen kann. Höchste Zeit deshalb für die Medienschaffenden, das Netz als Generator für neue Fragen einzusetzen. Von Peter Sennhauser
Im öffentlichen Verständnis besteht Journalismus aus dem Finden und Vermitteln von Fakten. Dem kam zu Zeiten mit beschränkten Nachrichtenkanälen prioritäre Bedeutung zu. Die weiteren Aufgaben – Einordnung, Analyse, Kommentierung – standen hinter der Berichterstattung zurück. Den Journalisten als Gatekeepern standen Quellen zur Verfügung, welche die Öffentlichkeit nicht hatte – Agenturen, Presseversände und -Konferenzen, Medienstellen. All das hat sich radikal geändert. Das Web hat sich zum Nachrichtenticker weiterentwickelt; News verbreiten sich über soziale Netzwerke; Medienstellen und PR-Agenturen bedienen längst auch diese Kanäle, und Aggregatordienste und Blogs sammeln News zu Spezialthemen. Trotzdem zeigen Studien, dass Journalisten den Nutzern in der Anwendung des Internets eher nachstehen. Während knapp neunzig Prozent der US-Journalisten Blogs für „wichtig oder sehr wichtig” halten, sind es in der Schweiz laut Bernet-Studie 2009 (http://blog.persoenlich.com/?p=1787) 34 Prozent. Dabei hat sich mit der Vervielfältigung der News-Kanäle der Mehrwert der traditionellen Berichterstattung verringert, und das Netz böte neue Möglichkeiten, nicht nur Antworten, sondern vor allem auch schneller die richtigen Fragen zu finden.
Wem nützen die Schlagzeilen? Das geschieht selten bis gar nicht. Zwei Beispiele: Als im Mai bekannt wurde, dass Google auf seinen Streetview-Fahrten auch private Funknetzwerke kartographiert und dabei Daten mitgeschrieben hatte, sorgte das für mehr Schlagzeilen über den „Datenkraken”, als die zuvor namentlich aus der deutschen Politik herrührenden Angriffe je bewirkt hatten. Dass das „Abfangen” von Datenpaketen aus WLANs eine technische Voraussetzung ist, um ein Netz überhaupt zu erkennen und anzuzeigen und jedes Smartphone das gleiche tut, darüber berichtete lediglich ein deutsches Expertenblog. Google kann eigentlich einzig vorgeworfen werden, die Daten nicht umgehend gelöscht zu haben. Wer als Journalist dieses technische Verständnis hat – oder es bei einer Recherche dank Internet binnen Sekunden findet – käme sofort zur weit interessanteren Frage, warum und von wem diese Google-Bagatelle zur grossen öffentlichen Datenschutzfrage hochstilisiert worden war. Ähnlich verhält es sich mit den Geschichten über „Selbstmordwellen” bei Unternehmen, wie sie 2009 die France Télécom und aktuell die chinesische Foxconn in die Schlagzeilen brachten. Wochenlang wird über neuste Fälle und politische Forderungen geschrieben. In Blogs weisen Experten darauf hin, dass beide „Selbstmordwellen” deutlich hinter der durchschnittlichen Suizidrate des jeweiligen Landes zurückliegt. Eine Erkenntnis, die in 30 Sekunden ergoogelt werden kann. Die folgenden Fragen, nämlich wem die Schlagzeilen nützen, wer sie in die Welt gesetzt hat oder allenfalls, warum der Statistikvergleich nicht gilt, wären verdienstvoller als die blutigen Details des jüngsten Falles. Die Antwort-Maschine Internet hat das Nachrichtenwesen enorm beschleunigt. Eine Tageszeitung muss sich heute deswegen mit der analytischen Leistung rechtfertigen, die früher die Wochenzeitung erbrachte. Es liegt an den Medienschaffenden, den Tempogewinn des Internets für die Erarbeitung dieses Mehrwerts zu nutzen. Bedingung ist, sich mehr und nicht weniger als die Leserschaft mit dem Instrument auseinander zu setzen.
Surfbrett Recherchieren im Internet
ERDFERKEL BEFRAGEN Suchen im Internet wird zu Unrecht mit Google gleichgesetzt, auch wenn die grösste Suchmaschine viele Einstellungen bietet, mit denen sich die Flut an Treffern beschränken und verbessern lässt. Es lohnt sich, sich mit den Zusatzfunktionen vertraut zu machen. Zudem bietet Google Spezialsuchmaschinen, etwa für wissenschaftliche Arbeiten mit „Scholar” (http://scholar.google.com). Neben Google steht mit Bing von Microsoft (bing.ch) eine ähnlich mächtige Suchmaschine auch auf Deutsch zur Verfügung. Für lokale Suchen in der Schweiz bietet sich search.ch an. Wenn man nicht alle zur Verfügung stehenden Suchmaschinen einzeln abklappern will, sind Metamaschinen die richtige Wahl: Sie reichen den Suchbegriff an ganze Reihen von Suchmaschinen durch und liefern alle Resultate zurück, zum Beispiel Metager2 (www.metager2.de) oder die komplexere Metager (http://meta.rrzn.uni-hannover.de). Dasselbe gibt es für die Schweiz in Form von Apollo 7 (www.apollo7.ch). Daneben gibt es viele interessante neue Konzepte. Wolfram Alpha (http://www.wolframalpha.com/) hat sich darauf verschrieben, Antworten auf konkrete Fragen zu „berechnen”: Für mathematische Auskünfte, Daten oder den Vergleich zweier Aktienkurse liefert die Maschine erstaunliche und oft sehr viel weiterführende Resultate. Statt einer Maschine andere Menschen befragen kann man mit dem Erdferkel „Aardvark” (http://vark.com/). Hier werden Fragen via Email oder Instant Messaging in Echtzeit andern Experten zugestellt. Einen Überblick über Spezialsuchmaschinen gibt www.suchmaschinenindex.de.
Peter Sennhauser ist Chefredaktor von www.blogwerk.com, die auch medienlese.com herausgibt.
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