Dinu Gautier hat für seine Recherchen über die Bespitzelung von Globalisierungs-Kritikern den Zürcher Journalistenpreis erhalten. Wie ist seine Artikelserie zu „Nestlégate” entstanden? Ein Werkstattbericht von Dinu Gautier
Im Sommer 2008 enttarnte der Journalist Jean-Philippe Ceppi in der Fernsehsendung „Temps présent” die erste Nestlé-Spionin. In der Folge wurde bekannt: Im Auftrag des Nahrungsmittelmultis Nestlé hatte die Sicherheitsfirma Securitas ab 2003 mindestens zwei Spioninnen bei der globalisierungskritischen Gruppe Attac Vaud eingeschleust. Eine weitere Securitas-Spionin bewegte sich in der autonomen Szene von Lausanne. Bereits im Januar 2008 hatte ich mich mit der Abteilung Investigation Services (IS) der Securitas auseinandergesetzt. Das kam so: An einer bewilligten Anti-WEF-Demo in Bern fielen mir zwei junge Männer und eine Frau auf, die mit Kameras systematisch Demonstranten fotografierten. Auf die Frage, in wessen Auftrag sie arbeiteten, sagte einer der Männer: „Securitas”. Ich konfrontierte Securitas-Generalsekretär Reto Casutt mit der Beobachtung. Er sagte, der Mitarbeiter sei ohne Auftrag und aus privatem Interesse bei dieser Demonstration dabei gewesen. Er arbeite bei Securitas St. Gallen.
Der Verdacht. Die Geschichte erschien mir, gelinde gesagt, als nicht sehr plausibel. Die Vermutung lag nahe, dass es sich hier um einen Observationseinsatz der Investigation Services handeln könnte. Ich rief mehrmals bei der Securitas in St. Gallen an, wollte den Mann sprechen. Er war nie zu erreichen. Ich rief im Grossraum Ostschweiz jede im Telefonbuch verzeichnete Person mit diesem Namen an. Kein Erfolg. Erhellender war ein direkter Anruf bei den IS. In der Gewissheit, dass ich als Medienschaffender keine Auskunft erhalten würde, gab ich mich als potentieller Auftraggeber aus. Auf die Frage, ob sich herausfinden lasse, ob eine bestimmte Person an einer bestimmten Demonstration teilnehmen würde, wurde der IS-Mitarbeiter konkret: Am besten lasse man die Zielperson am Tag der Demonstration observieren. Dafür brauche es mindestens zwei Agenten, was nicht ganz billig sei. Jetzt war ich mir sicher, dass die IS erhöhte Aufmerksamkeit verdiente. Ich schrieb der prekären Faktenlage wegen noch keinen Artikel, sondern nahm mir vor, diesbezüglich die Augen offen zu halten. Als dann im Sommer durch Philippe Ceppi die erste Spionin enttarnt wurde, bereute ich es sehr, im Winter am Thema nicht mit mehr Hartnäckigkeit weiter recherchiert zu haben. Nun kontaktierte ich über offizielle Kanäle die Firmen Nestlé und Securitas, wobei – wenig überraschend – nichts Neues zu erfahren war. Der Mediensprecher von Nestlé verweigerte jegliche Antworten. Ich hätte ihn genau so erfolglos fragen können, ob er den Namen Peter Brabeck schon einmal gehört habe.
Heikle Gespräche. Eine andere Kommunikationsstrategie wählte Securitas. Generalsekretär Reto Casutt plauderte munter drauflos und versuchte die Affäre wortreich herunterzuspielen. Das Problem: Bereits seine ersten Verlautbarungen konnten offensichtlich nicht der Wahrheit entsprechen. Er behauptete, es sei bei der Mission lediglich darum gegangen, herauszufinden, welche Demon-strationsroute die Globalisierungskritiker während des G8-Gipfels am Genfersee wählen würden. Nur: Der Gipfel hatte im Sommer 2003 stattgefunden, die Infiltration bei Attac durch die Spionin mit dem Decknamen „Sara Meylan” begann aber erst im Herbst 2003. Bis heute frage ich mich, ob Reto Casutt bewusst desinformiert hat, oder ob er selber tatsächlich nicht im Bilde darüber war, wie und woran „seine” Geheimdienstabteilung gearbeitet hatte. Viel ergiebiger waren Gespräche mit von den Infiltrationen direkt Betroffenen und mit Personen im Umfeld der beiden Firmen – also mit Leuten, welche die Akteure kennen oder sogar selber dort gearbeitet haben. Mit letzteren ins Gespräch zu kommen, war schwieriger: Hier waren Anrufe bei den interessanten Personen zu Hause ergiebiger als Kontakte über die Bürosekretärin. Ich habe es mir auch angewöhnt, mit „normalen” Securitas-Angestellten auf der Strasse das Gespräch zu suchen, was zwar keine neuen Informationen zu den Spionagemissionen, wohl aber Stimmungsbilder aus dem Unternehmen vermittelte.
Vertrauen gewinnen. Die Spionageopfer hatten hingegen von sich aus ein Interesse zu erzählen. Dennoch waren gegenseitiges Vertrauen und kontinuierlicher Kontakt für diese Gespräche und die weiteren Recherchen entscheidend. Auch wenn es selbstverständlich tönen mag: Quellenschutz, korrekte Zitierweise und die Einhaltung von Vereinbarungen („off the records”) waren hierfür die Grund-voraussetzungen. Ich fuhr häufig nach Lausanne, denn Vertrauen lässt sich am Telefon schlecht aufbauen. Bereits Wochen vor der Enttarnung der zweiten Spionin (in der autonomen Szene), wusste ich, um wen es sich handelte. Darüber schreiben durfte ich aber noch nicht, weil die Spionageopfer dem Westschweizer Fernsehen den Primeur versprochen hatten. Dafür blieb Zeit für Recherchen zur Spionin, einer Frau mit, wie sich zeigen sollte, wahrlich spezieller Persönlichkeit. Sie ist SVP-Mitglied, gleichzeitig aber fasziniert von Hippiesymbolik. Sie hält sich Kampfhunde, ist in Waffen vernarrt und hat früher in Indien Leprakranke gepflegt. Letzteres hatte sie auch ihren „Freunden” in der autonomen Szene erzählt. In der Schweizer Mediendatenbank SMD liess sich ihr echter Namen finden. Dies durch eine Suchanfrage mit den Schlagwörtern „lèpre” und „Securitas”. Die Frau hatte sich 1997 und 1999 von der Zeitung „24heures” porträtieren lassen. In der Landesbibliothek fand sich ein Foto der Spionin. Weitere Details lieferten auch Internetrecherchen: So ergab etwa eine Suche mit einem Tippfehler im Namen den Beleg für ihre Mitgliedschaft bei der SVP.
Aufwendige Kleinarbeit. Über die Monate, in welchen ich immer wieder an der Geschichte gearbeitet hatte, sind auch viele Stunden Recherchearbeit erfolglos geblieben. So wurden etwa weitere Spionageverdachtsfälle an mich herangetragen. In einem Fall liess sich auch nach aufwändigen Recherchen lediglich mit Sicherheit sagen, dass eine Person, die der Infiltration einer linken Gruppe bezichtigt wurde, bezüglich der eigenen Biografie gelogen hatte. Es gelang mir aber nicht, die vor Jahren untergetauchte Person zu finden. Ende 2008 beschloss ich, diese Sache vorerst ruhen zu lassen, da das Verhältnis von Aufwand und Ertrag bei dieser Recherche offensichtlich nicht mehr stimmte.
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