Der „Tages-Anzeiger” verkleinert seine Redaktion und will trotzdem Qualität bieten. Mit einem anderen Zeitungskonzept, das für die Schweiz neu sein soll. Von Philipp Cueni
Kann das Freude machen, statt Geschenken blaue Briefe zu bringen, bei den Leuten gefürchtet zu sein statt geliebt?” Das schreibt Res Strehle, heute Co-Chefredaktor beim „Tages-Anzeiger”, 1997 im NZZ-Folio zum Thema „Sanierer”. Natürlich macht es keine Freude, beantwortet er seine damalige Frage heute selbst. Strehle wusste, was auf ihn zukommt, als er „Ja” zur Chefredaktion sagte. Er hat diese Voraussetzungen akzeptiert. „Den Abbau hätte jeder Chefredaktor durchführen müssen. Ich musste mich fragen, ob es möglich ist, Qualitätsansprüche zu erfüllen. Die Antwort war für mich ein ‚Ja’. Ich konnte mitgestalten, wie das neue redaktionelle Konzept des ‚Tages-Anzeigers’ aussehen soll. Es gab verschiedene Varianten und meine Vorstellungen sind schliesslich akzeptiert worden. Der neue ‚Tages-Anzeiger’ wird eindeutig keine Regional-Zeitung wie die ‚Berner Zeitung’.” Und wenn Strehle hört, der neue „Tagi” werde sich dem Boulevard verschreiben, dann wird er ziemlich wütend: „Das ist schlicht Unsinn.”
Vorbild „Guardian”. Der „Tages-Anzeiger” sieht sich divergierenden Ansprüchen seiner Leserinnen und Leser gegenüber: Da ist jene Gruppe, für welche der Regionalteil und der Sport entscheidend ist. Oder jene Gruppe, welche fast ausschliesslich den Mantelteil liest. Und dann gibt es eine dritte Gruppe mit einer gemischten Nutzung. Strehle will diesen Spagat weiterhin machen und alle diese Bedürfnisse abdecken. Trotzdem soll der „Tages-Anzeiger” grundsätzlich verändert werden: „Wir machen ein neues Zeitungskonzept.” Das „andere Zeitungskonzept” ist in dieser Form neu für die Schweiz, es ist aber keine Erfindung des „Tagi”. Strehle orientiert sich explizit an Vorbildern wie dem „The Guardian” oder dem „Svenska Dagbladet”.
Weniger Chronologie. „Wir wollen im Mantelteil mehr substanzielle Eigenleistungen bieten, mehr fokussieren und damit Schwerpunkte setzen. „Wir wollen vermehrt Einschätzungen und Analysen bieten”, sagt Strehle. „Wir wollen pro Tag vier bis fünf herausragende Geschichten als Eigenleistung bieten. Und vier bis fünf beeindruckende Bilder.” Dafür werde bei der Chronologie, der „Protokollführung der Zeitgeschichte” zurückgefahren, denn das würden bereits andere Medien bieten. Als Beispiel nennt Strehle die Berichterstattung über die Beschlüsse des Bundesrates: Da sei man jetzt schon am Anschlag, wenn man alles berichten wollte. In Zukunft werde man dezidiert Schwerpunkte setzen. Denn man wolle der Leserschaft etwas bieten, das über den News-Stand der Agentur hinausgehe. Trotzdem verzichtet man nicht ganz auf eine Chronologie, die man vor allem von der Agentur beziehen werde. „Auf diesen News-Teppich stellen wir dann unsere ‚Möbeli’, also unsere redaktionellen Eigenleistungen.” Im Regionalteil indes sei dieses Konzept so nicht möglich: Weil die Agenturen hier nicht alles abdecken, gehöre die Protokollführung über das regionale Geschehen weiterhin zum Pflichtstoff.
Grosse Bilder. Der „Tages-Anzeiger” wird im September auch anders aussehen. „Es gibt ein Re-Design, aber wir wollen keinen völligen Bruch zum bisherigen Erscheinungsbild. Das wurde zwar geprüft, aber verworfen.” Mit dem neuen Design wird mehr Leserführung angestrebt, dem Leser sollen die Schwerpunkte schneller auffallen. Der „Tagi” will sich über die Gestaltung als „modern und hochwertig” (Strehle) präsentieren. Bedeutend mehr Gewicht bekommt das Bild: Auch mit gros-sen Bildern sollen Schwerpunkte gesetzt werden. Alles in allem werde die neue Vierbundzeitung mit den Wechselseiten im Regionalteil nur etwa ein bis zwei Seiten weniger anbieten – und wegen der grösseren Bilder noch etwas weniger Textanteil. Res Strehle ist überzeugt, dass dieser Umfang auch mit 50 Stellen weniger zu schaffen sei und trotzdem ein hohes Qualitätsniveau gehalten werden könne.
Kleinere Redaktion. Man nimmt Strehle die Überzeugung für die Qualitätszeitung ab. Bei seinen Ausführungen nicht ganz ersichtlich wird, warum und vor allem wie das neue Konzept und die hohen Ansprüche mit einer derart verkleinerten Redaktion zu schaffen seien. Es ist schwer zu glauben, dass sich ein Abbau von 50 Stellen kaum auf die redaktionelle Leistung auswirkt. Offenbar soll das Netz der Auslandkorrespondenten deutlich ausgedünnt werden. „Wir können die Qualität fördern, wenn wir mit anderen Zeitungen weitere Kooperationen eingehen”, sagt Strehle. Strehle weiss um die verunsicherte Stimmung in den Redaktionen und kann viele negative Reaktionen etwa der Personalkommission verstehen. Es muss die verbliebenen Redaktorinnen und Redaktoren nun erst von seinem Konzept überzeugen, das an der Redaktionsbasis noch kaum bekannt ist. Und dann wird sich erst erweisen müssen, was mit dem verkleinerten Team wirklich zu leisten ist.
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