Radio bleibt Radio, Fernsehen bleibt Fernsehen

Der langjährige DRS-Mitarbeiter Iso Rechsteiner wird Nachfolger von Radiodirektor Walter Rüegg. Was sind seine Pläne? Rechsteiner stellt sich den Fragen von EDITO.
Interview: Philipp Cueni

EDITO: Herr Rechsteiner, Sie werden als neuer Radiodirektor gewählt – obwohl bald schon eine gemeinsame Direktion von Radio und Fernsehen geplant ist. Haben Sie einen befristeten Vertrag?
Iso Rechsteiner:
Mein Arbeitsverhältnis ist nicht befristet, und ich werde auch nach dem 1. Januar 2011 an Bord sein. Falls sich die Frist bis zur Einsetzung einer gemeinsamen Direktion von Radio und Fernsehen verzögern sollte, wird SR DRS also nicht plötzlich ohne Führung dastehen.

Und was dann? Der Radiodirektor muss doch automatisch auch ein möglicher Kandidat für die „Superdirektion” von Radio und Fernsehen sein.
Ich bin froh, wenn ich mich jetzt zunächst auf meine neue Aufgabe konzentrieren kann. Alles andere ist noch weit weg.

Was sind die thematischen Schwerpunkte Ihrer Arbeit in den kommenden zwei Jahren?
Es ist mir wichtig, dass wir unsere Stärken bewahren und unseren Auftrag weiterhin gut wahrnehmen können. Wir sind verlässlich, glaubwürdig und zuverlässig. Dies zu bewahren in einer Medienlandschaft, die sich strukturell sehr stark verändert und weiter verändern wird, ist eines meiner Hauptanliegen. Thematischer Schwerpunkt wird zweifellos die angestrebte Medienkonvergenz bilden. Gemeinsame Handlungsfelder mit dem SF zu finden, zu lancieren und zu konsolidieren wird eine anspruchsvolle Aufgabe werden, die ich im Steuerungsausschuss des Verwaltungsrats und als Radiodirektor eng begleiten werde. Bei allem Engagement dürfen wir jedoch unser Kerngeschäft, unser Daily Business nicht vergessen. Der Regelbetrieb ist gerade bei einem Projekt von der Tragweite einer Medienkonvergenz von entscheidender Wichtigkeit. Es darf nicht sein, dass unsere Programmleistungen wegen des Projektes nachlassen.

Ist von Ihnen in den grossen Linien eine Fortsetzung der „Direktion Rüegg” zu erwarten oder wollen Sie eigene, markante Akzente setzen?
An unserer Strategie „1 Radio – 6 Programme” wird sich vorerst nichts ändern. Sie basiert auf unserem Konzessionsauftrag. Die Strategie hat sich bewährt und wird vom Publikum geschätzt. Immerhin ist der Marktanteil von SR DRS in den letzten zehn Jahren stark angestiegen auf rund 62 Prozent. Aber selbstverständlich werden wird unsere Programmleistungen weiterhin kritisch hinterfragen und immer wieder auch an die neuen Nutzungsgewohnheiten anpassen. Dies ist ein fortdauernder Prozess.

Beginnt der neue Radiodirektor mit einem Sparauftrag der Generaldirektion?
Bisher haben wir keine Kenntnis von allfälligen Sparauflagen der Generaldirektion. Unsere Mittelfristplanung sieht jedoch vor, dass SR DRS dank zahlreichen kleineren Massnahmen in allen Abteilungen bis 2011 wieder ein ausgeglichenes Budget haben wird.

Haben diese „kleineren Massnahmen” Auswirkungen auf das Programm oder die Anstellungen?
Die Mittel im hörbaren Programm bleiben unverändert. Die wichtigsten Massnahmen sind: Senkung der fixen Strukturkosten für die Programmherstellung und die Verwaltung, Abbau von Zeitguthaben, Sparmassnahmen bei Materialbeschaffungen, Einbau von günstigerer Sendeinfrastruktur bei Infrastrukturerneuerungen in den Regionalstudios sowie Sparmassnahmen bei den Personalrestaurants durch Preiserhöhungen. Es ist vorgesehen, bis 2011 durch Personalfluktuation sieben Stellen einzusparen, verteilt sowohl auf die Programme als auch auf die rückwärtigen Bereiche.

Das Hauptthema der kommenden Jahre ist die Konvergenz und die Zusammenführung von Radio und TV zu einer gemeinsamen Unternehmenseinheit. Sie werden das Radio in diesem Prozess nun vertreten. Sie Abweichungen von der bisherigen Linie zu erwarten?Wir haben monatelang spekulativ über Prozesse und über Organigramme gesprochen. Jetzt sind wir am Punkt angelangt, wo wir uns die nötigen Grundlagen beschaffen müssen, um zu beurteilen, in welchen Bereichen es Sinn macht, wenn wir näher zusammenrücken. Es geht nun darum, das Projekt Medienkonvergenz mit Inhalt zu füllen, damit wir verlässliche Grundlagen für die künftige Ausrichtung der beiden Medien haben.

Manche befürchten einen möglichen Verlust von spezifischen Radio-Qualitäten, vor einer Dominanz des Fernsehens unter einem grossen gemeinsamen Dach.
Dass ein Zusammengehen zweier Unternehmen Skepsis auslöst, ist völlig klar. Eines jedoch ist sicher: Radio wird auch in Zukunft Radio bleiben, Fernsehen bleibt Fernsehen. Wir müssen uns der Stärken beider Medien weiter bewusst sein und versuchen, sinnvolle gemeinsame Handlungsfelder zu definieren. Dies ist die Absicht der vielen Teilprojekte, welche ja in Kürze gestartet werden und letztlich in einem Projektbericht zu Handen des Verwaltungsrats münden. Ich unterstütze das Anliegen, Prozesse von Zeit zu Zeit zu hinterfragen und allenfalls zu verändern. Die Diskussionen darüber müssen wir in den nächsten Monaten führen. Und hier soll durchaus auch Raum sein für kritische Fragen.

Wo sehen Sie Gefahren und wo mögliche „Gewinne” für das Radio durch die Konvergenz?
Das grösste Risiko liegt im Unvermögen, die Mitarbeiterschaft „mitzunehmen”. Dies muss uns gelingen, wenn wir der Medienkonvergenz Erfolg bescheren möchten. Umgekehrt besteht durchaus die Chance, dass unter Wahrung der Eigenständigkeit beider Medien für das Publikum ein Mehrwert entstehen kann.

Welche Hauptpositionen muss denn das Radio im Konvergenz-Projekt verfolgen? Ist eine eigene Programmleitung für das ganze Radioprogramm denkbar?
Der Konvergenz-Bericht, den der nationale Verwaltungsrat verabschiedet hat, benennt sogenannte „Vektor-Verantwortliche” für Radio, Fernsehen und Multimedia. Ich gehe also davon aus, dass auch in der neuen Organisation eine Person die Gesamtverantwortung für das jeweilige Medium übernehmen wird. Wie und wo diese Funktion hierarchisch angesiedelt sein wird, ist im Moment noch unklar.

Auch wenn Sie schon lange bei SR DRS arbeiten: Viele Mitarbeitende kennen Sie noch kaum. Wie wollen Sie ihr Vertrauen gewinnen?
Es ist mir bewusst, dass die Erwartungen hoch sind. Als langjähriger Mitarbeiter von SR DRS kenne ich jedoch bereits sehr viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und stehe zu den Interessen und Stärken unseres Mediums. Aber es ist richtig: Die Leute kennen mich nicht in meiner Funktion. Es ist mir ein Anliegen, so offen und transparent wie möglich zu informieren und den Dialog anzubieten. Ich werde dazu wie schon mein Vorgänger Walter Rüegg regelmässig die Studios für Mitarbeiter-Informationsveranstaltungen besuchen und aus erster Hand informieren – erstmals nach den Sommerferien. Und selbstverständlich führen wir unsere etablierten internen Kommunikationsprozesse im bisherigen Rahmen weiter.

Das Gespräch fand vor der definitiven Wahl durch den Regionalrat statt und einige Stunden, bevor bekannt geworden ist, dass Ingrid Deltenre zurücktritt. Wegen einem Auslandaufenthalt von Rechsteiner musste das Interview auf schriftlichem Wege stattfinden.


Kommentar
Rechsteiners Frage nach dem „Sinn”
Der neue Radiodirektor kommt aus der Redaktionstradition von SR DRS. Er ist kein externer Manager, sondern hat sich als Programm- und Info-Mensch profiliert. Er kennt das eigene Haus und auch die Bedenken vieler KollegInnen gegenüber dem Konvergenzprojekt. Mit dieser Herkunft wird Rechsteiner für die Mitarbeitenden und deren Anliegen hoffentlich auch direkt zu erreichen sein.
Bei Amtsantritt interessiert, was „der Neue” vorhat, was er ändern will. Meist kommen vorsichtige Antworten, die kaum klare Schlüsse ermöglichen. Auch Iso Rechsteiner formuliert abgewogen und diplomatisch. Auf die Fragen nach eigenen Akzenten gegenüber der Linie Rüegg bietet Rechsteiner wenig Substanz. Präzisere Aussagen würden eine gute Basis bieten für die angekündigte Transparenz und die erwünschten kritischen Fragen.
Vor allem interessiert, welche Linie Rechsteiner beim Konvergenz-Projekt fährt. Dazu liefert er doch einige interessante Formulierungen: Er scheint auch in einem Konvergenz-Modell die Verantwortung für das ganze Radioprogramm beim Radio behalten zu wollen. Und er will die Konvergenzprojekte danach beurteilen, ob sie „sinnvoll” seien. Die banale, aber nicht selbstverständliche Frage nach dem Sinn formuliert Rechsteiner gleich zweimal. Das lässt hoffen, dass der Konvergenzprozess vom Radiodirektor nach inhaltlichen Kriterien und nicht nur nach Strukturmodellen angegangen wird.
Philipp Cueni

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