Die reale Erfahrung ist immer anders, als ...

Günter Wallraff über das Handwerk der Undercover-Recherche, über die
persönliche Motivation für Strapazen bei der Arbeit und seine journalistische Grundhaltung.
Interview: Philipp Cueni/Bilder: Marion Nitsch

EDITO: Sie sind bekannt für Ihre Undercover-Recherche. Sie publizieren aber auch Reportagen mit üblichen Recherchemethoden.
Günter Wallraff:
Mir vertrauen sich zunehmend auch Informanten aus höheren Konzernetagen an; insbesondere dann, wenn aus Leitenden „Leidende” geworden sind. Eben hat sich hier in der Schweiz jemand aus einer Behörde an mich gewandt. Man sieht in mir eine Vertrauensperson, die sich eines Themas annimmt. Dann prüfe ich die Erfahrungsberichte und Dossiers sehr sorgfältig, denn ein einziger Zeuge reicht in der Regel nicht. Er kann kippen, unter Druck gesetzt oder auch gekauft werden. Wenn die Geschichte abgesichert ist, veröffentliche ich auch Reportagen aus zweiter Hand. Das ist allerdings die Ausnahme.

Indirekte Reportagen in Ihrem Buch drehen sich um die Edelgastronomie, Starbucks oder „die kriminellen Zustände” bei der Deutschen Bahn „als Folge der versuchten Privatisierung”.
Im Fall Starbucks zum Beispiel kamen Informanten. Ich habe selbst da nicht gearbeitet, war aber vor Ort und habe Informanten, die noch dort arbeiten und die ich schützen muss. In Einzelfällen habe ich auch schon neue Arbeitsstellen vermittelt.

Stützen Sie sich bei der Recherche aus Distanz vor allem auf Informanten und deren Schilderungen, oder gehen Sie die üblichen mühsamen Recherchewege und prüfen auch Dokumente, fragen bei Unternehmen oder Ämtern nach?
Ich habe immer mehrere Zeugen, hole eidesstattliche Erklärungen ein, überprüfe entsprechende Dokumente und konfrontiere die Unternehmen und Behörden anschliessend mit den Vorwürfen.

Und wie schützen Sie sich vor Falschspielern?
Ich muss die Informationen und Quellen kritisch gegenrecherchieren. Im Zweifel entscheide ich mich gegen die Veröffentlichung der Geschichte.

Ihre Methode der Undercover-Recherche nennt man inzwischen ja „Wallraff-Methode”. Die Methode ist mit Ihrer Person verknüpft – wollen Sie diese auch weitervermitteln?
Ja, ich habe weder ein Patentrecht noch einen Alleinvertretungsanspruch. Im Gegenteil. Ich habe auch Kontakte zu Kollegen im Ausland, welche sich auf meine Methode berufen – in Italien Fabrizio Gatti, in China einen Kollegen, der mit hohem Risiko als Wanderarbeiter recherchierte, und eben habe ich in Ghana einen ghanesischen Kollegen getroffen, der diese Arbeit in verschiedenen Ländern unter Lebensgefahr und mit grosser Obsession macht. Da geht es zum Beispiel um Kinderprostitution und Drogenhandel. Das können viele andere auch machen und es gibt auch die Bereitschaft. Es gehört eine gewisse Ausdauer dazu, denn den schnellen Erfolg bringt dieser Journalismus nicht. Man muss auch bereit sein, ein Thema wieder fallen zu lassen, wenn man der Rolle nicht gewachsen ist. Die Methode ist lernbar, ich bin dabei Konzepte zu entwickeln.

Wallraff-Geschichten sind grosse Geschichten. Können Sie denn auch dem Journalisten im kleinen Alltag etwas mitgeben. Kann er, kann sie etwas von Ihnen lernen?
Ich glaube schon, denn es ist ja eine Grundhaltung damit verbunden: Zu hinterfragen, sich nicht von offiziellen Stellen abspeisen zu lassen, dafür Insiderwissen zu erlangen. Und nicht nur unter seinesgleichen zu verkehren. Keine Hofberichterstattung zu betreiben, sondern den jeweils Schwächeren eine Stimme zu geben. Also Neugierde ist gefragt und die Bereitschaft, eigene Vorurteile zu überwinden. Und sich die unbequeme Sitzhaltung anzugewöhnen, zwischen den Stühlen zu sitzen: Man wird nicht gestützt und kann sich nicht anlehnen, aber fürs Rückgrat soll’s förderlich sein.

Zur Berufs-Haltung. Ihre Arbeit wird journalistisch von Kollegen auch kritisiert, Sie würden nicht eigentlich journalistisch arbeiten.
Es ist eine Grenzform. Es geht über das normal Handwerkliche hinaus, es ist eine Form ... (überlegt) … wie nenn ich das denn – ich weiss gar nicht. Also ein Beispiel: Ich krieg so viele Unrechtsfälle zur Kenntnis und laufe mit einem schlechten Gewissen herum. In dieser Situation kann ich einiges bewegen. Ich konfrontiere Behörden oder Unternehmen mit meinem Wissen und mache Druck. Und sage: „Wenn Sie das in Ordnung bringen, dann entlasten Sie mich und Sie sich auch, damit ich das nicht veröffentlichen muss”. Und siehe da, dann kommen welche zu ihrem Recht, oder ich trete als Mediator auf. Das mache ich nebenbei, mache damit eigentlich mein Thema kaputt, aber das Resultat ist eine Genugtuung. Ja, ich setze mich für gerechtere Verhältnisse ein.

„Auf keinem Auge blind sein” fordern Sie. Sie nehmen aber eine anwaltschaftliche Haltung ein. Wie bleiben Sie als Journalist dennoch glaubwürdig?
Man kann nicht allen gerecht werden, sondern soll Position beziehen. Ich stehe auf Seite der Schwächeren, die keine Lobby haben. Das ist sehr wohl parteiisch, was aber nicht parteipolitisch heisst.

Sie berichten einseitig?
Ich muss alle Aspekte berücksichtigen und es muss stimmen – das ist der Gradmesser.

Konfrontieren Sie die Gegenseite denn mit Ihren Vorwürfen?
Ja. Meine Aussagen müssen vor Gericht standhalten. Meine Bücher sind fast alle gerichtsbeglaubigt, denn fast immer haben sie Prozesse nach sich gezogen.

Sie sind mit viel Gegendruck konfrontiert.
Beim neuen Buch hat ein Betreiber eines Callcenters durch Einschüchterungsversuche Grossisten davon abgehalten, das Buch auszuliefern. Juristisch war das heisse Luft, denn ich hatte für meine Aussagen Zeugen, und so habe ich über meinen Verlag Schadenersatz angedroht. Das hat gewirkt.

Sie kommen bei Ihrer Arbeit während Ihrer Rollen-Recherchen in sehr unangenehme Situationen: Körperlich, psychisch. Was ist Ihre Motivation?
Zugehörigkeit zu schaffen zu Menschen, die nicht dazugehören, denen ich mich noch am ehesten zugehörig fühle. Denen, die keine Stimme und Lobby haben, Gehör und Öffentlichkeit zu verschaffen. Es ist für mich ein Bedürfnis, denen nahe zu sein. Und daraus entstehen oft auch Freundschaften. Ich fühle mich in vielem doch sehr fremd in dieser Gesellschaft. Und indem ich die Rolle des jeweils Fremden annehme, entsteht eine neue Zugehörigkeit.

Sie fühlen sich in diesen gespielten Rollen weniger fremd als im „normalen” Leben?
Das ist paradoxerweise oft der Fall. In den Rollen spüre ich eine Authentizität, bin spontaner, kreativer, lernfähiger – und aus der Notwendigkeit heraus fällt mir immer mehr ein. Im normalen Leben bin ich eher meditativ und auf Ausgleich bedacht. In den Rollen werde ich oft so gefordert, dass ich – wenn’s denn sein muss – auch zum kämpferischen Menschen werde.

Ist es Ihnen in der Rolle tatsächlich immer so wohl, auch wenn Sie zum Beispiel nachgucken, ob es Ungeziefer in Ihrer Matratze des Obdachlosenheimes hat oder wenn Sie Angst haben vor Gewalt.
Es ist immer wieder eine Überwindung aus einem privilegierten und abgesicherten Leben auszubrechen und diese Vorrechte zumindest vorübergehend hinter sich zu lassen, eine Stellvertreterrolle einzunehmen und etwas zurückzugeben. Ich habe mein Renommee über diese Arbeit erhalten. Es wäre feige und Verrat zu sagen: so, das war’s jetzt.

Sie sind in Griechenland bei einer Reportage gefoltert worden. Gibt es für Sie keine Grenze, kein Gefühl „das schaffe ich nicht”?
Es ist schwer genug, in die Rolle reinzukommen. Nach einiger Zeit stehe ich nicht mehr neben mir, sondern bin mit der Rolle verwachsen. Dann träume ich nach einigen Wochen nachts schon mal in der neuen Identität. Dann kann ich nicht mehr raus, kann nicht mehr sagen „bis dahin und nicht weiter.”

Haben Sie denn während Ihrer Rolle ethische Bedenken? Schliesslich spielen Sie den Leuten etwas vor, sind nicht wirklich der Kumpel, den Sie vorgeben. Und Sie haben eine Rückzugsmöglichkeit aus der unangenehmen Situation.
Diejenigen, deren Schicksal ich teile, sind von meiner Arbeit begeistert, ermutigen mich: Endlich macht jemand etwas. Sie selbst haben diese Möglichkeit nicht. Ich bin auch schon erkannt worden. Und der Kollege hat geschwiegen und es mir erst nach Beendigung meiner Arbeit gesagt, um mich nicht zu verunsichern, weil er gut fand, was ich tue. Das ist ein Vertrauensbeweis. Und ebenso, wenn fremde Menschen zu mir kommen und mir ihre Dokumente oder ihr Vorwissen anbieten.

Aber setzen Sie sich denn keine selbst definierten ethischen Spielregeln?
Da, wo der Privatbereich und erst Recht der Intimbereich auch des übelsten Gegners anfängt, da hat meine Rolle nichts zu suchen. Wo die BILD-Zeitung anfängt, hört meine Arbeit auf.

Stiften Sie in Ihrer Rolle nicht Menschen zu Handlungen an, die sonst so nicht stattgefunden hätten?
Wozu stifte ich denn an? Höchstens dazu, dass sich jemand etwas nicht mehr gefallen lässt, dass jemand über seine Probleme beginnt zu reden, weil er Selbstbewusstsein entwickelt oder Zivilcourage unter Beweis stellt.

Im Kodex des Presserates steht: Verdeckte Recherchen sind nur ausnahmsweise zulässig, wenn diese Informationen nicht auf andere Weise beschafft werden können.
Wenn Menschenrechte verletzt oder Rechte der Arbeiterbewegung wieder derart in Frage gestellt werden oder ganz abhanden kommen, ist das geradezu ein Notwehrrecht. Im amerikanischen Journalismus ist diese Methode traditionell unbestritten.

Sie recherchieren für Reportagen konventionell, und Sie recherchieren für andere Geschichten undercover in einer Rolle: Zwei unterschiedliche Methoden mit ähnlichem journalistischen Resultat?Das „Indirekte” ist weniger eindringlich. Das eigene Erleben hat für die journalistische Schilderung eine andere Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft und ist nachvollziehbarer.

Sprechen wir über Ihr Handwerk: Wie sieht die Vorbereitung einer solchen grossen Rollenrecherche aus?
Unterschiedlich. Einige wachsen über Jahre. Ich hatte im Apartheidsregime für Südafrikas eine Rolle als Schwarzer vorbereitet, die sich dann durch die Freilassung von Nelson Mandela erübrigte. Dann hatte ich eine Rolle als Bootsflüchtling vorbereitet, hatte aber keinen Schlepper gefunden, der bereit war, mich gegen Bezahlung mitzunehmen. Dann die Ali-Rolle – das alles sind Rollen, die über lange Zeit wachsen. Aber es gibt auch Gelegenheiten, wo ich alles hinter mir lasse und spontan in eine neue Rolle eintauche.

Führen Sie denn zur Vorbereitung auch konkrete Faktenrecherchen, wälzen Dokumente?
Zum Teil schon. Aber in der Regel kann ich niemanden in mein Vorhaben einweihen. Manchmal ist es bei der Rollenrecherche wichtig, dass man unvoreingenommen und unverstellt ins Geschehen abtaucht und den fremden Blick behält. Die reale Erfahrung ist immer anders, als man glaubt zu wissen. Es ist oft anders schlimm, weniger schlimm oder schlimmer schlimm; auf jeden Fall differenzierter, als man es sich vorgestellt hat.

Vorher sagten Sie, sie seien ganz in Ihrer Rolle drin. Aber Sie müssen ja zwischen-durch als Journalist funktionieren und sich Notizen machen oder ein Tonband bedienen.
Ich mache ständig Notizen und abends spreche ich auch auf Tonband. Manchmal lasse ich ein Tonband versteckt mitlaufen oder mich begleitet eine Drittperson mit versteckter Kamera. Was ich aus der Erinnerung aufschreibe, ist meist schwächer, da gibt es Abstriche, denn man legt sich selbst eine Zurückhaltung auf und relativiert, weil man sachlich bleiben will. Deshalb sind Tonbandaufnahmen oder direkte Notizen wichtig.

Im Buch schildern Sie eine Situation: Sie schlafen im Schlafsack auf der Strasse, werden wachgerüttelt und erschrecken. Und dann stellen Sie das Tonband ein?
Nein, das Tonband lief bereits. Weil man nie weiss, wann etwas wichtig ist, lasse ich das Tonband oft lange laufen, beim Abhören ist dann halt auch Stille drauf.

Also immer wieder mal ein Wechsel zwischen Rolle und Journalist?
Ja, dann bin ich mein eigener Chronist. Oder auch der Aktivist, der versucht, vor Ort etwas in Gang zu setzen. Oder treffe auch nachträglich Personen, über welche ich kritisch berichtet habe: Demnächst den Fussballfanclub aus Dresden, deren Anhänger mich als Schwarzen bedroht hatten, oder die Schmuckverkäuferin, die mich als Schwarzen diskriminierend bedient hat. Und das führt zum Teil zu neuen Erkenntnissen.

Die Kamera ist ein neues Element, das Sie einsetzen. Es gibt von Ihnen neben den gedruckten Reportagen jetzt auch Filmdokumentationen.
Der Film zeigt nur einen Ausschnitt aus der ganzen Zeit als Obdachloser, im Buch ist das viel ausführlicher. Film und Text ergänzen sich. Damals bei „ganz unten” war der Film das schwächere Medium, jetzt ist es etwa gleichwertig. In einigen Situationen in Obdachlosenheimen war ein verkleideter Kameramann dabei, kein Profi, sondern jemand aus der Obdachlosenszene. Und in der Schwarzen-Rolle war mein Freund, der Regisseur Pagonis Pagonakis, mit Brillenkamera meist wie zufällig in meiner Nähe.

Wieweit ist Ihre Recherchearbeit Teamarbeit?
Ich als Einzelgänger und Einzelkämpfer bin da nicht der Geeignetste, das organisatorisch auszuweiten. Zudem muss ich mich gewissen Erfahrungen selbst ausliefern, um glaubwürdig zu sein. Zur Zeit habe ich einen Mitarbeiter – einen Überläufer aus der Callcenter-Szene. Sonst mache ich organisatorisch alles aus dem Bauchladen heraus (er zeigt auf eine dicke Agenda mit wilden Notizen), auch die Kontrolle der Fakten, die rechtliche Überprüfung. Ab und zu konsultiere ich einen befreundeten Rechtsanwalt. Die filmische Umsetzung ist naturgemäss dann allerdings Teamarbeit.

Hängt der Einzelgänger mit der Methode oder mit dem Menschen Wallraff zusammen?
Mit beidem wohl. Denn die Nachfolger in Italien, Ghana oder China sind bezeichnenderweise auch wieder Einzelgänger.

Sie haben oft „oben” bei Mächtigen recherchiert: in Griechenland gegen die Diktatur-Junta, im Fall Spinola gegen einen Staatsputsch in Portugal, oder bei der BILD-Zeitung. Jetzt geht es in Ihren Reportagen oft um die kleinen Leute unten. Sind das die neuen wichtigen Themen?
Diese Geschichten sind ja mit den ganz Mächtigen verflochten. Schauen Sie das Beispiel der unmenschlichen Arbeitsbedingungen in dieser Brotfabrik, welche ausschliesslich für Lidl arbeitet und wo Lidl die Arbeitsbedingungen diktiert. Oder die Callcenter. Da berichte ich über Missstände in zentralen Bereichen des alltäglichen Lebens.

Marion Nitsch ist Fotografin in Zürich.


Günter Wallraff, *1942, lebt in Köln, arbeitet seit 1966 als Journalist und Schriftsteller und publizierte unzählige Reportagen. 1970 wurden die „Industriereportagen” veröffentlicht. 1975 liess er sich im griechischen Obristenregime bei einer Protestaktion verhaften, wurde gefoltert und von einem Militärgericht zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt („Unser Faschismus nebenan”). 1977 berichtete er über seine verdeckte Recherche als Redaktor beim „Bild” („Der Aufmacher ‒ der Mann, der bei ‚Bild’ Hans Esser war”). 1978 vereitelte er mit „Aufdeckung einer Verschwörung. Die Spinola-Aktion” einen Staatsputsch in Portugal. In „ganz unten” (1985) berichtet er über die Erfahrungen als türkischer Arbeiter „Ali”. 2009 erschien „Aus der schönen neuen Welt – Expeditionen ins Landesinnere”.Siehe auch „Der Mann, der Günter Wallraff ist”, Biographie von Jürgen Gottschlich (KiWi 2009).

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