Einen massiven Stellenabbau wird Tamedia demnächst bekanntgeben. Andere Verlage haben ihre Arbeitsplätze bereits reduziert. Ein Schlag für die betroffenen Menschen und ein Stich in die journalistische Seele. Von Rosmarie Gerber
Die „Basler Zeitung” streicht 15 Prozent ihrer Stellen. Ringier hat die Print-Ausgabe von „Cash” eingestellt und 23 Entlassungen ausgesprochen. Die NZZ hat 29 Kündigungen verschickt und die „Aargauer Zeitung” spart 30 Stellen ein. Mit weiteren Entlassungen muss gerechnet werden. „Klar ist”, sagt Christian Mensch, Leiter Recherche der „Basler Zeitung” und Kenner der Medienlandschaft Schweiz, „bei Regionalzeitungen arbeiten wir alle mehr oder weniger auf Abruf.” Nicht nur bei Regionalzeitungen. „Die Aufbruchstimmung im Verlagsgewerbe scheint endgültig vorbei”, sekundieren Stephan Weikert, Professor für Medienwissenschaft in Hamburg und sein Berufskollege Leif Kramp aus Berlin. „Angesichts der Weltwirtschaftskrise wird präventiv wegrationalisiert und kaputtgespart – ein Akt kollektiver Hilflosigkeit, der unserem bis jetzt gesunden Mediensystem als wichtigem Eckpfeiler der Demokratie erheblichen Schaden zufügen könnte.” Bevor der „Eckpfeiler der Demokratie” ins Wanken gerät, haben gekündigte Journalistinnen und Journalisten „erheblichen Schaden” auszuhalten. Getrennt von ihrem Arbeitsfeld, bleiben sie auf ihrer öffentlichen Aufgabe sitzen. Der Verlag, für dessen Titel sie sich Nächte und Wochenenden um die Ohren geschlagen haben, hat keine Verwendung mehr für sie. Die Öffentlichkeit, die sie mit News, Fakten und Analysen bedient haben, geht für Schreiberinnen und Schreiber selten auf die Barrikaden. Einmal abserviert, in erzwungener Distanz zur oft ausufernden Arbeit, bleibt die Analyse eines journalistischen Kulturwandels, kommen Ängste und Selbstzweifel auf. Die Redaktorinnen und Redaktoren mutieren in gekündigter Stellung und im Diskurs um unternehmerische und journalistische Kultur auf eigenen Wunsch zu anonymen Nummern.
Unbedarfte Aufgeregtheit. „Ich habe mich mit meinem Medienhaus identifiziert. Aber ich realisiere einen Kulturwandel. Ich mache Angst und vorauseilenden Gehorsam auf den Teppich-Etagen aus. In der ganzen Medienlandschaft herrscht Hochkonjunktur für unbedarfte Aufgeregtheit”, konstatiert Nummer eins, die nach der Kündigung ein neues Jobangebot des alten Arbeitgebers ausgeschlagen und sich eine Auszeit verordnet hat. „Vielleicht”, sagt Eins, „steige ich aus dem Journalismus aus.” Diesen Schritt hat Zwei bereits vollzogen. Er hat den Redaktionsstuhl mit dem Chefsessel einer Stiftung vertauscht. „Sicher”, sagt Zwei, „erleben wir einen Zeitenwandel. Aber soviel ist klar: Ich kann mir wenig Angebote vorstellen, die mir die Arbeit in den Medien erneut attraktiv machen würden.”
Kein Gespräch. Den Abschied aus der Medienlandschaft probt auch Drei: „Ich bewerbe mich nicht mehr für journalistische Stellen. Eine Kultur, die Personalien und Persönliches vor Fakten und Hintergründe setzt, entspricht mir nicht. Kommt dazu: Die praktische Erfahrung dieser Kündigung war mehr als ungut. Wohl wurden die Fristen eingehalten und eine Abgangsentschädigung entrichtet, aber ein direktes Gespräch mit der Chefredaktion fand nicht statt. Irgendwann habe ich mein Büro geräumt. Davon hat eigentlich niemand Notiz genommen.” Nicht nur Drei wurde solcherart abserviert. Die Vorgesetzten in unterschiedlichen Häusern verschanzten sich, Kolleginnen und Kollegen gingen hilflos auf Distanz. Nummer vier sagt: „Einzelne meiner Kollegen haben sich nicht mal von mir verabschiedet.” Vorgesetzte, die Probleme im offenen Gespräch mit Untergebenen lösen, werden schnell zur Legende. Der Sportchef der AZ, Felix Bingesser, wird gerade hoch gehandelt. Die Grossverdiener in seinem Ressort haben ihre Arbeitszeit verringert, um eine Entlassung zu verhindern. Bingesser: „Ändert sich die Situation, besprechen wir das erneut. Das funktioniert.”
Wenig Sozialkompetenz. „Kündigungen sind ein Tabu in vielen Firmen. Und wenn eine ausgesprochen wird, stossen Betroffene, Vorgesetzte und Kollegen an ihre Grenzen”, erklärt die Arbeits- und Organisationspsychologin Trix Angst. „In dieser Situation zeigt sich, ob Vorgesetzte wirklich Führungskompetenz haben, ob sie Wertschätzung und menschliche Grös-se zeigen können. Angesichts der Beispiele scheint Sozialkompetenz in Medienkonzernen nicht gross geschrieben zu werden.” Angst prägt den Alltag auf den Rest-Redaktionen, konstatieren Salva Leutenegger, Zentralsekretärin von impressum, und Stephanie Vonarburg, Comedia-Zentralsekretärin. Die beiden stützen Entlassene und können in Einzelfällen beim Verlag intervenieren. Ein Gesamtarbeitsvertrag zwischen Journalistenverbänden und Verlegern existiert nicht. Auf kollektive Befindlichkeiten haben sie wenig Einfluss. Das hat Folgen: „Natürlich”, sagt Christian Mensch, „können sich bewegliche Leute neu orientieren. Nur ist die jetzige Situation redaktioneller Kreativität nicht gerade dienlich.”
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