Wie ein Beichtvater für den Banker

Wie man Videojournalismus gekonnt einsetzt, weiss Hansjürg Zumstein. Der langjährige SF-Mitarbeiter hat als VJ viel beachtete Filme realisiert. Ein Bericht aus der Werkstatt.
Von Fabian Eberhard

Der Schweizer Banker Rudolf Elmer besitzt vertrauliche Kundendaten und setzt damit seinen Arbeitgeber unter Druck. Nachdem er entlassen worden ist, greift er plötzlich zu neuen Mitteln. Er fälscht Dokumente, verschickt eigenartige E-Mails und stösst Drohungen aus. Die Polizei beschlagnahmt zwei Waffen bei ihm. Aus dem Whistleblower wird eine bedrohliche Person, und Elmer taucht ab.
Als erster Journalist traf Hansjürg Zumstein vom Schweizer Fernsehen (SF) den Banker in seinem afrikanischen Versteck auf Mauritius und verfolgte die Spuren des Falles. Doch wie war Zumstein überhaupt auf die Geschichte gestossen? Rudolf Elmer hatte selber die Rundschau kontaktiert. „Das Dossier des Falles landete auf meinem Schreibtisch”, erzählt Zumstein. Da er gleichzeitig an einer anderen Geschichte über einen Whistleblower arbeitete, liess sich das Ganze ideal kombinieren. Es folgte ein sporadischer E-Mail-Kontakt mit dem Banker. Aufgrund der brisanten Details verschlüsselten die beiden ihre elektronische Post. „Im Verlaufe der Vorrecherchen stiess ich dann aber mehr und mehr auf Ungereimtheiten und auf Fakten, die nicht zusammenpassten”, sagt Zumstein. „Ich realisierte, dass sich hinter der Whistleblower-Story noch eine andere Geschichte verbarg.” So entschloss sich Zumstein, die Parallelmontage fallen zu lassen und sich auf Rudolf Elmer und dessen persönliche Geschichte und Motive zu konzentrieren.
Dass er dabei mit der Methode eines Videojournalisten (VJ) produzieren würde, war für Zumstein sofort klar. Der VJ übernimmt die Aufgaben des Redaktors, Kameramanns, des Tontechnikers und oft auch des Schnittverantwortlichen. Eine Methode, die sich über die letzten Jahre etabliert und eigene Qualitätsstandards entwickelt hat.

Platz für Spontanes. Im vorliegenden Fall waren verschiedene Faktoren ausschlaggebend. Der Videojournalismus lässt viel Raum für Spontanes. „Er erlaubt eine gewisse Kreativität, experimentellen Spielraum, der mit den traditionellen Techniken kaum möglich ist. Das bereitet Lust und macht Spass”, sagt Zumstein. „Zudem ist man flexibler und mobiler, als wenn ein Beitrag von einem grösseren Team produziert wird.” Gerade in einem Fall mit ungewissem Ausgang mache es Sinn, als VJ zu arbeiten. Dazu kommen Kostenüberlegungen. Eine ganze Equipe nach Mauritius zu schicken, wäre schlicht zu teuer. „Entscheidend war dieses Argument aber nicht”, betont Zumstein.
Ein weiterer Pluspunkt ist, dass der VJ Authentizität und Intimität schafft, was ein Kamerateam mit Scheinwerfern und gros-sen Geräten nicht erreichen kann. Dies vereinfacht die Interviewsituation. Gerade bei heiklen Themen fühlt sich der Befragte wohler. „Manchmal hatte ich gar das Gefühl, ich sei ein bisschen der Beichtvater für Elmer.” Die intimen Geständnisse des Bankers im Beitrag geben Zumstein recht.
So machte er sich auf den Weg nach Mauritius. Ausgestattet mit einem Stativ, einer Funkstrecke, der Sony Z1 Handkamera und einem kleinen, batteriebetriebenen Lämpchen für die Beleuchtung. Nicht fehlen durfte sein Notebook, auf dem er die gedrehten Abschnitte digitalisierte und speicherte. Gerade in einem fremden Land und bei einem so heiklen Thema sei dies von Vorteil. Während einer Woche traf er sich täglich mit dem Banker in seiner Wohnung. Am zweiten Tag begann er kurze Sequenzen zu drehen. Für die Kurzinterviews benutzte er meist ein Stativ, manchmal zückte er aber auch ganz spontan die Kamera, zum Beispiel als ihm Elmer etwas am Computer zeigte. „Immer an alles zu denken ist schon schwierig”, räumt Zumstein ein. „Gleichzeitig zu filmen, auf den Ton zu achten, das Licht richtig einzuschätzen und obendrein zu kommunizieren ist nicht einfach.” Es bestehe die Gefahr, dass die journalistische Präsenz verloren gehe, weil man sich beispielsweise zu intensiv um den Bildausschnitt kümmere. Die Fähigkeit zu Multitasking ist also ein Stück weit Voraussetzung für den VJ.
Nach einer Woche Aufenthalt auf Mauritius und mehreren Gesprächen mit dem Banker hatte Zumstein die Story im Kasten. Der Schwerpunkt der Geschichte kristallisierte sich erst während den Aufnahmen bei Elmer heraus. Ein Drehplan existierte nicht. Eine Spontaneität, die der Videojournalismus möglich macht.
Am meisten Zeit benötigten die Vorrecherchen und die Gespräche mit Elmer. Das journalistische Arbeiten steht beim VJ im Vordergrund. Deswegen findet Zumstein die Bezeichnung Videojournalist nicht ganz treffend: „Das Hauptgewicht liegt auf dem Journalismus. Die Kameraarbeit ist zweitrangig.” Klar müsse der VJ ein gewisses Flair für die Technik und das Bild mitbringen. Der fertige Beitrag lebe aber von der Story. „Stimmt der Inhalt, die Idee der Geschichte nicht, können die Kameraführung und die Bilder noch so gut sein – der Beitrag kommt nicht an.”

Neue Berufssparte. Zurück in der Schweiz nahm Zumstein an seinem Notebook selbst den Rohschnitt vor. Dabei reihte er einfach grobe Blöcke aneinander. Den definitiven Feinschnitt machte er zusammen mit einer professionellen Editorin (ähnliche Funktion wie Cutterin). Dieses Teamwork sei wichtig, da die nötige Distanz nach den intensiven Dreharbeiten oft verloren gehe. Zusammen mit der Editorin wählte er auch die Musik aus und vertonte den Beitrag. Als Abschluss schaute man sich die fertige Produktion noch einmal ganz genau an – ein Schritt, der Hansjürg Zumstein besonders wichtig ist. Denn dabei entdecke er immer wieder Verbesserungsmöglichkeiten auch für eine nächste Geschichte.
Eine standardisierte VJ-Ausbildung existiert nicht. Das Schweizer Fernsehen setzt VJ’s seit den frühen neunziger Jahren ein. Interessierte Fernsehjournalisten werden beim SF durch interne Kurse ausgebildet. „VJ ist definitiv salonfähig geworden”, sagt Ueli Haldimann, Chefredaktor des SF. „Wir setzen VJ’s aus inhaltlichen Gründen ein. Dank ihnen können wir Reportagen realisieren, die mit einem Kamerateam zu teuer wären. Insofern ermöglicht es uns eine Ausweitung der Kampfzone, ist aber keine Sparmassnahme.” Ähnlich sieht das auch Sylvia Egli von Matt, Direktorin des MAZ in Luzern: „Der VJ hat sich zu einer eigenen Berufssparte etabliert.”

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