Offenes Seminar statt Vorlesung: Das Internet verän-dert den Journalismus. Höchste Zeit, dass dies auch die Journalisten erkennen. Von Peter Sennhauser
Von allen Seiten hören wir, die Medien steckten in einer Strukturkrise, deren Ausgang nicht absehbar sei. Die Digitalisierung unterspült Plattformen und Kanäle, und in kopfloser Aufregung beladen Verlage und Veranstalter neue Vehikel mit den alten Gefässen und Inhalten. Diese Panikaktionen greifen viel zu kurz, weil die Umwälzungen nicht nur die Strukturen des Mediengeschäfts erfasst haben, sondern vor seinem Kern, dem Journalismus, nicht haltmachen. Wo Informationen uneingeschränkt fliessen, sind „Gatekeeper” überflüssig; die „Produktion” von News tut weniger Not als ihre Einordnung. Vor allem aber findet eine Revolution statt, die Stanford-Professor Lawrence Lessig1 den Übergang von der „Nur-Lesen-Kultur” zur „Lesen/Schreiben”-Kultur nennt: Das emanzipierte Publikum kann sich nicht nur seine Quellen fast beliebig zusammensuchen – zu unserem Entsetzen hat es begonnen, selber zu publizieren.
Moderator statt Dozent. Während immer grössere Kreise der Gesellschaft unsere Artikel und Sendungen kommentieren, kritisieren oder korrigieren, halten sich ausgerechnet die Journalisten aus dem Diskurs fast vollständig heraus – in der Meinung, durch Abstand ihre „Glaubwürdigkeit” erhalten zu können. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Distanz des Publikums hatte noch nie etwas mit Respekt vor uns als „Vierter Gewalt” zu tun, sondern nur mit dem Fehlen eines halbwegs ebenbürtigen Rückkanals. Der ist jetzt verfügbar. Der Journalismus wandelt sich vom Frontalunterricht zum offenen Seminar, wie Medienwissenschafter und Blogger Dan Gillmor2 sagt. Bedingung ist allerdings, dass wir vom hohen Ross des Dozenten auf die Rolle der Moderatoren umsatteln. Im Publikum fanden sich schon immer mehr echte Experten zu einem Thema, als das Rolodex des Journalisten zu fassen vermochte. Eine Diskussion mit ihnen zu führen, müsste das Ziel journalistischer Arbeit sein.
Soziale Selbstregulierung. Ein erster Schritt wäre eine „Diskussionsspalte” zu jeder Online-Sendung und jedem Artikel – und eben nicht die „Kommentarrubrik”, in der man das Publikum unbeachtet seine Meinung absondern lässt. Das Forum muss gefördert, nicht erduldet werden. Hier kommt jeweils der Einwand, dass wir die Masse und die Emotionalität der Wortmeldungen nicht bewältigen könnten. Blogwerk AG hat in drei Jahren professionellen Bloggens genau gegenteilige Erfahrungen gemacht. Wo immer Autorinnen direkt in die Diskussion eintreten und die Leserschaft ernst nehmen, verstummen die Schreihälse fast schlagartig: Mit dem spürbaren Engagement aller Beteiligten steigt die Wertigkeit der Diskussion; die soziale Selbstregulierung nimmt zu, die Schein-Anonymität nimmt ab. Führt der Weg zum neuen Rollenverständnis unweigerlich über die verhasste Kommentarspalte? Weniger im Newsjournalismus. Es gibt wahrscheinlich effizientere Wege, aus der medialen „Vorlesung” eine „Seminarkultur” zu machen. Aber wir sollten uns beeilen, diese Methoden zu finden und zu entwickeln: Die Seminarteilnehmer sind da und warten nicht. Wenn sich die Zunft der Journalisten nicht bald dazu bequemt, in den Kreis zu treten und die Moderation zu übernehmen, dann wird es sonst jemand an ihrer Stelle tun. 1 http://www.free-culture.cc/freecontent/ 2 http://dangillmor.com/blog/2008/12/26/ principles-of-a-new-media-literacy/
SURFBRETT
RSS WIE FUNKTIONIEREN WEBFEEDS? Das Web ist ein riesiger News-Ticker. Wie kann man die Übersicht behalten? Die Antwort heisst RSS oder Webfeeds. Die „really simple syndication» RSS dient dazu, neue Inhalte schnell zusammenzuführen. Im Prinzip handelt es sich dabei um ein ständig aktualisiertes Verzeichnis mit allen Inhalten einer Website, die Nachrichtencharakter haben. Die RSS-Datei ist winzig und liegt in einem standardisierten Format vor. Man muss sie zwar immer noch auf den Websites abholen. Aber das erledigen spezielle Programme –Feed-Reader– in Sekundenschnelle. Es gibt sie auch als Webdienste. Für jede Website, die RSS anbietet, kann ein Abonnement angelegt werden. Auf Knopfdruck oder in bestimmten Intervallen holt sich der Reader die neusten Feeds der abonnierten Sites. Sie können vom Reader in ein Layout eingebunden oder nach Themengruppen geordnet werden. Im Feedreader hat man so eine individuelle, jederzeit aktualisierbare Frontseite mit den neusten Inhalten.
RSS-Reader
Google Reader: Webdienst, von jedem Rechner und dem iPhone aus benutzbar, schnell. http://google.ch/reader Netvibes: Webdienst, anfängerfreundlich, Zeitungslayout. http://netvibes.com Newsgator: Kombination aus Webdienst als Zwischenspeicher der Feeds (immer aktuell) und Client-Programmen für Mac und PC sowie Weboberfläche. http://www.newsgator.com/individuals
Peter Sennhauser ist Chefredaktor von www.blogwerk.com, die auch medienlese.com herausgibt.
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