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Das eigene Publikum auf gute Angebote der Konkurrenz hinweisen: ein neuer Trend, gerade bei Qualitätsmedien. Texte und Bilder aus anderen Quellen werden ausgewählt, geordnet und im Netz als eigenständiger Überblick präsentiert.
Von René Martens

Der Arabische Frühling hat – wie bei Ereignissen von weltpolitisch weitreichen­der Bedeutung üblich – auch viele medienjour­nalistische Debatten über die Qualität der Berichterstattung in Gang gebracht.
In diesem Zusammenhang wurde zumindest branchenintern sehr häufig über die Arbeit von Andy Carvin diskutiert, einem US-amerikanischen Journalisten, der für das durch Stiftungsgelder und Spenden finanzierte National Public Radio (NPR) arbeitet. Dabei hat er während der Aufstände im arabischen Raum aus keinem der betroffenen Länder berichtet, er hat auch keineswegs in der Heimatredaktion an Hintergrundanalysen gearbeitet. Vielmehr verschickte Carvin, der bei NPR für die Onlinestrategie zuständig ist, hauptsächlich Meldungen über Twitter – und zwar bis zu 1300 Stück am Tag. Teilweise habe er 16, 17 Stunden lang nichts anderes getan, sagt er.
Carvin leitete ihm wichtig erscheinende Tweets direkt aus dem Geschehen auf den Strassen weiter (Retweets), wobei er auf Kontakte aus der Region zurückgreifen konnte, weil er eine Zeitlang in Tunesien gelebt hat. Er rief seine Follower auf, bestimmte Nachrichten zu überprüfen, andere Quellen zu nennen oder Texte aus Videos zu übersetzen. Carvin erwies sich damit zum einen als ein wesentlicher Multiplikator – schliesslich hat er mittlerweile 58 000 Follower –, aber auch als „Verifizierungsmaschine”. So bezeichnete ihn kürzlich das Fachmagazin „Columbia Journalism Review”.
Carvins Arbeit ist das frappierendste Beispiel für die Entwicklung, dass die Kreativität und die Qualität von Medien und einzelnen Journalisten sich nicht mehr ausschliesslich anhand von klassischen Eigenleistungen bemessen lässt, sondern auch daran, wie sie Nachrichten, Texte und Bilder aus anderen Quellen auswählen, bewerten und ordnen.
Zu den Hilfsmitteln, die Carvin bei seiner Arbeit nutzt, gehört der Webservice Storify. Das ist, wie auch das ähnlich funktionierende Storyful, ein browserbasiertes Tool, das es möglich macht, zu einem bestimmten Thema ausgewählte Meldungen, Fotos und Videos aus Social-Media-Quellen zusammenzustellen und durch Kommentare miteinander zu verbinden. So entsteht eine Art crossmediale Erzählung, die man jederzeit auch auf seiner eigenen Website einbetten kann. Storify ist erst seit Ende April 2011 verfügbar, hat sich aber schnell etabliert.

Mehr als nur „cut and paste”. Anthony De Rosa, der Social-Media-Editor der Nachrichtenagentur Reuters und der US-Sender ABC arbeiten damit und Kelly Fincham, Assistenzprofessorin für Journalismus an der Hofstra University, Long Island, setzt es in der Journalistenausbildung ein. Es sei verfehlt, hier von „Cut and paste”-Journalismus zu reden, erläutert Fincham. Storify stelle ein Gefühl wieder her, wie man es beim Recherchieren „in einer Forschungsbibliothek” kenne.
Eine Storify- und Storyful-Erzählung kann das Neben- oder Vorprodukt eines klassisch journalistischen Beitrags sein. So etwas bietet sich zum Beispiel an, wenn man sogenannte Breaking News in eine andere Form bringen will. Eine Storyful-Redaktorin demonstrierte dies im November, als Saif al-Islam Ghadhafi, der Sohn des getöteten libyschen Diktators, gefangen genommen wurde. Sie griff unter anderem auf ein Video zurück, das den Verhafteten in einem Flugzeug zeigt, sowie eine Google Map, die veranschaulichte, wo der Despotensohn aufgegriffen worden war. Man kann aber auch mehrere Wochen umfassende Chroniken auf diese Weise attraktiver machen, wie es Josh Stearns, Associate Director der Organisation Free Press, getan hat. Sein Thema: die Verhaftungen von Journalisten während der Demonstrationen der Occupy-Bewegung in den USA. Stearns verarbeitete dabei sowohl Selbsterfahrungsberichte von Betroffenen als auch juristische Tipps für Journalisten, die künftig in solche Situationen geraten.
An das Prinzip von Storify und Storyful wie auch an die Arbeitsweise von Andy Carvin erinnert „The Lede”, ein Blog der „New York Times”. In die Beiträge werden immer wieder Videos und Tweets eingearbeitet, ausserdem gibt es einen Extrakasten, in dem ausgewählte Twitter-Meldungen aufgelistet sind. Mit einem dramatischen Video aus einem Vorort der syrischen Hauptstadt Damaskus ging „The Lede” ähnlich um wie Carvin: „Die Frage an die Leser von ‚The Lede’ lautet: Was sehen Sie in diesem Clip? Findet ausserhalb der Reichweite der Kamera ein Schusswechsel statt? Sind die im Bild zu sehenden Sicherheitskräfte die Einzigen, die schiessen?”

Autorität in die Waagschale. Angesichts solcher Entwicklungen drängt sich für das britische Wirtschaftsmagazin „The Economist” folgende Frage auf: „Werden einige Storys besser durch ständig aktualisierte Streams von Tweets als durch traditionelle Artikel abgedeckt?” Social Media hätten zwar die Journalisten konkurrenziert, andererseits aber auch einen Bedarf an Journalismus aufgezeigt, weil es jemanden brauche, der für Orientierung in der durch Twitter, Facebook und Co. beschleunigten Informationsflut sorgt. Mit anderen Worten: Intensive Mediennutzer sollten von ihren bevorzugten Medien mittlerweile erwarten können, dass sie souverän genug sind, im Netz nicht nur eigene Beiträge anzubieten, sondern auch einen ausgewählten, kommentierten oder sonstwie einordnenden Überblick über den Rest. Dabei legen die einzelnen Medientitel ihre Autorität in die Waagschale – wir haben den Überblick und die gute Auswahl – und stärken gleichzeitig dem Publikum gegenüber ihre Marke, weil sie es in der Informationsflut nicht alleine lassen.
Wie man solche Inhalte integriert, zeigt die „Washington Post” mit ihrer Facebook-App Social Reader. Wer die nutzt, bekommt nicht nur Artikel aus der Zeitung geliefert, sondern auch von verlagsfremden Partnern wie dem Sportblog-Netzwerk SB Nation oder der Technologie-Plattform Mashable.

Ist Kuration Journalismus? Das führt zu einer allgemeineren Frage: Handelt es sich beim Kuratieren – ein Begriff, der sich mittlerweile für die Auswahlarbeit eingebürgert hat – überhaupt noch um Journalismus? David Bauer schreibt dazu im Blog der Basler „TagesWoche”: „Kuration ist Journalismus. Genauer betrachtet ist sie zugänglich gemachte Recherchearbeit. Der Journalist sucht nach Quellen, die dabei helfen, ein Thema verständlich zu machen.” Sascha Venohr, Entwicklungsredaktor bei „Zeit Online”, würde wahrscheinlich antworten: „Ob das noch Journalismus ist oder nicht, ist eigentlich egal.” Er hat diese Antwort in einem anderen Zusammenhang schon mal gegeben – auf dem diesjährigen Scoopcamp, ein von der Deutschen Presseagentur mitveranstalteter Kongress, der sich den Möglichkeiten des „New Storytelling” im Journalismus widmet. Venohr bezog sich dabei auf eine Liste mit den Twitter-Accounts der Fluggesellschaften, die die Redaktion im Mai dieses Jahres zusammengestellt hatte, als über mehrere Tage eine Aschewolke aus Island den Flugverkehr in verschiedenen Ländern beeinträchtigte. Venohr argumentierte, dass diese Liste, die in Echtzeit nichts als pure Information lieferte, in dieser speziellen Situation eine sehr sinnvolle Art der Informationsvermittlung gewesen sei.

Wichtigtuerisch oder wichtig? Den eigenen Lesern die besten Texte der anderen zu präsentieren, ist allemal eine gute Option für Wochen- und Monats­titel – und vor allem für freie Journalisten, die in der Regel nicht täglich mit einem neuen ­Artikel präsent sind. So bleibt man auch jenseits der Erscheinungstage im Gespräch. Die britische Wochenzeitung „The New Statesman” etwa stellt täglich unter dem Titel „Morning Call” zehn „Must Read”-Artikel aus der Tagespresse des Landes zusammen. Als Überblick bieten sich auch personalisierte Zeitungen an, die beispielsweise der Dienst paper.li aus Meldungen ausgewählter Twitter-Nutzer zusammenstellt.
Den aus der Kunstwelt stammenden Begriff Kuration muss man freilich nicht mögen. Daniel Weber zum Beispiel, der Chefredaktor von „NZZ Folio”, findet ihn wichtigtuerisch. Ausserdem schreibt er in einem Beitrag für „Medienspiegel.ch”: „Wer nur den vielgelobten Andy Carvin gelesen hat, der auf Twitter Abertausende von Tweets ‚kuratierte’, hat von der arabischen Revolution nicht viel mehr begriffen, als dass es an allen Ecken und Enden knallte.” Diese These greift aber zu kurz, denn wer Carvins sehr ins Detail gehenden Twitterstream verfolgt, ist derart stark an den Umbrüchen in der arabischen Welt interessiert, dass er auch Hintergrundtexte liest. Eine andere Position als Weber vertritt ­Stefan Plöchinger, Chefredaktor von „Sueddeutsche.de”. In einem Beitrag für die Plattform vocer.org („Voice of the critical ­media”) schreibt er, Kuratieren sei einer dieser „gar nicht mehr so neuen Begriffe, die die meisten Journalisten beherrschen müssen, wenn nicht jetzt, so doch in zwei, drei Jahren”.

René Martens ist freier Journalist in Hamburg.
Mehr zu Storify unter „Surfschule”


© EDITO+KLARTEXT 2011


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