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Newsgames, Reportagen als Comics: Das tönt nach unseriösem Journalismus. Doch Qualitätszeitungen wie „Le Monde”, „Le Temps” oder „New York Times” arbeiten bereits mit solchen Elementen.
Von René Martens

„I played the news today, oh boy”, lautete, in Anlehnung an den Refrain des Beatles-Songs „A day in the life”, kürzlich die Headline eines Artikels in der US-Zeitung „The Boston Globe”. Das Thema des „Boston-Globe”-Textes waren Newsgames – ein Genre, mit dem sich seit 2008 ein Team von Forschern am Georgia Institute of Technology beschäftigt. Aber lässt sich seriöser News-Journalismus überhaupt mit spielerischen Aktivitäten kombinieren? Die Frage stellen sich Journalisten, seitdem verschiedene Darstellungsformen, die einen spielerischen Zugang zu journalistischen Inhalten bieten, an Bedeutung gewonnen haben.
Ziel dieses von der Journalismus-Stiftung Knight Foundation finanzierten Projekts ist die Entwicklung einer Spiele-Software, die aktuelle Ereignisse aufgreifen kann. Anstatt etwa die Berichterstattung über einen Vorfall auf die Geschichte über einen betrügerischen Beamten zu reduzieren, liefere ein Spiel „interaktive Erfahrungen der sozialen und ökonomischen Umstände, die solche Ereignisse überhaupt erst hervorrufen”, schreibt im Blog „Idea Lab” Projektleiter Ian Bogost, der mit den Co-Autoren Simon Ferrari und Bobby Schweizer auch das Buch „Newsgames: Journalism at Play” veröffentlicht hat. Diese „Erfahrung”, sich in einen Protagonisten hineinversetzen zu können, sei die zentrale Besonderheit von Newsgames, sagt Marcus Bösch, der als Autor und Journalistenausbilder in Köln tätig ist und sich im deutschsprachigen Raum am intensivsten mit Newsgames beschäftigt hat.

Neugier wecken. So komplex Newsgames sein mögen: Sämtliche Nuancen eines politischen Konflikts lassen sich in einem Spiel nicht abbilden. Aber das tun herkömmliche journalistische Beiträge auch selten. Newsgames können allemal ein Vehikel sein, Nutzer auf Informationen neugierig zu machen, für die sie sich sonst nicht interessiert hätten. Der Frankfurter Entwickler Jonas Kyratzes etwa hat in seinem Wikileaks-Spiel „You shall know the truth” Inhalte aus den US-Diplomatendepeschen verarbeitet, die die Enthüllungsplattform seit Ende 2010 in Zusammenarbeit mit diversen Medienhäusern veröffentlicht hat. So will er Nutzer dazu animieren, einen Blick auf ausführliche Artikel zu den in den Depeschen erwähnten Themen zu werfen.
Manche Entwickler wollen ausdrücklich nicht das ganze Bild zeigen: Gonzalo Frasca etwa versteht sein wegweisendes Spiel „September 12th”, für das er 2009 den Lifetime Achievement Award der Knight Foundation erhielt, als Statement gegen einige US-amerikanische Aktionen im Rahmen des „War on Terror”. Und drei Newsgames, die eine Woche nach der Erschiessung Osama Bin Ladens erschienen, verarbeiteten die US-Militäraktion auf sehr unterschiedliche Art, wie „Newsgames”-Co-Autor Bobby Schweizer betont (siehe http://to.pbs.org/k1cNx1).

Ein „Buzzword”. Das bekannteste von einem Medienunternehmen entwickelte Spiel ist „Cutthroat Capitalism”, das die US-Zeitschrift „Wired” 2009 als Ergänzung zu einer Geschichte über somalische Piraten ins Netz stellte. Die ökonomischen Aspekte der Piratenaktionen stehen hier im Fokus, das Verhandlungsgeschick der Spieler ist gefordert. Ihre Aufgabe: ein Schiff zu kapern und Lösegeld auszuhandeln.
Newsgame sei derzeit ein „Buzzword”, sagt Journalistenausbilder Bösch, und das hänge unter anderem damit zusammen, dass auch Zeitungsmacher von der trotz sinkenden Nutzerzahlen immer noch enormen Popularität des Facebook-Spiels „Farmville” beeindruckt seien. „Man sieht, wie viel Zeit die Leute damit verbringen. Und da es im Internet ja heute darauf ankommt, Nutzer möglichst lange auf der eigenen Seite zu halten, beginnt man, sich mit dem Thema Games zu beschäftigen.”
Im deutschsprachigen Raum werde bisher aber noch nicht mit Newsgames experimentiert, sagt Bösch. Weit verbreitet sind sie indes in Brasilien; Marcus Bösch hat dazu auf seiner Website ein Interview mit Fred Di Giacomo geführt, der als Game- und Infografikentwickler für Editora Abril, den grössten lateinamerikanischen Verlag, arbeitet (siehe http://bit.ly/k4V66i). In Frankreich hat „Le Monde” kürzlich das erste französische Newsgame produziert: „Primaires à gauche”. Das Thema des Spiels, das in Zusammenarbeit mit der Höheren Journalistenschule Lille und dem E-Learning-Spieleentwickler KTM Advance entstand, sind die Vorwahlen in der Parti Socialiste für die Präsidentschaftswahl 2012. Grundlage ist eine Studie der Online-Redaktion von „Le Monde” über den Verlauf der Vorwahlen 2006. „Primaires à gauche” soll dem Nutzer Einblick geben in die Prozesse, die sich während der Vorwahlen abspielen. Der Spieler nimmt die Rolle eines Kandidaten ein und muss sich im Laufe des Spiels gegen Konkurrenten durchsetzen.

Digitaler Journalismus. Philosophischer betrachtet, handelt es sich bei einem Newsgame um ein originär webjournalistisches Genre. Wenn Printtitel bewegte Bilder und Radioelemente oder audiovisuelle Medien printähnliche Texte im Internet veröffentlichen, handelt es sich dabei um herkömmliche journalistische Berichterstattungsformen, die lediglich kombiniert oder über zusätzliche Kanäle verbreitet werden. Beim Newsgame entsteht aber – ähnlich wie bei interaktiven Infografiken – das Endprodukt, sofern man hier überhaupt davon sprechen kann, erst durch die Art, wie der Nutzer es anwendet.
Grundsätzlich sollten Verlage anstreben, „spielerische Elemente in den digitalen Journalismus zu bringen”, sagt Bösch. Das müsse nicht zwangsläufig ein komplettes Spiel sein. Apps und Geräte wie das iPad etwa seien bestens geeignet „für eine spielerische Aufarbeitung von Nachrichteninhalten”. Weitaus stärker verbreitet als Newsgames sind interaktive Datenvisualisierungen. Bei der „Neuen Zürcher Zeitung” etwa hat es schon „vorsichtige Versuche” mit Google Fusion Tables gegeben, sagt Florian Steglich, der Leiter von NZZ Labs. Mit diesem Tool lassen sich Daten relativ leicht zu interaktiven Grafiken verarbeiten. Steglich imponiert auf diesem Feld der britische „Guardian”, etwa dessen „interaktive Timeline” zum arabischen Frühling (http://bit.ly/eqYhO4).
Wie man auf spielerische Weise das anspruchsvolle Thema des defizitären staatlichen Budgets umsetzt, zeigt die „New York Times” mit einem „Fiscal Puzzle”. Dabei werden die Nutzer aufgefordert zu entscheiden, wie sie das Defizit der Stadt Wilmington in North Carolina beseitigen würden, das für 2012 bei sieben Millionen Dollar liegt. Die Teilnehmer können wählen, ob und wie viel sie bei der Strassensanierung oder bei den Renten der städtischen Angestellten sparen wollen.

Comic-Reportagen. Zu den noch relativ neuen Formen der eher spielerischen Informationsvermittlung gehört auch der Graphic Journalism (Comic-Journalismus) – obwohl hier das interaktive Element fehlt. Es handelt sich um gezeichnete Reportagen, die journalistisch recherchiert werden. Christoph Schuler und Andrea Caprez, zwei renommierte Schweizer Comiczeichner, haben gerade im Auftrag von Ärzte ohne Grenzen eine Reportage über den Alltag im Flüchtlingslager Dagahaley (Kenia) produziert. Dort leben 120 000 Menschen, überwiegend Somalier, die vor dem Bürgerkrieg und dem Hunger aus ihrem Land geflohen sind. Formal gesehen ist das ein journalistischer Beitrag, wenngleich die Zeichner ihn nicht im Auftrag eines Medienhauses, sondern einer NGO umgesetzt haben.
Der bekannteste Graphic-Journalism-Akteur in der Schweiz ist der Genfer Zeichner Patrick Chapatte, der auch für „Le Temps” arbeitet und unter www.globecartoon.com veröffentlicht. Eine Weiterentwicklung ist Chapattes in Bewegtbilder umgesetzte Comicreportage „Le mort est dans le champ”, die im April im Magazin „Mise au point” der Télévision Suisse Romande ihre TV-Premiere hatte. Der elfminütige Film zum Thema Streubomben-Einsatz im Libanon-Krieg 2006 ist eine Mischung aus Animationsfilm und Slideshow. „Ich bin Zeichner-Reporter, ich arbeite wie ein traditioneller Journalist, alles, was ich zeichne, ist wahr”, sagt Chapatte auf seiner Website. „Le Temps” publiziert dann auch mal über drei Seiten eine gezeichnete Reportage, zum Beispiel anlässlich des Gaza-Krieges 2009.
Auf die schnelle tägliche Produktion animierter Bilder setzt das Studio Next Media Animation in Taiwan, das satirisch zugespitzte Newsclips produziert. Sensationsheischende Inhalte (Kriminalfälle, private Kalamitäten von Prominenten) dominieren das Angebot, aber es gibt auch Clips zu politischen Themen. Diese kurzen News-Filme des Studios, das zum Konzern Next Media Limited gehört, haben zwangsläufig fiktionale Elemente, weil sich bei Kriminalfällen oder Prominenten-Storys über die Details oft nur spekulieren lässt. Auch hier muss man sich die Frage stellen, die so ähnlich bereits bei vielen Phänomenen des digitalen Wandels aufkam und die man sich auch bei weiteren Entwicklungen immer wieder stellen wird: Was ist daran Journalismus, was oberflächliche Spielerei?

René Martens ist freier Journalist in Hamburg.

© EDITO+KLARTEXT 2011