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Der Einsatz der „Logger” bei „Die grössten Schweizer Talente” von SRF war hart: Verträge mit Tagespauschalen, die keine Höchststundenzahl und damit keine Überstundenregelung enthielten, lange Arbeitstage. Weil die Produktion auswärts an Grundy vergeben wurde, will das Schweizer Fernsehen damit nichts zu tun haben.
Von Bettina Büsser

Bevor die singende Busfahrerin Maya Wirz zur Siegerin erkoren wurde, sangen, tanzten, turnten und produzierten sich auf der Fernsehbühne die grössten – und auch einige kleinere – Schweizer Talente. Das Saalpublikum klatschte, das TV-Publikum freute sich. Rund um die Bühne und dahinter waren ebenfalls Talente im Einsatz. Sie wurden aber nicht beklatscht, und eine Reihe von ihnen hatte wenig Grund zur Freude: „Lange Arbeitszeiten, keine bezahlten Überstunden, miserabler Lohn”, fasst einer dieser Mitarbeiter zusammen. Er hat bei „Die grössten Schweizer Talente” (DGST) als „Logger” gearbeitet, eigentlich als „Mädchen für alles” – ein typischer Job für junge Leute, die im TV-Produktionsbereich arbeiten möchten oder einfach Geld brauchen.
DGST wurde nicht vom Schweizer Fernsehen produziert. Dieses vergab die Produktion an Grundy Schweiz, eine Tochterfirma der deutschen Grundy Light Entertainment. An Grundy Schweiz beteiligt – mit 35 Prozent – ist zudem das Schweizer Medien- und Entertainment-Haus Ringier.

Lange Arbeitstage. Von Grundy Schweiz stammten auch die Verträge, welche die „Logger” bei DGST erhielten. Sie sahen eine Tagespauschale von 190 Franken vor, 13. Monatslohn sowie Ferien- und Feiertagszuschlag inbegriffen. Kein fürstliches Honorar. „Zum Vergleich: Das TPC sieht für eine Hilfsfunktion zwar nicht sehr viel mehr vor, aber minimal doch 210 Franken pro Tag, plus einen höheren Ferienanteil”, sagt SSM-Sekretär Ernst Gräub.„Zieht man bei der DGST-Tagespauschale den Ferienanteil ab, kommt man auf einen Tagesansatz von brutto 174 Franken. Das ergibt bei 8 Stunden einen Stundenlohn von 21.75 Franken.”
Doch bei der DGST-Produktion ging es nicht um Achtstundentage: „Ich arbeitete 10, 12, 13 Stunden”, erzählt ein weiterer „Logger”, der als Student einen Nebenjob suchte und bei DGST fand. Überstunden? Nein, denn im „Logger”-Vertrag fand sich kein Hinweis darauf, wie lange ein Arbeitstag dauern sollte. „Als ich meinen Tagessatz auf meine Arbeitsstunden umrechnete, kam ich auf 13 Franken pro Stunde”, sagt der „Logger”. „Und Überstunden kann es ja nicht geben, wenn keine Stundenzahl festgelegt ist.”
Darin sieht auch Ernst Gräub den „grössten Mangel” des DGST-„Logger”-Vertrags: „Es wird nirgends festgehalten, was als Normal-Einsatztag gilt.” Er stösst sich daran, dass ein Vertrag ohne vereinbarte Arbeitszeit eine Überstundenregelung, wie sie das Obligationenrecht (OR) in Artikel 321c vorsieht, verunmöglicht. Die Produktionsfirma Grundy sieht das anders: „Aushilfen – worunter auch die Tätigkeit des ‚Loggers’ fällt – werden mit einer Tagespauschale vergütet. Die Arbeitszeiten während einer TV-Produktion variieren, sie liegen bei durchschnittlich 9 bis 10 Stunden. Die Mitarbeiter werden von der Produktionsfirma im Vorfeld ausführlich über Arbeitszeiten und Tätigkeiten informiert”, reagiert Simone Lenzen, Pressesprecherin von Grundy Light Entertainment, auf die entsprechende Frage.
Ganz so klar war die Information offenbar nicht. Denn einer der „Logger” – er hatte seinen Vertrag erst erhalten, als er bereits ein paar Tage gearbeitet hatte – hat sich gewehrt und eine Überstundenregelung verlangt: „Man hat mir dann mündlich eine Überzeitpauschale von 20 Franken und einen überarbeiteten Vertrag versprochen”, erzählt er. „Doch es geschah nichts – ausser, dass man meine Einsätze reduziert und schliesslich gestrichen hat.”

Arbeitsgesetz verletzt? Die Überstundenregelung ist nicht der einzige Punkt, der SSM-Sekretär Ernst Gräub beim Lesen des „Logger”-Vertrags negativ aufgefallen ist. Denn dieser sieht auch vor, dass sich die Arbeitseinsätze „nach den jeweiligen Bedürfnissen der Grundy Schweiz AG” richten und „in Absprache und im gegenseitigen Einvernehmen” zwischen dem „Logger” und seinem Vorgesetzten „rechtzeitig im Voraus” festgelegt werden. Gräub fragt sich, ob dabei das Arbeitsgesetz eingehalten wurde; es schreibt vor, dass die Beschäftigten „möglichst frühzeitig”, in der Regel zwei Wochen vor einem geplanten Einsatz, zu informieren sind. Die Gesamtarbeitsverträge von SRG und TPC sehen zum Beispiel eine vierzehntägige Frist für die Bekanntgabe der Arbeitszeiten disponierter Mitarbeitender vor. Gräub vermutet, dass es sich bei der „Absprache” und beim „gegenseitigen Einvernehmen”, von denen im Grundy-Vertrag die Rede ist, um unverbindliche Floskeln handelt. „Dispositionen über den detaillierten Arbeitsablauf werden rechtzeitig von der Produktion verschickt”, meint hingegen Grundy-Sprecherin Simone Lenzen.
Angesichts der „Logger”-Verträge zieht Ernst Gräub eine Bilanz, die aufhorchen lässt: „Es dürfte sich lohnen, einen Arbeitsinspektor prüfen zu lassen, ob bei Grundy Schweiz das Arbeitsgesetz – tägliche Höchstarbeitszeit, Pausenregelung, Anzahl der Arbeitstage pro Woche, Zahl der freien Sonntage und so weiter – eingehalten wird.” Diese Feststellung betrifft eigentlich auch das Schweizer Fernsehen. Denn im Gesamtarbeitsvertrag verpflichtet sich die SRG, „keine Aufträge an Drittfirmen zu vergeben, welche die Schweizer Gesetze nicht einhalten”. Doch laut Simone Lenzen gibt es bei Produktionen, die Grundy Schweiz für das Schweizer Fernsehen ausführt, von dessen Seite keine Vorgaben in Bezug auf Verträge und Mindesthonorare.

Die Verantwortung von SRF. Keine Vorgaben – aber schaut sich das Schweizer Fernsehen die Produktionsverträge, die es mit Grundy Schweiz oder anderen Firmen abschliesst, auf die Vorgaben des GAV hin an? „Grundsätzlich werden Drittfirmen, insbesondere, wenn es sich um ausländische Firmen handelt, bei der Auftragsvergebung darauf aufmerksam gemacht, dass sie die Schweizer Gesetze einhalten müssen”, lautet die knappe Antwort von SRF-Sprecher Martin Reichlin. DGST-„Logger” müssten Grundy Schweiz also einklagen, bis sich das Schweizer Fernsehen für ihre Verträge interessiert. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie – und andere – es tun, ist gering: „Wenn du aufmuckst, finden sie sowieso jemand anders”, sagt einer der „Logger”.
Übrigens hat das Schweizer Fernsehen eben angekündigt, das Quiz „Die Millionen-Falle” werde in Köln produziert. Dort gelten dann deutsche Arbeitsgesetze.

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