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Der neue Handwerkskasten

Social Media wird zum beruflichen Alltag für Journalisten: Neue Werkzeuge, um einen althergebrachten Job zu erledigen.
Von Thomas Mauch

Das Jahr 2012 wird Social Media langweilig werden – so die Prognose von Alfred Hermida, Associate Professor an der University of British Columbia School of Journalism und Mitgründer von BBCnews.com. Werkzeuge wie Twitter oder Facebook würden zu alltäglichen Arbeitsinstrumenten werden. In den vergangenen Jahren haben sie vom Reiz des Neuen profitiert.
Bald werden diese Tools aber „unsichtbar” und wir flechten sie in unseren täglichen Arbeits- und Lebensablauf ein. Sie gehen den Weg jeder Technologie: Wir verschwenden heute keinen Gedanken an die Technologie hinter dem Telefon oder dem Fernseher. Das gilt für unser Privatleben und für fast jede Berufsgattung. Für Journalisten dürfte sich diese Vorhersage eher früher als später bewahrheiten. Facebook, Twitter, Google+ und Co. werden zum Handwerkskasten des Journalisten gehören.

Twitter wird Selbstverständlichkeit. Jenseits grosser Strategieentwürfe der Medienhäuser und Technologieinduzierter Umwälzungen in der Berichterstattung sieht man heute Beispiele für den alltäglichen und unaufgeregten Gebrauch von Social Media im Journalismus. Für sich nichts Weltbewegendes, aber in der Summe und in der Selbstverständlichkeit Hinweis darauf, wie sich die Arbeitsweise im Journalismus zu wandeln beginnt.
Ein Beispiel ist die Art, wie Spiegel Online den Twitterkanal nutzt. Alle Nachrichten von SPON finden sich auf Twitter via @Spiegel_alles. Rund 100 000 Followers haben diese Broadcasting-Dienstleistung abonniert – ein zusätzlicher Distributionskanal. Mit rund 13 000 Abonnenten noch kleiner ist der Account von @Spiegelonline. Hier twittern drei Redaktionsmitglieder und die beiden Chefs vom Dienst. In ihren Tweets verweisen sie auf SPON-Artikel und mehrmals täglich auf Artikel aus anderen Quellen – etwa der Welt Online, dem „Stern” oder der BBC. Die SPON-Redakteure werden hier – man entschuldige das Wort – zu Kuratoren, die uns den Weg zu lesenswerten Inhalten weisen.

Sich mit Lesern unterhalten. Etwas weiter geht Boston.com mit einem Experiment für die Lokalausgaben. Unter „Your Town” finden sich Lokalseiten für 50 Ortschaften rund um Boston. Die Seite von Brookline, einer Nachbarstadt Bostons, führt in ihrem Newsstream neuerdings Nachrichten aus lokalen Blogs und ausgewählte Tweets auf. Das Besondere daran: Die Meldungen aus diesen Dritt-Quellen werden gleichberechtigt neben den eigenen Inhalten geführt. Der Redaktor dieser Lokalseite wird neben seiner schreibenden Tätigkeit zum Aggregator.
Beispiele für einen „alltäglichen” Einsatz von Twitter finden sich auch in der Schweiz. Die Twitter-Accounts von @blickamabend oder der Basler @Tageswoche sind Distributionskanäle, aber auch Orte der Konversation. Die verantwortlichen Redakteure beantworten Fragen, gehen auf Leseranliegen ein und unterhalten sich mit Leserinnen und Lesern. In den Profilen der Accounts werden die zuständigen Journalisten namentlich aufgeführt. Ein Teil ihres Jobs ist nun das Community Management.

Neue Werkzeuge und Experimente. Diese Beispiele stehen nicht für ein Erdbeben, das den Journalismus neu definiert. Es sind Entwicklungen, die leicht übersehen werden, an denen sich aber die journalistische Arbeitsweise von morgen ablesen lässt. Der Job ist der gleiche: Informationen finden, aufbereiten, bewerten, zugänglich machen und zur Diskussion beitragen. Die Gewichtung mag sich ändern, wir haben neue Werkzeuge und Kanäle – mit anderer Tonalität, unterschiedlichen Anforderungen an die Inhalte und einem höheren Grad der Interaktion. Im Kern bleibt die Aufgabe aber dieselbe. Zeit, sich mit den neuen Werkzeugen vertraut zu machen.
Dabei spielt es keine Rolle, ob das eigene Medienhaus die Kanäle nutzt. Die Angebote sind kostenlos, die Eintrittshürden tief. Jeder kann mit Experimenten starten und eigene Kanäle aufbauen. Das ist langwieriger und nicht so breitenwirksam, wie wenn man es für einen grossen Medientitel tut.
Aber es lassen sich erste Erfahrungen sammeln. Zum Beispiel: Was passiert, wenn ich jeden Tag drei Links auf spannende Artikel und Berichte aus meinem Themenbereich in aller Kürze kommentiere und via Twitter weiterreiche? Finden sich Leser? Was interessiert und wie interagieren sie mit den Inhalten? Betreibt man das über mehrere Wochen, finden sich ein paar hundert Follower, von denen täglich einige Dutzend das Angebot nutzen werden. Das ist nicht die Welt. Aber es reicht, um die Funktionsweise des Kanals verstehen zu lernen.
Ein anderer Einstiegstipp: David Bauer von der „TagesWoche” hat damit begonnen, auf www.davidbauer.ch eine Liste der twitternden Schweizer Medienschaffenden zu führen. Die Liste umfasst im Moment rund 300 Namen, jeder und jede kann sich eintragen. Ein guter Ausgangspunkt für den erfolgreichen Netzwerk-Einstieg.

Thomas Mauch ist Verlagsleiter von Blogwerk AG.

© EDITO+KLARTEXT 2012