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Benno Tuchschmid über staatliche Journalisten und das Herantasten an sanfte Kritik

Die Partei schwebt über der Redaktion. Wortwörtlich. Am oberen Ende des Newsrooms der „Vientiane Times” hängt das Bild des Politbüros, leicht vergilbt zwar, aber für alle sichtbar. Bei der „Times” kommt man nicht um die Laotische Revolutionäre Partei herum. Und somit auch ich nicht. Anfang November 2011 begann ich hier meine dreimonatige MAZ-DEZA-Stage. Bei der „Vientiane Times”, der ersten und einzigen englischsprachigen Tageszeitung in Laos, war ich der erste und bisher einzige Stagiaire aus der Schweiz. MAZ und DEZA hatten das Programm auf dieses Jahr von Hanoi (Vietnam) nach Vientiane (Laos) transferiert.

Unsinnliches Produkt. Neuland also. Man bereitet sich ja vor. Um festzustellen, dass Laos kein Hort der freien Presse ist, dafür braucht es keine grossen Vor-Recherchen. Trotzdem erschrak ich, als ich die „Vientiane Times” zum ersten Mal in Händen hielt: Hölzerne Verlautbarungen, wenig Zitate, wenige Recherchen und Bilder von Unterschriftszeremonien. Ein zutiefst unsinnliches Produkt. Ich versuchte mir vorzustellen, was für Redaktoren eine solche Zeitung produzieren. Ich sah humorlose Männer in Mao-Hemden und Frauen mit kaltem Blick und Dutt.
Nun, ich lag falsch. Mehrfach. In einem allerdings hat der erste Eindruck nicht getäuscht: Die „Vientiane Times” ist kein Presseerzeugnis, das vor journalistischer Kreativität sprüht. Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein gewichtiger ist ein handwerklicher – die Sprache: Die laotischen „Vientiane „Times”-Journalisten schreiben in Englisch, einer Fremdsprache, die keiner einwandfrei beherrscht. Das laotische Bildungssystem ist katastrophal, Universitätsabschlüsse sind eine Frage des Preises wie fast alles. Für die sprachlichen Korrekturen sind fünf sogenannte Sub-Editors zuständig: Aussteiger, Hängengebliebene, Erfahrungshungrige, deren gemeinsamer Nenner die Muttersprache Englisch ist. Viele Texte müssen sie Satz für Satz umschreiben. Akkordarbeit bei täglich etwa 20 Seiten. Für sprachliche Finessen bleibt da wenig Zeit.
Zwischentöne sind darum nicht leicht zu finden, vor allem wenn man gar keine sucht. An Expat-Parties in Vientiane schnödet man gerne mit postkolonialer Selbstzufriedenheit über die „Vientiane Times”. Doch wer die Zeitung wirklich liest, der beginnt Nuancen festzustellen. Zwar packen die Redaktoren nie den Zweihänder aus, aber sie hinterfragen kritisch: Schlechte Strassen, Müllabfuhr, Überregulierung der Wirtschaft, Korruption. In jenen Themen, bei denen auch die Parteiführung grundsätzlichen Handlungsbedarf sieht, ist einiges möglich. Das klingt nach wenig. Einheimische Journalisten sagen, noch vor sechs bis sieben Jahren wäre diese sanfte Kritik unmöglich gewesen. Es ist ein Vortasten.
Doch die Rahmenbedingungen für guten Journalismus sind nach wie vor schlecht: Die Zeitung ist vom Staat kontrolliert. Sie ist Staat. Die Journalisten sind Regierungsangestellte, die Zeitung direkt dem Ministerium für Information, Kultur und Tourismus unterstellt. Während meiner Zeit bei der „Vientiane Times” wurde der Chefredaktor der Zeitung zum stellvertretenden Minister befördert. Die Karrierelinie führt direkt nach oben. Die leitenden Redaktoren sind gleichzeitig auch die Kontrollstellen. Bei heiklen Themen wird der Text dem Chefredaktor und dem Ministerium vorgelegt. Klar, dass sich von den Kaderangestellten niemand den Weg nach oben verbauen will.
Laos hätte kritischeren Journalismus bitter nötig. Das Land ist im wirtschaftlichen Aufschwung. Die Armut ist gesunken und sie könnte weiter sinken. Kupfer, Gold und Wasserkraft spülen Devisen nach Laos. Doch die kapitalistische Öffnung wird von Provinzfürsten und Ministerien kontrolliert, die in erster Linie in die eigenen Taschen arbeiten. Die Lexus-Dichte in Vientiane ist hoch. Das stösst dem Volk zwar sauer auf. Aber eine Zivilgesellschaft, welche die Unzufriedenheit kanalisieren könnte, fehlt praktisch komplett. Die leise Kritik, die ab und an über die „Vientiane Times” nach aussen dringt, ist da nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Die Leserschaft besteht aus Expats und englischsprachigen Laoten. Die laotischsprachigen Zeitungen sind weit orthodoxer als die „Vientiane Times”.

Hoffnungsschimmer. Die „Times” ist keine Fackel der freien Presse und trotzdem macht sie Hoffnung: Die Redaktion ist ein Abbild der neuen laotischen Mittelschicht, die sich in den letzten Jahren gebildet hat. Einer Schicht, die vom Aufschwung und von der Nähe zum Staat profitiert hat. Beziehungen sind alles. Ohne sie hätte kaum ein Journalist hier den Job bekommen. Und trotzdem sind die Journalisten keine glühenden Parteisoldaten. Die meisten von ihnen haben zur Weiterbildung Praktika auf Redaktionen in Nachbarländern absolviert: Vietnam, Thailand, Kambodscha, China.
Die Redaktoren wissen genau, was in den Nachbarländern möglich ist und was nicht. Kambodscha zum Beispiel hat eine freie Presse, Thailand mehr oder minder und in Vietnam und China ist zumindest sprachlich die Qualität höher. Die Journalisten sind sich dessen bewusst und sie suchen die sanfte Veränderung („pushing the boundaries”, wie es einer ausdrückt) – mit dem Risiko, dass am nächsten Tag das Telefon klingelt und einer vom Ministerium am Apparat ist.
Obwohl sie Teil des Systems sind, zu den grossen Gewinnern gehören die Journalisten nicht. Umgerechnet 50 Dollar pro Monat kriegt ein junger Journalist – die meisten Reporter sind unter 40. Wenn sie eine gewisse Anzahl Artikel pro Monat publizieren, gibt es einen Bonus. Kapitalismus im sozialistischen Laos. Und trotzdem arbeiten viele Journalisten neben dem Tagesgeschäft an ihren Reportagen, den grossen Texten, in die sie viel Herzblut stecken. Das verdient Bewunderung und Respekt.
Das ist die professionelle Seite. Noch wichtiger ist die menschliche. Ich hatte befürchtet, in eine Redaktion von Mao-Hemden und Dutt-Trägerinnen zu kommen. Doch stattdessen geriet ich in eine Gruppe voller liebenswürdiger, herzenswarmer und lebenshungriger Menschen, die die manchmal schwierigen Arbeitsbedingungen mit rauschenden Feiern bekämpfen, welche auch die wildeste Schweizer Redaktion wie eine Gruppe Chorknaben aussehen lässt. Zum Glück lag ich falsch.


MAZ-Absolvent Benno Tuchschmid (26) arbeitete von November 2011 bis Januar 2012 im Rahmen des DEZA/MAZ-Stages für die „Vientiane Times” in Laos. Seit Beginn der Diplomausbildung Journalismus (2007) ist er bei der „Aargauer Zeitung”angestellt, ab 2009 als Reporter im „Mantel”.

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