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Vor einem Jahr hat EDITO+KLARTEXT über ein Netzwerk von Medien in rechts­konservativem Besitz berichtet. Jetzt hat sich dieses Netzwerk mit der MedienVielfalt Holding eine offizielle Struktur gegeben. Und hat sich neu auch in der Westschweiz konstituiert. Wir zeigen die Struktur und blicken genauer in die Westschweiz.
Recherche Grafik: Robert Ruoff


Windischs welsche Truppe
Der Genfer Soziologe Uli Windisch ist der Brückenkopf der Blocher’schen Medienholding in der Westschweiz.
Von Helen Brügger

Tito Tettamantis MedienVielfalt Holding hat nicht nur die BAZ, sondern auch eine „namhafte Beteiligung” an der Multimedia-Plattform „LesObservateurs.ch” von Uli Windisch übernommen. Der Genfer Soziologe ist weder Journalist noch Verleger, sondern die treibende Kraft der Genfer Hochschulausbildung in Kommunikation und Medien. Doch der „Anti-Ziegler” der Genfer Universität ist mehr: Als Kolumnist tritt er überall auf, wo die sogenannte „political correctness” angeprangert und die supponierte Unfähigkeit der Eliten gegeisselt werden muss – die beiden Themen stehen, neben einem Generalangriff auf seinen alten Gegner Jean Ziegler, im Zentrum der ersten Publikationen auf „LesObservateurs.ch”.
Unterdessen gilt Windisch als Experte für die behauptete Linkslastigkeit der Westschweizer Medien und wird von ihnen, was Windischs These eigentlich widerspricht, oft und gerne zitiert. Für den Lausanner Soziologen Philippe Gottraux hat sein Genfer Kollege damit in den letzten zehn Jahren „unter dem Deckmantel von Wissenschaft und Analyse den Aufstieg der SVP legitimiert”. Mit seiner Internet-Plattform LesObservateurs.ch will Windisch nun die rechts- und nationalkonservativen Tenöre der Romandie sammeln.

Todgeburt Editorialer Beirat. Das Projekt ist nicht neu: Anfänglich war die Walliser Zeitung „Le Nouvelliste” im Gespräch für diese Aufgabe. Die rechtskonservativen Kreise hatten es geschafft, dort einen „editorialen Beirat”, ein Komitee von ideologischen Anstandswauwaus zu installieren, das über die richtige und rechte Linie wachen sollte – mit dabei selbstverständlich Uli Windisch. Nur: Die Dinge entwickelten sich anders. Schon an der ersten Sitzung des „comité éditorial” habe der französische Medienmagnat und neue Mehrheitsaktionär beim „Nouvelliste”, Philippe Hersant, klargemacht, dass es nicht Aufgabe des Gremiums sei, die Inhalte der Zeitung zu steuern.
Windisch gab nicht auf. Wie die Zeitung „Le Temps” enthüllte, hat er vor rund einem Jahr Christoph Blocher kontaktiert mit der Frage, ob man in der Romandie etwas Ähnliches wie die „Weltwoche” lancieren könne. Die Antwort Blochers sei abschlägig gewesen: Zu teuer, zu kleines Zielpublikum. Darauf entwickelte Windisch die Idee einer Internet-Plattform und machte sich auf die lange Suche nach Sponsoren. Dank der MedienVielfalt Holding (MVH) hat er sein Projekt nun verwirklicht. Windisch beteiligt sich, gemäss Recherchen des „Sonntag”, mit einer Million Franken an der MVH und gehört dem Verwaltungsrat an. Zur Höhe seiner Beteiligung an der MVH will Windisch genau so wenig Stellung nehmen wie zur Höhe der Beteiligung der MVH an der Plattform LesObservateurs.ch.
Inhaltlich kann Windisch auf ein Netzwerk national-konservativer Publizisten in der Romandie zählen, die, entgegen seinen Behauptungen, absolut nicht marginalisiert sind. So etwa Philippe Barraud mit seinem Internet-Magazin commentaires.com und seinen Sympathien für die Waadtländer Rechte, der zusammen mit dem freien Journalisten Olivier Grivat ins Team von Windisch gewechselt hat.
Aber auch andere bekannte Autoren wie der angriffige Pascal Décaillet, der beim Genfer Privatfernsehsender Léman Bleu arbeitet, Marie-Hélène Miauton, die Trendforschung betreibt und in der Zeitung „Le Temps” als Kolumnistin publiziert, dürften bei Windisch oft und gerne publiziert werden. Zum Windisch-Netzwerk gehören weiter zwei Verleger, der verstorbene Vladimir Dimitrijevi´c und sein Kollege Slobodan Despot mit den Verlagen L’Age d’Homme und Xenia.

Funktionierendes Netzwerk. Auch der „Nouvelliste” spielt eine wichtige Rolle, sein Chefredaktor Jean-François Fournier sympathisiert mit ihnen, unterstützt von Verwaltungsratspräsident Jean-Marie und dessen Cousin und CVP-Staatsrat Jean-René Fournier – bei dieser Walliser „connection” mit dabei ist natürlich auch SVP-Nationalrat Oskar Freysinger.
Das Netzwerk funktioniert: Wird einer von ihnen kritisiert, sind sofort die andern zur Stelle, um ihn als Opfer der „bienpensance” darzustellen, die welsche Wortschöpfung, die dem „Gutmenschentum” der Deutschschweizer SVP-Ideologen entspricht. Etwas mehr zu hapern scheint es mit Verbindungen zu Wirtschafts- und Bankenkreisen. Insgesamt etwa zehn Sponsoren hat Windisch gefunden sowie auf zweieinhalb Jahre 450 000 Franken zusammengetragen, das ist auch für eine Internet-Plattform nicht viel Geld. Und auch Tito Tettamanti hat offensichtlich nicht besonders Lust, sich heftig bei Windischs Projekt zu engagieren. „Es war eine Idee von Windisch”, sagt er im Interview mit EDITO+KLARTEXT (französische Ausgabe), und er habe Windisch klargemacht, dass es sich dabei um eine Minderheitsbeteiligung handeln müsse, die Mehrheit seiner Aktionäre müssten aus der Westschweiz kommen.
Selbst der reiche Financier Stéphane Barbier-Mueller, der neben Windisch als einziger Romand Aktionär der MVH geworden ist, habe dies, gemäss Tettamanti, vor allem wegen seiner persönlichen Beziehungen zu Tettamanti getan. Der Frage nach den Geldgebern weicht Windisch am Westschweizer Fernsehen aus: „Sie sollten lieber über die Inhalte reden, über die Notwendigkeit unserer Themen!” Auch das ist eine Antwort.

© EDITO+KLARTEXT 2012