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Seit 37 Jahren lebt er als freier Journalist – und verzichtet auf Nebenverdienste durch PR-Arbeit.
Ein Gespräch mit Hanspeter Guggenbühl von Bettina Büsser.

EDITO+KLARTEXT: Die Schweiz hat die „Energiewende”, den Atomausstieg beschlossen. Bedeutet das für Sie als atomkraft-kritischer freier Journalist mehr Aufträge?
Hanspeter Guggenbühl:
Mit „Fukushima” und der Ankündigung der Energiewende ist Energie ein wichtigeres Thema ge­worden. Es gibt seither eine grössere Nachfrage nach Artikeln zu Energiethemen. Das ermöglicht mir, mein Archiv zu rezyklieren. Andererseits habe ich mehr Konkurrenz, weil Energie jetzt als Schlüsselthema gilt. Über „Schlüsselthemen” wollen Redaktionsmitglieder vermehrt selber schreiben.

Sie sind auf die Themenbereiche Energie und Verkehr spezialisiert.
Und auf Umwelt- und Wirtschaftspolitik.

Man kennt Sie aber vor allem als Energiespezialisten.
Das rührt daher, dass Energie ein trockenes Thema ist, um das sich andere weniger reissen. Deshalb habe ich dort weniger Konkurrenz als etwa beim Verkehr, bin näher an einer Monopolstellung. Die Schweizer Energieversorgung ist ja auch monopolähnlich – das passt nicht schlecht zusammen.

Gibt es quasi konjunkturelle Verläufe – das Thema Energie ist eine Zeit lang interessant für die Redaktionen, dann wieder weniger?
Die Nachfrage hängt unter anderem von der Agenda in der Innenpolitik ab. Alle Themen haben manchmal Hochkonjunktur und dazwischen Flauten. Deshalb ist es gut, wenn man sich als freier Journalist nicht auf ein einziges Thema fokussiert.

Aber freie Journalisten müssen sich spezialisieren.
Ich habe als Allround-Journalist angefangen, das ging auch ganz gut. Aber mit der Zeit ergab sich eine Konzentration auf diejenigen Themen, die ich wichtig finde. Es bestehen bei meinen Themen auch Zusammenhänge: Ohne Natur gibt es keine Wirtschaft, ohne Energie keinen Verkehr und keine industrielle Produktion. Zudem lassen sich zwischen den Themen Energie-, Verkehrs-, Umwelt- und Wirtschaftspolitik Synergien nutzen.

Warum haben Sie sich spezialisiert?
Als ich in Zürich als freier Lokaljournalist zu arbeiten begann, ­waren grosse Verkehrsprojekte wie U-Bahn, S-Bahn und „Ypsilon” wichtige Themen. So bin ich auf die Verkehrspolitik gekommen. Verkehr belastet die Natur, darum schrieb ich auch über Umweltpolitik. Und mit „Tschernobyl” und den Atom-Abstimmungen von 1990 wurde das Thema Energie wichtiger. Diese Entwicklungen kamen von aussen, trafen sich aber mit meinen Interessen.

Haben Sie je auf einer Redaktion gearbeitet?
Nach der Mittelschule habe ich gejobbt, war dann Werbetexter, wollte aber lieber auf der Rückseite der Anzeigen schreiben. Also suchte ich eine Volontariatsstelle, fand sie bei der alten „Tat”; dort habe ich das Handwerk erlernt. Danach war ich anderthalb Jahre lang Lokalredaktor beim „Badener Tagblatt”. Als es dort nicht mehr ging, wurde ich freier Journalist – das bin ich bis heute.

Warum ging es beim „Badener Tagblatt” nicht mehr?
Der damalige Verleger Otto Wanner stellte mich und andere vor die Wahl: Entweder sind Sie Redaktor beim „Badener Tagblatt” oder Mitglied bei der Schweizerischen Journalistenunion (SJU). Ich habe damals erst erfahren, dass es eine Gewerkschaft namens SJU gibt. Doch der Umstand, dass man sich als „Badener Tagblatt”-Redaktor nicht gewerkschaftlich organisieren durfte, hat es mir unmöglich gemacht, weiterhin dort zu arbeiten. Zudem war das „Badener Tagblatt” in der Zeit, in der ich dort war, 1973/74, auf dem Eilmarsch von linksliberal nach rechts.

Eigentlich wird von Journalisten eine Art Neutralität erwartet, Sie sind aber politisch positioniert. Gab es nie Probleme, weil Sie als Atomkraft-Gegner über Energie schreiben?
Als Journalist betreibst du ein Handwerk. Es gibt Kriterien, wie man es sauber macht, etwa, indem man zwischen Bericht und Kommentar trennt. Wenn du das tust, darf es keine Rolle spielen, ob du Kommunist oder SVP-Mitglied bist. Ich bin erst durch den Journalismus politisiert worden. Wenn man sich lange Zeit mit ähnlichen Themen beschäftigt, ist es wohl unumgänglich, dass man eine Meinung dazu entwickelt. Ohne Meinung kannst du auch keine Kommentare schreiben. Die Einsicht etwa, dass ewiges Wachstum auf begrenztem Raum unmöglich ist, machte mich zum Wachstumskritiker. In der Verkehrspolitik oder bei ökologischen Themenecke ich damit weniger an als bei ökonomischen, denn in den Wirtschaftsressorts sind wachstumskritische Artikel nicht besonders begehrt. Das Problem des nuklearen Mülls machte mich zum Gegner der Atomkraft-Nutzung, aber ich bin auch kritisch gegenüber der Cleantech- und der Solarstrom-Lobby. Ich bin also nicht einfach einzuordnen.

Die politische Haltung ist kein Problem?
Früher standen die Journalisten stärker unter politischer Beobachtung; damals bin ich öfter aus politischen Gründen aus Zeitungen hinausgeflogen. Heute hat man es ganz gerne, wenn Medienleute profiliert schreiben, ob links oder rechts. Die politische Haltung ist für einen freien Journalisten heute weniger ein Hemmnis. Abgesehen vielleicht von der „Basler Zeitung”: Da gibt es für linke Journalisten jetzt nicht mehr viel Platz – ich jedenfalls habe keinen mehr. Die BaZ hat bisher zu meinem Pool gehört, aber sie druckt mich nicht mehr ab.

Die BaZ gehörte zu Ihrem Pool – wie muss man sich das vorstellen: Sie machen Artikel und verschicken sie an mehrere Redaktionen?
Ja, ich arbeite regelmässig für „St. Galler Tagblatt”, „Landbote”, „Berner Zeitung”, „Südostschweiz”, „Neue Luzerner Zeitung”, in Zürich fürs „P.S.” und bisher eben für die BaZ – alles Zeitungen, deren Gebiet sich geografisch nicht überschneidet. Ich biete in der Regel einer Redaktion ein Thema an, spreche es ab, kündige den Artikel danach an und sende ihn gleichzeitig an alle erwähnten Zeitungen. Diejenige Redaktion, mit der ich den Artikel abgesprochen habe, muss ihn nehmen, die übrigen können ihn nehmen oder verzichten. Mir ist diese Diversifikation wichtig, denn so bin ich von keiner Zeitung mit mehr als einem Viertel meines Einkommens abhängig.

Der Pool bezahlt Ihnen ein Fixum?
Nein, in der Regel werde ich nach Abdruck bezahlt. Ich habe mit jeder Zeitung eine Abmachung, welche Art von Artikel wie viel kostet. Mit den meisten handelte ich ein Zeilenhonorar aus. Das ist in unserer Branche zwar verpönt, aber es ist das wenigst schlechte und effizienteste Mittel, wenn man für einen Pool arbeitet.

Der Weg zu einem solchen Pool ist ein Prozess.
Ich habe als freier Journalist zuerst für die alte „Tat”, die Basler „Nationalzeitung” und die „Luzerner Neusten Nachrichten” gearbeitet, später kamen weitere regionale Tageszeitungen dazu. So kam mein Pool zusammen. Er hat sich in den Jahren gewandelt – einige Zeitungen sind weggefallen, andere dazugekommen, viele haben fusioniert. Ich habe heute gleich viele Zeitungstitel, aber – bedingt durch die Fusionen – eine sehr viel höhere Auflage.

Sehr viele Freie suchen nach einiger Zeit Sicherheit, übernehmen etwa die Redaktion eines Verbandsblattes oder gehen in die PR. Was macht es aus, dass Sie durchgehalten haben?
Ich bin bewusst freier Journalist, ich kann mir nichts Besseres vorstellen. Es ist sicher ein Vorteil, wenn man zumindest am Anfang keinen Zwang hat, viel verdienen zu müssen. Ausserdem sollte man von keinem Medium mehr als zu einem Viertel abhängig sein. Mein Einkommen ist trotz der unterschiedlichen Konjunktur ­meiner Themen und der Veränderungen in meinem Pool über die Jahre relativ stabil geblieben. In den letzten 15 Jahren schwankte mein jährlicher Honorarumsatz stets zwischen 80 000 und 110 000 Franken.

Aus Redaktionen hört man, der Stress sei grösser geworden. Spürt man das als freier Journalist?
Es ist sicher so, dass die Redaktionsmitglieder weniger Musse ­haben, mit einem freien Journalisten über Themen zu reden. Das ist schade, denn in zehn Minuten Gespräch entwickelt man viele Ideen und oft ein gutes Textkonzept.

Wir hören von Freien, dass sie heute für dieselbe Leistung weniger Honorar erhalten. Wie ist das bei Ihnen?
Die Honoraransätze blieben seit Jahren etwa stabil, während die Auflage der fusionierten Zeitungen gewachsen ist. Ich versuche, gegenüber den Zeitungen einen fairen Ausgleich zu finden, indem ich nicht die eine für einen Dumpingpreis beliefere und von einer anderen viel mehr verlange. Es gibt natürlich eine gewisse Quersubventionierung: Ich schreibe manchmal für die WOZ, und jeder Freie, der das tut, muss anderswo Geld verdienen, damit er sich das finanziell leisten kann.

Sie schreiben auch Bücher – zuletzt „Schluss mit dem Wachstumswahn”. Was ist Ihre Motivation dafür?
Ich habe gemeinsam mit Urs P. Gasche in den letzten 15 Jahren drei wirtschaftskritische Bücher geschrieben. Als Kritiker des Wirtschaftswachstums passe ich nicht auf die Wirtschaftsseiten der Tageszeitungen. Weil mir diese Thematik aber sehr wichtig ist, bearbeite ich sie in Büchern.

Sie werden manchmal auch als Energieexperte in Medien zitiert oder nehmen an Podien teil.
Ich bin Journalist. Aber wenn mich ein Medium befragt, gebe ich Auskunft. Und im Kontext mit meinen Büchern oder als Energiejournalist werde ich hie und da zu Vorträgen oder auf Podien eingeladen. Ich bezeichne mich selber nie als Experten, das machen die Medien. Denn ein Medium muss begründen, weshalb es jemanden befragt. Das kann dann nicht einfach ein Journalist sein. Darum macht man ihn zum „Experten” oder gar zum „renommierten Experten”. Die sogenannten Experten erhalten in Zeitungen immer mehr Gewicht.

Weshalb?
Früher betrieb ein Journalist sein Handwerk, indem er sich mit ­Recherchen und Fragen bei verschiedenen Fachleuten und Interessenvertretern kundig machte und danach das Resultat publizierte. Heute haben viele Redaktionsmitglieder oder Freie nicht mehr genug Zeit, diesen Job zu machen. Deshalb befragt man irgendeinen Experten, der oft auch ein Interessenvertreter ist. So ist es nicht mehr die Zeitung, die informiert, sondern es sind die Lobbyisten und Experten, die von der Zeitung angefragt wurden.

Was hat sich im Verlauf Ihrer journalistischen Tätigkeit sonst noch verändert?
Früher waren Exklusivgeschichten gefragt, heute kann man Hintergrundartikel nur noch schreiben, wenn man sie an einem tagesaktuellen Ereignis festmachen kann. Deshalb jagen viele Medienleute meist den selben Themen nach. Der Exklusivjournalismus wurde durch den Meutejournalismus abgelöst. Zudem wurde die politische Analyse durch Skandalisierung in den Hintergrund gedrängt. Es gibt auch eine starke Tendenz, Sachfragen zu personalisieren. Freie Journalisten haben es einfacher, wenn sie solche Trends mitmachen.

Machen Sie sie mit?
Nein. Ich zitiere zwar Leute, aber ich schreibe nicht, welches Innenleben einer hat, wenn es um seine Position zu einem verkehrspolitischen Thema geht. Die Personalisierung führt auch dazu, dass in den Zeitungen immer mehr Interviews publiziert werden. Interviews sind eine Reaktion auf die Zeitknappheit. Heute müssen weniger Journalistinnen und Journalisten mehr produzieren. Deshalb wird ein Teil ausgelagert, an Informationsbeauftragte oder eben an die interviewten Experten und Lobbyisten.

Stichwort Lobbyisten: Es gab sicher Angebote an Sie, nebenher als Experte PR zu machen oder für Unternehmen zu kommunizieren.
Als ich mit Kurt Brandenberger, Urs P. Gasche und Fredy Hämmerli 1978 das Pressebüro Index gegründet hatte, legten wir in unseren Bürostatuten klar fest: Wir machen Journalismus; jede PR ist ausgeschlossen. Das ging so weit, dass wir uns auferlegten, selbst für Firmenzeitschriften wie einen „Brückenbauer” nicht zu schreiben. Ich halte mich noch heute daran, denn ich bin dezidiert der Meinung, dass man sich entscheiden sollte: entweder Journalismus oder PR.

Das gilt auch für Publikationen von Umweltorganisationen?
Ich werde hie und da von Umweltorganisationen angefragt, ob ich für ihre Publikationen etwas schreibe. Dann sage ich ebenso Nein wie bei Unternehmen. Ausser es handelt sich um Nachdrucke meiner Zeitungsartikel mit Quellenangabe.

Im Pressebüro Index sollen Sie zum Teil auf junge Freie recht gestreng gewirkt haben mit Ihrer klaren Positionierung in solchen Fragen.
Im Index war ich der Ladenhüter und habe auf unsere Statuten hingewiesen. Aber irgendwann war ich bereit, diese Statuten abzuschaffen. Als ich als freier Journalist angefangen habe, war es möglich, diesen Beruf auszuüben, ohne PR zu machen. Ich sah aber, dass sich die wirtschaftlichen Verhältnisse so geändert haben, dass das heute für viele nicht mehr möglich ist. Doch ich erwarte, dass Journalistinnen und Journalisten nicht auf dem gleichen Gebiet PR machen und für Zeitungen arbeiten.

Heute arbeiten Sie nicht mehr in einem Pressebüro, sondern zuhause. Gibt es noch ein Kontaktnetz mit anderen Freien?
Es gibt wenige freie Journalisten, die in meinen Themenbereichen und für Tageszeitungen arbeiten. Früher gab es einige mehr, doch die meisten davon haben sich anstellen lassen oder betreiben Fachjournalismus. Viele ehemalige Energie- und Umweltjournalisten hängen jetzt am Tropf von Informationsabteilungen der Verwaltung.

Hat Sie dieser Weg nie gereizt?
Wenn man vom Journalismus leben kann, wüsste ich keinen besseren Beruf als meinen. Ich wähle meine Themen selber, verwalte meine eigene Meinung, stehe in keinem Dienst. Wer sich als Informationsbeauftragte von Doris Leuthard oder Moritz Leuenberger einstellen lässt, verdoppelt wahrscheinlich das Einkommen, aber die Selbstbestimmung bleibt auf der Strecke. Früher haben wir Journalisten vom Rohstoff bis zum fertigen Artikel alles gemacht. Heute bereiten die Informationsbeauftragten den Rohstoff professionell vor, so weit, dass sie sich in ihren Communiqués sogar selber zitieren. Am Schluss müssen die Medienleute nur noch das Puzzle aus vorfabriziert gelieferten Teilen zusammensetzen. Die PR hat dem Journalismus einen Teil seiner Arbeit abgenommen. Das finde ich sehr gefährlich.

© EDITO+KLARTEXT 2012