Die „Drehscheibe” vernetzt in Deutschland Lokalredaktionen, sammelt gute Ideen und gibt sie weiter. Die Ideenplattform hat dazu beigetragen, Qualität und Ruf des Lokaljournalismus deutlich zu verbessern. Jetzt dockt eine Initiative aus der Schweiz an. Von Eva Pfirter
Das Thema Ernährung ist in aller Munde. Werbung, Wissenschafter und Medien trichtern uns ein, dass wir weniger und gesünder essen sollten. Das tönt nicht nach „lokal”. Doch Ernährung ist auch ein spannendes Thema für die Lokalredaktionen. Und wie kann man das vielschichtige Thema aus einem lokalen Fokus behandeln? Die „Drehscheibe” hat in ihrem Magazin zu Ernährung neun witzige Tipps für Umsetzungen zum Thema „Milch” zusammengestellt. Zum Beispiel: Ein Tag im Leben einer Kuh. Was erlebt eine Biokuh in 24 Stunden, was eine Stallkuh? „Im Lokalen ist die Herausforderung für Redakteure oft grösser, etwas Spannendes zu machen, als in anderen Ressorts”, sagt Jan Steeger, Redakteur des „Drehscheibe”-Magazins. „Gerade bei wenig attraktiven Standardthemen ist besondere Kreativität gefragt.” Genau hier setzt die Initiative „Drehscheibe” an, die „praktische Hilfe zur Selbsthilfe” leistet. Die rund 300 Abonnenten in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich erhalten monatlich ein Magazin mit Ideen, Tipps und Beispielen von guten Lokal-Geschichten aus ganz Deutschland. Auch im Internet können sich Lokalredaktionen inspirieren lassen, so zum Beispiel vom Redaktionskalender, der täglich mit originellen Ideen aufwartet. Am 5. Dezember, „Tag des Ehrenamtes”, rät das „Drehscheibe”-Team zu einer Strassenumfrage: „Wann haben Sie zum letzten Mal etwas Gutes getan?”
„Es geht auch anders”. Bereits 1975 entwickelte das Lokaljournalistenprogramm der Deutschen Bundeszentrale für politische Bildung den Vorläufer der „Drehscheibe”. Nachdem 1969 „Der missachtete Leser” von Peter Glotz und Wolfgang Langenbucher wie eine Bombe eingeschlagen hatte und Medienwissenschafter den Zustand des Lokaljournalismus für miserabel hielten, startete das Lokaljournalistenprogramm die ersten Aus- und Weiterbildungsseminare. Rund 100 interessierte Redakteure erhielten zudem ein aus fotokopierten Zeitungsartikeln zusammengestelltes Heft mit Ideen für gute Beiträge. Nach der ersten Ausgabe stieg die Nachfrage auf 1400 Exemplare an. Heute sind rund ein Drittel der deutschen Lokalredaktionen Abonnenten der „Drehscheibe”. Berthold Flöper, Leiter des Journalistenprogramms bei der Bundeszentrale für politische Bildung, ist stolz darauf, dass die „Drehscheibe” Lokalredakteure aus ganz Deutschland miteinander vernetzt hat – obwohl „der Lokalredakteur eigentlich ein Einzelkämpfer ist”, wie Flöper sagt. Zu einem Drittel kann sie durch die Abonnementsgebühren finanziert werden, zu zwei Dritteln trägt das Lokaljournalistenprogramm der Bundeszentrale für politische Bildung die Kosten. Weil die Wissenschaft beim Lokaljournalismus zwar Mängel feststellte, aber nie Mechanismen aufzeigte, wie man es anders machen könnte, übernahm die „Drehscheibe” diese Funktion: „Wir zeigen, wie man Lokaljournalismus auch anders machen kann”, sagt Flöper. Werner Schwarzwälder, ehemaliger Chefredakteur des „Südkurier” in Konstanz, ist überzeugt, dass die „Drehscheibe” ein wichtiger Impulsgeber in der Entwicklung des Lokaljournalismus war: „Sie hat dem Terminjournalismus den Kampf angesagt.” Die Überzeugung, dass man gerade im Lokalen Themen aktiv angehen soll, hätte sich erst einmal durchsetzen müssen. Auch von der Bundeszentrale für politische Bildung organisierte Tagungen haben nach Meinung von Schwarzwälder zur Entwicklung des Lokaljournalismus beigetragen. MAZ-Direktorin Sylvia Egli von Matt war letztes Jahr Referentin am Forum für Lokaljournalismus und ist beeindruckt vom angeregten Austausch auf hohem Niveau in Deutschland. „Ich fände es gesellschaftspolitisch wichtig, wenn in der Schweiz beispielsweise Gelder aus der indirekten Presseförderung zur Verfügung ständen, damit wir eine der ‚Drehscheibe’ ähnliche Qualitätsoffensive starten könnten.” In der täglichen Arbeit der Lokalredakteure kann die „Drehscheibe” äusserst nützlich sein. Werner Schwarzwälder schätzte den Ideenlieferanten besonders in der „Sauregurke-Zeit” nach Weihnachten oder im Sommer. In der heissen Jahreszeit, wenn es schwierig war, die Seiten zu füllen, nahm er oftmals den Praktikanten beiseite und holte sein Kästchen mit den aufbewahrten „Drehscheibe”-Tipps hervor. „Wir haben gelernt, im positiven Sinne abzukupfern.” Auch Dirk Lübke, Chefredakteur der „Goslarschen Zeitung”, sagt, dass seine Redaktion die „Drehscheibe” – sowohl das monatliche Heft wie auch den Redaktionskalender – regelmässig als Ideengeber nutzt. „Durch die ‚Drehscheibe’ können Redaktionen gar nicht erst die Ausrede aufkommen lassen, es fehle an Ideen”, sagt Lübke. Er findet, jede Lokalredaktion sollte die „Drehscheibe” verordnet bekommen. Auch bei der „Saarbrücker Zeitung” greifen die Redakteure immer wieder auf Ideen der „Drehscheibe” zurück. Ressortleiterin Ilka Desgranges: „Ich halte das Projekt ‚Drehscheibe’ für sehr sinnvoll. Die vielen guten Beispiele geben einen schönen Überblick über Ideenreichtum und Kreativität in deutschen Lokalredaktionen”. Und Dirk Lübke sagt: „Die ‚Drehscheibe’ zeigt, dass Deutschlands Lokaljournalismus weitaus kreativer und probierfreudiger ist als viele sogenannte grosse Qualitätszeitungen es je sein werden.”
Besseres Image. Jan Steeger von der „Drehscheibe”-Redaktion sagt, es gebe noch immer viel Terminberichterstattung. Er ist aber überzeugt, dass insgesamt das Image des Lokaljournalismus besser geworden sei. „Viele Lokalredaktionen arbeiten heute mit vielen verschiedenen Darstellungsformen.” Die Einsicht, dass Lokaljournalismus für den Leser wichtig sei, habe sich durchgesetzt. „Trotzdem haben wir de facto noch immer dieselben Probleme: Personell ausgedünnte Redaktionen und Journalisten, die nicht selten pro Tag ein bis zwei Seiten füllen müssen.” Entsprechend meint Berthold Flöper: „Wir sind noch nicht am Ende der Fahnenstange”. Das Zeitungsvolontariat beispielsweise sei in Deutschland erst seit etwa 19 Jahren wirklich geregelt. Auch wenn es noch einiges zu tun gibt, ist Werner Schwarzwälder überzeugt, dass heute ein anderer, modernerer Lokaljournalismus betrieben werde – auch dank der „Drehscheibe”. „Unsere Lokalredakteure gehen aufrechter durch die Redaktion.”
Eva Pfirter ist freie Journalistin in Bern.
SCHWEIZER FENSTER DER „DREHSCHEIBE”? Mitte November hat die Projektgruppe „Lokalnetz Schweiz” weitere Schritte zu einer Stärkung des Lokaljournalismus besprochen. Ihre zentralen Anliegen sind: > Qualität im Lokaljournalismus steigern > Mehr Anerkennung für Lokaljournalismus > Selbstbewusstsein der LokaljournalistInnen steigern > Lokaljournalismus stärken, um gegen die Konkurrenz von „Google”, „20 Minuten” und anderen bestehen zu können > Verleger überzeugen, mehr in ihre Lokalzeitungen zu investieren > Ausbildung intensivieren
„Lokalnetz Schweiz” besteht aus Verlegern, Chefredaktoren und Ausbildnern. Sie arbeiten zusammen mit der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung ein Projekt für ein Schweizer Fenster der „Drehscheibe” aus. Um die Lokaljournalisten in der Schweiz besser zu vernetzen, prüft die Projektgruppe Ideen wie: Ein „Wiki”, Anlässe zum Thema Lokaljournalismus, Stärkung des Ausbildungskonzepts sowie einen „Kompaktkurs Lokaljournalismus”. ep
EDITO-SERIE: „DAS LOKALE IM JOURNALISMUS” Bereits erschienen sind die Beiträge „Vitaminstoss für das Lokale” (Nr. 3/09), „Die Selbstgespräche der Gesellschaft moderieren" (Nr. 04/09).
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