Das Internet hat nicht nur auf die Geschäftsmodelle grossen Einfluss, mit denen Journalismus bisher finanziert wurde, sondern auch auf den Journalismus selbst. Von Peter Sennhauser
Als der meistgehörte Discjockey von Los Angeles, Ryan Seacrest, eines Morgens im Juli mitten in seiner Sendung „Kevin and Bean” beim Konkurrenzsender CBS anrief, war dies für das Wall Street Journal Anlass für einen Artikel. In seltener Eintracht prügelten die drei Radiostars fünf Minuten lang ihre Bosse und deren Pläne, die Sendungen fast im Sekundentakt den Ratings anzupassen. Möglich macht dies – so das „Wall Street Journal” – die Auswertung des Publikumszuspruchs mit tragbaren Sensoren - in Echtzeit. Der Einfluss von Vernetzung und „Youtubisierung” auf Stil und Inhalt der elektronischen Medien ist nicht erst mit dem Erfolg der Casting-Shows deutlich geworden (deren erfolgreichste, „American Idol” von Seacrest moderiert wird). Das „Web 2.0” besteht aus Unterhaltung, die das Publikum selber produziert, und es wäre aus kommerzieller Sicht unlogisch, auf diese „Marktforschung” nicht zu reagieren.
Suchmaschinen und Werbung. Gegen derlei direkte Einflüsse sei der informationsbezogene, langsame Print- (oder vielmehr Lese-) Journalismus resistent, glaubten Experten. Das ist ein Irrtum. Längst sind stilistische und formale Änderungen zu erkennen, die den Kern des Nachrichtenjournalismus betreffen – die geschriebene Sprache. Die Adaptionen werden von drei Faktoren getrieben: Von der Werbung, den Suchmaschinen und dem Leseverhalten. Letzteres war für Zeitungen schon immer Anlass für Themenwahl, Schlagzeilen und Design. Aber nie sind in so kurzer Zeit so viele Stilregeln über den Haufen geworfen worden, weil sich die Lesegewohnheiten – elektronisch mit „Eyetracking” messbar – geändert haben sollen. Plötzlich lernen wir, dass Zahlen nicht mehr ausgeschrieben, Sätze noch kürzer gehalten und der Lesefluss an der Zeilenlänge und nicht am Sprachrhythmus festgemacht werden muss. Damit einher geht das Diktat der Suchmaschinenoptimierung: Damit ein Text von Google und Co. angezeigt wird, muss er typische Suchbegriffe im Titel und gehäuft im Text enthalten. Umschreibungen oder Synonyme sind nicht mehr elegant, sondern verboten, und wer es schafft, in jedem Text „Paris Hilton” unterzubringen, dessen Artikel wird „besser gelesen”. Zumindest gemäss Klickstatistik. Sie ist der heilige Gral für die Werber. Statt für eine geschätzte Auflage bezahlen sie längst nur noch pro effektiver Anzeige (Ad-Impression) eines Inserats. Die Verleger sorgen deswegen mit Bildstrecken und künstlich paginierten Texten für hohe Klickraten. Diese Inflation wiederum fordert ihren Tribut: Derzeit klicken in den USA gerade noch halb so viele Leser (16 Prozent) auf Werbung wie vor einem Jahr. Die Konsequenz sind neue Abrechnungsmodelle, bei denen nur noch pro Verkauf bezahlt wird; die Folge dessen werden Werbelinks direkt in redaktionellen Texten sein. Diese Spirale dreht sich weiter, solange die Statistiken nach Leserquantität und nicht nach -qualität ausgewertet werden. So lange werden Online-Texte mehr und mehr zu reinen Klick-Vehikeln degradiert. Vielleicht ist das eine unumgängliche Zwischenstufe auf dem Weg zu einer neuen Online-Ästhetik (wie sie ausgerechnet Springer-Chef Mathias Döpfner jetzt mit Bezahl-Inhalten erzwingen will). Die Frage ist bloss, ob es dann noch Journalisten in den Newsrooms gibt, die schreiben können.
Änderungen in Dokumenten SCHREIBEN IN DER WOLKE Eine der verkanntesten Funktionen des mächtigen Microsoft Word, mit dem wir alle seit Jahren arbeiten und von dem wir einen Bruchteil der Funktionen kennen, heisst „Änderungen nachverfolgen”. Es war ein geniales Werkzeug für die gemeinsame Arbeit an einem Text: Was der eine geschrieben hatte, konnte die andere redigieren, umschreiben und verbessern und dann zurückschicken – und der Autor konnte sich der Reihe nach durch die Änderungen klicken und entscheiden, ob er sie annehmen wollte oder nicht. Genutzt hat die Funktion in meinem Bekanntenkreis so ungefähr genau niemand. Jetzt leben wir im Web 2.0, dem Mitmach-Internet. Word und seinesgleichen werden weitgehend überflüssig: Alles, was ein Journalist heute noch für die Basisarbeit braucht, ist ein leistungsfähiges Netbook und ein schneller Internetanschluss. Die Anwendungen kommen aus dem Internet, und viele davon bieten eine bessere, weil reale, Zusammenarbeit, als „Änderungen nachverfolgen” je sein konnte. Selbstredend hat Microsoft die Technologie in MS Office integriert. Kostenlose und leistungsfähige Kollaborations-Textverarbeitungen sind aber im Netz zuhauf zu finden. Am bekanntesten sind die Google Docs (docs.google.com): Hier können Texte, aber auch Tabellen online erfasst und Kollegen via E-Mail zur Mitarbeit eingeladen werden. Der Urheber bestimmt, wer die Datei nur sehen oder bearbeiten darf. Für geheime Dokumente eher nicht geeignet, weil die Dokumente nur mit geheimen Links im Netz „versteckt” sind. Eine fast identische Funktionalität, aber etwas strengeren Schutz der Dateien, bietet „Writeboard” von 37 Signals (writeboard.com). Kostenpflichtig, aber auf die gemeinsame Arbeit an einem Dokument in Echtzeit ausgerichtet ist „Etherpad” (etherpad.com). Dessen Konzept mit farbiger Unterlegung für jeden mitwirkenden Autor und die sofortige Darstellung bietet sich vor allem für das Editieren von Dokumenten in Telefonkonferenzen an.
Peter Sennhauser ist Chefredaktor von www.blogwerk.com, die auch medienlese.com herausgibt
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