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Vielfältiger, qualitätsbetonter, selbstbewusster: Die Privatradios haben mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem radiophonen Urknall ihre Position weitgehend gefunden. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl verleiht der Hauptkonkurrent – die SRG.
Von Philipp Cueni und Markus Knöpfli

Die Wiederauferstehung des bereits totgesagten Privatradios Energy hat die Szene der Privatradios nochmals durchgerüttelt, erneut medienpolitische Diskussionen ausgelöst. Mit dem Kauf der RMC-Konzession für Energy durch Ringier sind die Konzessionen definitiv verteilt, die Landschaft der Privatradios hat sich neu etabliert.
Vorausgegangen waren langwierige Konzessionsverfahren, heftige Konkurrenzkämpfe unter den Radiostationen, Kritik am neuen Radiogesetz und vor allem am Konzessionierungsverfahren. Heftig umstritten waren die Qualitätsauflagen, welche das BAKOM mit der Vergabe der Konzession verbindet. Die Konzessionsvergabe und das ganze Verfahren haben bei den Privaten viel Ärger über die Behörde und auch einen gewissen Kater hinterlassen. „Die Branche ist froh, dass die Phase der Konzessionierung vorbei ist, jetzt kann man sich wieder aufs Programm konzentrieren”, sagt Jürg Bachmann, der Präsident des Privatradioverbandes VSP.
EDITO hat mit Exponenten der Privatradioszene gesprochen. Hier zehn Beobachtungen.

Die Szene. Die Radioszene ist vielfältiger geworden. Es sind mehr Players auf Sendung: Es gibt weitere eigenständige Stationen, zumindest zahlenmässig haben die Verlegerradios etwas weniger Gewicht, sie dominieren aber nach wie vor die meisten Zentren. Die bunte Mischung von Grossen neben Kleinen, von Kommerziellen und Nichtkommerziellen (Unikom), Land-, Stadt- und Jugendradios tut der Szene gut. Und natürlich sind unterdessen auch Internetradios mit von der Partie.
Die zwei Piraten der ersten Stunde, Roger Schawinski (Radio 1) und Christian Heeb (Radio Basel), sind wieder dabei. Auffällig, dass viele Exponenten schon sehr lange aktiv sind: Günter Heuberger (Top), Markus Ruoss (Sunshine), Martin Muerner (BeO), Giuseppe Scaglione (105). Newcomers, welche die Szene neu aufmischen, fallen zumindest nicht auf – am ehesten sind die vermutlich bei den Nichtkommerziellen oder den Internetradios zu finden.

Die Macher. Weiterhin wechseln viele Journalistinnen und Journalisten, die das Radiohandwerk bei Privaten erlernt haben, irgendeinmal zu Radio DRS. Aber neu werben einige Privatstationen auch bekannte Namen von SR DRS und auch von renommierten Zeitungsredaktionen ab. Offenbar bezahlen die „grossen” Privaten zum Teil auch konkurrenzfähige Löhne.

Die Kooperationen. Trotz Gerangel um Sendegebiete und Frequenzen sieht sich die Szene der Privaten nicht als zerstritten, der Prozess um das RTVG und die Konzessionen habe sie sogar zusammengeschweisst, glaubt Muerner. Von einer gemeinsamen Werbevermarktung ist man allerdings noch weit entfernt. Bei einigen Sachdossiers wirkt die Branche kompakt, in der wichtigen Technologiefrage (HD oder DAB+) bleibt man gespalten.
Die inhaltliche Kooperation sei heute dank der Digitalisierung leichter möglich, sagt Schawinski. Er postuliert mehr redaktionelle Kooperation zwischen den Stationen, das sei die einzige Möglichkeit, die Qualität zu erhöhen. So tauschen Schawinski und Heeb Sendungen aus. Der Zürcher kann sich diese programmliche Kooperation gar als Kern eines künftigen „Privatradio-Info-Netzwerks” vorstellen.

Das Verhältnis zur SRG. Dass die SRG ihre Position zementierten konnte, hat viele frustriert. „Man darf nie vergessen, wer unser Hauptkonkurrent ist: Die SRG”. sagt Schawinski. Noch immer besteht die Forderung und auch Hoffnung auf mehr und bessere Frequenzen für die Privaten – und eigentlich nach einer sprachregionalen Frequenz als echte Konkurrenz zur SRG. Muerner erhofft sich eine Teilrevision des RTVG sowie eine Debatte, ob die SRG wirklich so viele Programme und Frequenzen brauche. Günter Heuberger hält es für möglich, dass die SRG aus finanziellen Gründen Aufgaben und damit vielleicht sogar Frequenzen aufgeben muss. Kritisiert wird im Weiteren das Sponsoring in den SRG-Radioprogrammen.

Das Programm. Es gibt mehr Vielfalt an Formaten und Typen; die Dominanz der Formatradios ist vorbei. Interessant dabei ist, dass Heeb und Schawinski mit ihrem Anspruch auf ein „anderes” Programm die bestehenden Privatradios kritisierten. „Der Wortanteil wurde bei den Privatradios stark reduziert”, sagt Schawinski, „es gibt kaum mehr lange Wortsendungen, die journalistische Kompetenz hat heute einen kleinen Stellenwert.”
Christian Heeb sieht eine positive Tendenz: „Reine DJ-Radios sind wohl definitiv Vergangenheit”, es gebe mehr Stationen als früher mit höherem News- und Wortanteil. Und Karin Müller (Radio 24) wie Jürg Bachmann (VSP) mahnen, die Privatradios sollen sich auf ihre Hauptstärke, die regionale Grundversorgung, zurückbesinnen. Trotz der Versprechen von Schawinski und Heeb herrscht im Programmbereich Pragmatismus: Gerade auch mit Blick auf Radio 1 sagt Tony Immer (Radio Zürisee), man könne das Privatradio nicht neu erfinden.

Der Kommerz. Die Privatradios hatten den zweifelhaften Ruf, es mit der Trennung von Programm und Kommerz nicht so genau zu nehmen. Jetzt sind die Vorgaben des BAKOM strenger. Trotzdem sieht Jürg Bachmann, der Verbandspräsident der Privatradios (VSP) und frühere Geschäftsführer von Energy, im Bereich der Zusammenarbeit zwischen Programm und Werbung programmlich mehr Gestaltungsfreiraum.
Heeb setzt mit seiner Selbstkritik einen Kontrapunkt: Die Wahl eines externen Vermarkters sei „das grösste Geschenk gewesen, das ich der Redaktion machen konnte. Wir wollten Unabhängigkeit; Werbung ist nicht unser Geschäft.” Früher, als er bei Basilisk war, sei mit der Agentur Medag im gleichen Haus die Trennung wegen der ständigen persönlichen Kontakte de facto nicht vollzogen gewesen.

Die Qualität. Die Exponenten der Privatradios haben lange Zeit und intensiv über die Qualitätsauflagen des BAKOM gelästert. Auch jetzt gibt es immer wieder Kritik an der „Reguliererei”. Aber grundsätzlich wird die Qualitätsinitiative des BAKOM inzwischen akzeptiert und sogar gelobt. Es scheint, es werde bewusster mit dem Qualitätsfaktor umgegangen. „Die Konzessionierung beziehungsweise das RTVG hat die Chance für mehr Qualität deutlich gesteigert”, sagt Heuberger. Das Konzessionierungsverfahren habe den Qualitätsprozess unterstützt, bestätigt Muerner. Und Heeb doppelt nach: „Es gab einen Ruck in der Szene Richtung Qualität. Diese Rückbesinnung war gut.” Allerdings habe auch er mit der Rechfertigung vor den „Medienpolizistli” Mühe.

Die Stabilität. Das private Radiogeschäft scheint vergleichsweise krisenresistent. Die meisten Stationen geben an, die Radiowerbung sei zwar leicht zurückgegangen, es gehe ihnen aber gut. Und nirgends wurden Stellen abgebaut.

Die Akzeptanz. Niemand spricht mehr davon, den Privatradios Frequenzen wegzunehmen. Offenbar ist auch anerkannt, dass viele Radioleute irgendwann mal bei einem „Alternativradio” ins Handwerk eingestiegen sind.

Zukunft und Technologie. Die Szene ist sich nicht einig, welche Rolle die neue Technologie, vor allem DAB+, HD-Radio und Internetradio, für die Privatradios überhaupt spielen werde. Für einige ist weiterhin UKW das Mass aller Dinge, für Günter Heuberger ist die Digitalisierung die wichtigste Herausforderung. „Wir dürfen den Anschluss nicht verpassen”, warnt Karin Müller.

www.vsp-asrp.ch

Markus Knöpfli ist freier Journalist in Basel.


EDITO hat mit folgenden Personen gesprochen: Jürg Bachmann (Präsident VSP), Christian Heeb (Geschäftsführung und CR Radio Basel), Günter Heuberger (VR Präsident Radio Top), Tony Immer (Geschäftsleiter und CR Radio Zürisee), Martin Muerner (Sendeleiter Radio BeO), Karin Müller (Programmleiterin Radio 24), Roger Schawinski (Geschäftsführung und Programmleiter Radio 1), Peter Scheurer (Radio 32).

© EDITO 2009


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