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Peter Gyslings Tagebuch einer Winterwoche

Montag, 9. November. In Moskau erzeugen die Berliner Jubiläumsfeiern zum Mauerfall keine grossen Schlagzeilen. Präsident Dmitri Medwedew lässt sich in der deutschen Hauptstadt zwar mit Kanzlerin Angela Merkel ablichten und Ministerpräsident Vladimir Putin erinnert im Fernsehsender NTV an seine damalige Agententätigkeit in der DDR. Während in Osteuropa der Eiserne Vorhang gefallen ist, müssen weniger bemittelte Russen, welche auch mal in den Westen reisen möchten, einen Hürdenlauf über sich ergehen lassen, wenn sie zu einem Schengenvisum kommen wollen. Doch solches interessiert an diesem Jubeltag niemanden; der Moskau-Korrespondent ist heute kaum gefragt.

Dienstag. Ein eisiger Wind weht mir auf dem Weg zum „Unabhängigen Pressezentrum” ins Gesicht. Hier, auf dem Trottoir, sind im letzten Januar der Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow und die Journalistin Anastassija Baburowa im Anschluss an eine Medienkonferenz erschossen worden. Jetzt findet im UPZ wieder ein Treffen mit einem Exponenten statt, der sich traut, Kritik am Staat und seinen Behörden zu üben. Alexej Dymowski, Polizeimajor aus dem russischen Süden, hatte am Wochenende auf YouTube die Korruption bei der Miliz angeprangert: Wenn es darum gehe, das Verhaftungs-Plansoll zu erfüllen, würden auch mal Unbescholtene hinter Gitter gebracht.
Weil die meisten russischen Medien gleichgeschaltet sind, übernimmt das Internet für viele aufgeklärte Bürger-innen und Bürger bei der Informationsbeschaffung eine immer wichtigere Rolle. Wie ein Lauffeuer hat deshalb der Videoeintrag Dymowskis die Runde gemacht. Über 700 000-mal ist sein Kurzvideo angeklickt worden.
Im Treppenhaus des Pressezentrums herrscht Gedränge. Mäntel, Stative, Leuchten – etwa 70 Journalisten, über zwanzig Kameraleute drängen in den kleinen Saal. Wir warten, die Luft wird immer dicker. Eine Journalistin versucht, Dymowski auf dessen Handy zu erreichen. Keine Antwort. Ob er vielleicht von den Polizisten behindert wird, welche wir in der Umgebung des Pressezentrums geortet haben?
Schliesslich aber balanciert Dymowski über die Mikrofonkabel und zwängt sich zwischen den Kamerastativen durch nach vorn. Von den Fakten her erfährt man jetzt leider nicht viel mehr, als man bereits seinem Video entnehmen konnte. Aber man bekommt Dymowski jetzt direkt zu sehen. Der Polizeioffizier tut sich schwer, auf die Journalistenfragen zu antworten. Die Reporterin des regierungstreuen Kanal-1 fragt beispielsweise, welche Westregierung ihn für seinen Auftritt bezahlt habe und überhaupt, in wessen Dienst er denn stehe. Ich selbst habe den Eindruck, Dymowski handle wahrscheinlich aus uneigennützigen Motiven, er sei aber wohl etwas naiv.
Am Abend, nach der Überspielung meines Beitrags fürs „Echo der Zeit”, zappe ich durch die russischen Nachrichtensendungen. Obwohl die meisten Sender an der Medienkonferenz vertreten waren, vermag ich keinen einzigen Bericht über Dymowskis Moskauer Auftritt zu entdecken. Die russischen Journalisten sind zwar meist auch dann vor Ort, wenn über Kritisches berichtet wird, über die Sender aber geht dann meist nur das, was von „oben” auch erwünscht ist. Die Chefs der grossen russischen TV-Anstalten, so heisst es, würden dazu wöchentlich zu einem als Meinungsaustausch deklarierten Instruktionsgespräch in den Kreml zitiert.

Mittwoch. Einladung in die Moskauer Journalismus-Fakultät. Ich solle Auskunft geben über die Korrespondentenarbeit. Wie ich denn die Tatsache nutze, dass zahlreiche westliche Verlage aus wirtschaftlichen Gründen ihre festangestellten Korrespondenten aus der russischen Hauptstadt abgezogen haben? Ich verweise auf die Freelancer, welche engagiert und sehr kompetent arbeiten. Und darauf, dass wir uns auf den Aussenposten mehr als Schicksalsgemeinschaft, weniger als Konkurrenten verstünden. Wichtig seien vielmehr die publizistischen Akzente, welche die Heimredaktionen in ihrer Auslandsberichterstattung setzten.
Dann die Frage eines Studenten nach dem Schweizer Bankgeheimnis. Ich erkläre, dass es doch verständlich sei, wenn sich Staaten dagegen wehrten, wenn Gelder an deren Fiskus vorbei direkt in die Schweiz geschafft würden. Den Seminarleiter freut diese Aussage, er lehnt sich entspannt zurück. Dann erkläre ich weiter, dass es mich indes erstaunt habe, wie sich Präsident Medwedew anlässlich seines Staatsbesuchs in der Schweiz dezidiert hinter das Bankgeheimnis gestellt habe. „Zurück zu Fragen der Publizistik!” mahnt jetzt der Diskussionsleiter und schneidet ein Thema an, welches die Studenten offensichtlich weniger interessiert.

Donnerstag, Punkt 12 Uhr. Fanfaren künden im Kreml den Präsidenten an. Zu dessen Rede zur Lage der Nation, welche landesweit auch auf den TV-Kanälen live ausgestrahlt wird. Zwar hätte ich ein Gesuch um eine spezielle Akkreditierung stellen können, um möglichst hautnah die etwas sehr spezielle Machtinszenierung mitzubekommen. Denn diese Macht des Zeremoniells im Stil der Zaren kann man nur live einfangen. Die Sicherheitskontrollen aber sind stets so zeitaufwändig, dass ich bei einem Besuch im Kreml mehrere Stunden verlieren würde und meinen Verpflichtungen fürs „Rendez-vous” auf (Radio DRS) 1 nicht nachkommen könnte, und auch die vereinbarte Schaltung mit der Mittagstagesschau (um 15 Uhr Moskauer Zeit) verpassen würde. Also verfolge ich das Geschehen allein vom Büro aus, via Bildschirm.
Ähnlich wie in seinem Blog und in Interviews mit westlichen Medien fordert jetzt Medwedew vor den Abgeordneten der Duma und des Föderationsrats mehr politischen Pluralismus. Kein Wort aber zu den Regionalwahlen, bei denen im Oktober zahlreichen Oppositionskandidaten der Einzug in die Regionalparlamente versperrt worden war. Dann Medwedews Kampfansage gegen die Korruption. Hier könnte hätte der Präsident wenigstens in einem Nebensatz Dymowski erwähnen und garantieren können, dass dessen Anschuldigungen nachgegangen werde. Doch Medwedew schiebt seinem Kampfaufruf vielmehr eine relativierende Erklärung nach. Die Mitarbeitenden in den Rechtsschutzorganen, so sagt er, seien letztlich ehrliche Menschen.

Freitag. Nun ist wieder Medwedews Ziehvater Putin am Zug. Der Ministerpräsident tritt als Überraschungsgast mit Hip-Hoppern und Breakdancern im Mus-TV auf. Putin versteht es einmal mehr, die etwas verkrampft wirkenden Auftritte Medwedews in den Schatten zu stellen. Überhaupt: Medwedews Rede zur Lage der Nation, vor allem dessen Ermahnungen, gehören längst wieder der Vergangenheit an!
Es ist derzeit äusserst frostig in Russland. Trotzdem: der Wandel ist unübersehbar. Und die faszinierende Weite, die kulturelle Vielfalt des Landes, die grosse Offenheit seiner Menschen sorgen fast jeden Tag auch für stets freudige Überraschungen.

Peter Gysling
ist (nach 1990 bis 1994) seit dem Sommer 2008 wieder Korrespondent von SR DRS in Moskau. In einem kleinen Teilpensum berichtet er auch fürs SF. Sein Berichterstattungsgebiet umfasst Russland und die übrigen 14 Staaten, welche aus der UdSSR hervorgegangen sind.

© EDITO 2009


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