Wie viel audiovisuellen Service public braucht das Land? Das Thema ist nicht zuletzt im Kontext der Diskussion über den Finanzbedarf der SRG aktuell. Es stellt sich die Frage nach mehr Zusammenarbeit innerhalb des Mediensystems. Ein Tribünen-Beitrag von Daniel Eckmann
Laut Leistungsauftrag muss der Rundfunk mit öffentlichem Auftrag zum Funktionieren der demokratischen Gesellschaft, zur kulturellen Entfaltung und zum gegenseitigen Verständnis beitragen. Gerade in einem kleinen, viersprachigen Markt mit weniger als drei Millionen Radio- und Fernsehhaushalten, kann ein breiter Versorgungsauftrag nicht im freien Wettbewerb erbracht werden. Sogar in weit grösseren Medienräumen braucht es dafür den Service public. Was passiert, wenn dieser Dienst erodiert oder an Unabhängigkeit verliert, kann man in Variationen in Frankreich, Italien oder Spanien sehen. Das extremste Beispiel liefern die USA, wo (zu) viel Markt den Service public und die Vielfalt ausgedünnt haben.
Das Publikum. Mit dem Bedarf an Breite und Tiefe kontrastiert die Forderung nach einer Verkleinerung des Auftrags auf einen Kern, der nur noch aus dem besteht, was nicht rentiert. Also Politik, Diskurs, Kultur und Randsportarten. Solche Modelle haben in den USA zu einer Ghettoisierung des public service broadcasting geführt – zu einer Veranstaltung für ein schmales intellektuelles Elitenband. Dabei ist Service public eben gerade mehr als das: Aus gutem Grund verlangt die Bundesverfassung darin nebst Information, Kultur und Bildung auch die Unterhaltung. Service public ist Service au public. Was heisst das? Sicher heisst es nicht, dass eine Durchschnittsleistung an ein Durchschnittspublikum zu erbringen ist. Durchschnitt ist Statistik, nicht Wirklichkeit. Den Durchschnittsmenschen gibt es nicht. „Die Öffentlichkeit” besteht nicht aus einer kompakten Truppe, sondern aus Individuen und Gruppierungen mit verschiedensten Ansichten, Wurzeln, Hoffnungen und Bedürfnissen. Ihnen ist mit Respekt zu begegnen, und zu diesem Respekt gehört eben, dass man sie nicht in einen Topf wirft. Das Individuelle begründet und beansprucht also Vielfalt – und deshalb ist Vielfalt ein Wesensmerkmal des Service public. Es gibt somit nicht bloss einen Kunden mit einem Bedürfnis. Der Service public richtet sich vielmehr an ein repräsentatives Abbild der Gesellschaft, also an Mehr- und Minderheiten, an speziell und allgemein Interessierte, an Junge und Alte. Alle zahlen Gebühren, deshalb dürfen auch alle erwarten, im Gesamtprogramm Angebote zu finden, die sie interessieren. Entsprechend vielfältig muss die Themenpalette sein. Ein emotionsloser Service public ohne Beachtung verliert seine Bedeutung als moderner Marktplatz der Nation. Er bietet dem Publikum weder relevante Eigenproduktionen, schafft keine grossen Momente noch grosse Emotionen und trägt auch nicht dazu bei, dass wichtige nationale und kulturelle Identitätsfaktoren gestärkt werden. Deshalb gehört die „Swissness” zentral zum Leistungsauftrag der SRG. Das unverwechselbar schweizerische Profil erzeugen wir mit Brauchtum, Schweizer Film und Schweizer Musik sowie mit hiesiger Wirklichkeit bis hinein ins Quiz, in Shows und in den Sport. All das sendet die SRG nicht nur, sie fördert und ermöglicht es auch.
Die digitale Revolution. Alles spricht vom Wandel in der Medienwelt. Dazu ein Beispiel: Der Kennedy-Mord war ein Radioereignis. Die Mondlandung war ein Fernsehereignis. Watergate war Print. Das Suchen nach Infos zum Terroranschlags „9/11” war multimedial: Man wurde per SMS aufmerksam gemacht, zappte herum, ging aufs Netz. Die Iran-Unruhen nach den diesjährigen Wahlen waren medial Internet-getrieben. Bürgerjournalismus via YouTube und Twitter nährte die Nachrichtenlage. Solcher Wandel hat Folgen: Je grösser die Angebotsflut wird, je anonymer die Quellen, desto mehr steigt der Bedarf an Orientierung, an Verlässlichkeit, an Qualitätsjournalismus. Und je moderner die Mediengesellschaft ist, desto vernetzter müssen die Angebote sein, damit sie den Weg zu den Nutzern finden. Die Medienwelt wandelt sich. Waren Radio und Fernsehen erst noch völlig verschiedene Handwerke, wächst beides angebotsseitig auf dem Internet zusammen. Zudem ist die Produktion mittlerweile durchgängig digital. Von der Aufnahme über die Bild- und Tonbearbeitung bis zum Archiv, findet alles im gleichen Computersystem statt. Auch redaktionell ändert sich die Welt. News sind nicht mehr rar, sondern sprudeln im Überfluss aus Quellen aller Art. Dafür sind die journalistischen Herausforderungen an die Selektion, Bewertung und Einordnung gestiegen. Das alles hat die Ausgangslage grundlegend verändert. Was bisher divergent war, ist konvergent geworden. Was technisch möglich ist, wird vom Publikum tatsächlich auch nachgefragt. Nicht mehr die Sender stehen in der Mitte des kopernikanischen Mediensystems, und das Publikum gruppiert sich darum herum – neu steht das Publikum in der Mitte und holt sich aus den umgebenden Medien, was es sucht und will. Auch hier eine Illustration: Mein Grossvater wollte noch kein Radio in der Stube mit der Begründung, er möge keine Möbel, die reden. Meine Söhne werden den ganzen Tag begleitet von Radio, Nachrichten auf dem Handy, Newsportal und On-demand-Angeboten via Internet, Podcasts im iPod und HD-TV. Kurz: Es geht darum, einem immer segmentierteren Publikum glaubwürdige Inhalte mit starken Marken über diverse Kanäle anzubieten. Diese Entwicklungen erfordern konvergentes Denken über Vektorengrenzen hinweg.
Die SRG ist keine Insel. Noch sind Generalistenprogramme das Rückgrat des Radio- und Fernsehkonsums, aber der Vormarsch der neuen Medien und die Fragmentierung des Publikums erfordern ein Umdenken. Das Internet ist eine Realität, die Digitalisierung ist eine Realität, und das Verhalten der Kunden ebenfalls. Das Medienverhalten der jüngeren Generation ist grundlegend anders als jenes ihrer Eltern. Sie wollen den Austausch und die Interaktivität, suchen eine soziale Zugehörigkeit, die sie oft in nur virtuell existierenden Communities finden, und nutzen als Eingeborene der neuen Medienwelt alle sich bietenden Möglichkeiten ebenso virtuos wie selbstverständlich. Für sie muss der Service public ein verlässlicher Partner sein, sonst läuft bezüglich Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks etwas nachhaltig schief. Bei all diesen Überlegungen spielen immer wieder zwei Grundaussagen eine Rolle: Erstens ist unsere Konkurrenz nicht im Inland, sondern im finanzmächtigeren gleichsprachigen Ausland. Und zweitens ist das Internet nicht einfach ein zusätzlicher Verbreitungsweg, sondern ein Schlüsselmedium, das alles in sich vereint. Strategisch geht es im Internet nebst der individuell gewünschten Abrufbarkeit von Sendungen um die Kreation von interaktiven Angeboten, um die Diversifikation bestehender Inhalte durch vertiefende Ergänzungen sowie um die publikumsgerechte Multiplikation der Angebote auf verschiedenen Kanälen. Ausgangspunkt ist nicht (nur) das Medium. Am Anfang steht vermehrt die Frage nach dem Inhalt, und erst nachher jene nach der dafür am besten geeigneten Verbreitung via Radio, Fernsehen oder Internet. Oft ist es eine multimediale Kombination von allem: Eine Oper im Fernsehen kann im Radio vor- und nachbereitet und auf dem Internet mit Entstehungsgeschichte, Libretto und Noten vertieft werden. Sinngemäss gilt dieses Beispiel für fast alles: Olympische Spiele, Präsidentenwahlen in Amerika oder Filmfestivals. Benchmark für die SRG-Medien ist die Konkurrenz aus Deutschland, Italien und Frankreich. Sie sind das Mass, auch für die Aufwändigkeit. Allerdings steht die Aufwärtsspirale der Ansprüche im Kontrast zur Abwärtsspirale der Mittel. Dabei ist interessant, dass nur für die SRG geltende Einschränkungen nicht den hiesigen Privaten in die Hände spielen, sondern den immer grösser werdenden ausländischen Giganten. Das gilt für Werbeverbote im klassischen Fernsehen ebenso, wie für jenes im Online. Profiteure sind die Werbefenster von ausländischen Sendern, die auf unserem Markt keinen Mehrwert leisten oder global tätige Konzerne wie Google oder Amazon.
Kooperation als Motor. Das Ziel der Restriktionen war der Schutz einer neuen Einnahmequelle für die Verleger. Ich habe grossen Respekt vor ihrer schwierigen Lage. Nur wird diese mit einer gegenseitigen Frontstellung nicht besser. Die Frage muss heissen, was wirklich weiter hilft. Heute steht fest, dass die vom Gesetzgeber erwarteten Millionen ins Ausland abgeflossen sind, und dass sich neue Werbeformen in den Schweiz nicht etablieren können, wenn ein wichtiger Akteur aus dem Spiel genommen wird. Man löst die Probleme der Verleger also nicht, indem man die SRG auf Sparflamme setzt. Man reduziert lediglich die Treibstoffzufuhr im ganzen eigenen Mediensystem und führt sie zur internationalen Konkurrenz ab. Und man sorgt auch nicht für mehr Vielfalt und Wettbewerb, indem man das Leistungsniveau senkt. Deshalb gewinnen alle, SRG und Private, wenn man sich auf die Erkennung der grossen gemeinsamen Problemursachen konzentriert und Felder definiert, auf denen Verleger und SRG gemeinsam zusammen arbeiten und so das Mediensystem insgesamt stärken, statt das Trennende zu suchen, das keinem weiterhilft. Viel mehr Zusammenarbeit wo zielführend (etwa in der Ausbildung, in technologischen Fragen, bei Archivsystemen etc.) und publizistische Konkurrenz wo stimulierend. Das wäre ein neuer, gemeinsamer, viel versprechender Weg.
Daniel Eckmann ist stellvertretender Generaldirektor der SRG SSR und vertritt hier die Position der SRG SSR. Basis des Beitrags war Eckmanns Referat vor dem Österreichischen Parlament zur Revision des ORF-Gesetzes. Gekürzte und bearbeitete Version für EDITO.
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