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Geschichten erzählen statt nur Bilder zeigen: Mary Ann Golon
hat über Jahre die Bildsprache des „Time Magazine” geprägt.

Von Monika Jung-Mounib

Nicht umsonst ist sie schon „Katastrophenkönigin” genannt worden. Als am 11. September 2001 zwei Flugzeuge nacheinander in die Twin Towers des World Trade Center rasten und 2005 der Wirbelsturm Katrina über New Orleans fegte, da sass beide Male Mary Ann Golon am Dienstpult des Foto-Ressorts beim „Time Magazine”. Beide Male trotzte Golon den einschneidenden, in ihren Ausmassen nicht zu fassenden Katastrophen. Sie behielt den Überblick und machte sich an die Arbeit. Das Ergebnis: Golon und ihr Team stellten Special Editions her, die mit dem National Magazine Award ausgezeichnet worden sind.
Sich selbst bezeichnet die 49 Jahre alte Bildredaktorin Golon dagegen lieber als „News Junkie”. Denn nicht die Bilder stehen bei ihr im Vordergrund, sondern das, wofür sie sie benutzt: Für das Geschichtenerzählen – ihre grosse Leidenschaft. Der Fotojournalismus, sagt die charismatische Frau, sei eine eigenständige Industrie für Leute, die sich in die Magie des Storytelling verliebt hätten. So verwundert es nicht, dass Golon sich nicht nur als Bildredaktorin, sondern auch als Journalistin versteht. Die Journalistin in ihr, so Golon, fange an zu verstehen, was sie vor sich habe und wie dem eine Stimme gegeben werden könnte. Die Bildredaktorin in ihr wiederum müsse verstehen, was die visuelle Stimme der Publikation ausmache.

Gutes Foto, schlechtes Foto. Angehenden Bildredaktoren versucht Golon diese Mischung zu vermitteln. „Fotos sind wie Worte, sie müssen eine Geschichte erzählen”, sagt die Frau in ihrer tiefen, rauchigen Stimme und fährt fort: „Wenn es gelingt, die Bilder so zusammenzuziehen, dass sie etwas Ganzes erzählen, dann ist es fast so, als sei das Ganze geschrieben.” Das aber klingt leichter gesagt als getan. Was unterscheidet einen guten von einem schlechten Bildredaktor? Ein Bildredaktor müsse wissen, was ein gutes Foto und was ein schlechtes Foto sei, antwortet Golon. „Heute gibt es nur noch wenige Redaktoren, die diese Unterscheidung machen können.”
Überdies muss ein Bildredaktor laut Golon gut organisiert sein und gleichzeitig verschiedene Aufgaben bewältigen können: Er muss ein Freund, ein Psychiater, ein Handwerker für Reparaturen und eine Verkaufsperson sein. Gerade das Verkaufen mache etwa 80 Prozent des Jobs aus. „Ideen verkaufen, Unterstützung dafür finden, Redaktoren Bilder verkaufen, Bildaufträge an Fotografen und Agenturen verkaufen”, sagt Golon, „du bist die ganze Zeit am Verkaufen.”
Im digitalen Zeitalter jedoch, in dem Tageszeitungen um ihr Überleben kämpfen, hält Golon das Überleben nur für jene möglich, der sich von der Masse abheben. Eine Webgeschichte in der Länge eines Absatzes oder ein schnell gemachtes Agenturfoto geht in Golons Augen oft nicht tief genug, um für das, was sich hinter der Nachricht verbirgt, ein tieferes Verständnis zu schaffen. Vielmehr soll ein Bild einer Nachricht Leben einhauchen. Ausserdem soll es eine bestimmte Position einnehmen. „Du musst eine Sichtweise einnehmen, es muss eine spürbare Meinung geben”, sagt Golon.
Das ist ihr und ihrem Team nicht nur mit den Heften zum 11. September und Katrina gelungen. Um die menschliche Geschichte hinter Nachrichten über die amerikanischen Luftangriffe auf Bagdad zu erzählen, entschloss sich die „Time”-Redaktion dazu, das Bild des irakischen Jungen Ali, der bei einem Bombenangriff beide Arme und seine ganze Familie verloren hatte, zu veröffentlichen. Der Fotograf Yuri Kozyrev hatte den Jungen in der Notaufnahme eines irakischen Spitals fotografiert. Der Veröffentlichung jedoch waren lange Diskussionen auf der Redaktion vorausgegangen, weil klar war, dass diese Publikation eine grosse Wirkung entfalten würde. Tatsächlich machten später viele andere Fotografen Fotos von Ali. Das Gute daran aber sei gewesen, so Golon, dass für den Jungen Geld gespendet worden sei und er anschliessend in London behandelt werden konnte.
Der spannendste Teil stellt für die Bildredaktorin die Zusammenarbeit mit den Fotografen dar. Die Beziehung zwischen Bildredaktor und Fotograf habe einen entscheidenden Einfluss auf das Resultat der Arbeit, denn um eine Geschichte zusammen zu basteln, müsse man den Fotografen kennen. „Wenn du dich mit ihm oder ihr darüber unterhältst, was er oder sie gesehen hat und was nicht, wie die Situation war, was sie darin gemacht haben oder nicht, dann fängst du besser an zu verstehen, wie sie die Welt sehen, und du wirst ein besserer Bildredaktor”, erzählt Golon. Für sie persönlich habe das auch bedeutet, Fotografen in Krisengebieten wie Yuri Kozyrev mit grossem Engagement zu betreuen. „Diese Leute sind wie eine Freiwilligenarmee, die sich dafür entschieden haben, mit der dauerhaften Anspannung, dem Herzklopfen, dem Adrenalin und dem Risiko zu leben”, sagt Golon.

Fotojournalismus in der Krise. Doch das digitale Zeitalter mit dem Internet und der digitalen Fotografie haben Opfer gefordert. Nach über 20 Jahren hat Golon ihren Job beim „Time Magazine” im Juni 2008 aufgegeben. Das alte Fotografiekonzept war vom neuen Chefredaktor durch ein Design-Konzept für das ganze Magazin ersetzt worden, die dem Fotojournalismus keinen Raum mehr als eigene Sprache erlaubt hat. „Ich habe immer weniger Gelegenheiten gesehen für die Art von Arbeit, wie ich sie liebe”, sagt Golon. Darüber hinaus sei auch die Zusammenarbeit zwischen Bildredaktor und Fotograf weniger und schwieriger geworden. Einen grossen Teil der Arbeit des Bildredaktors erledige nun der Fotograf. Dadurch hätten diese zwar mehr Kontrolle über ihre Arbeit, zugleich aber auch eine grössere Arbeitsbelastung.
Laut Golons Einschätzung befindet sich der Fotojournalismus aktuell in seinem schlimmsten Zustand überhaupt. Zwar stellt das Internet das schnellste und erstaunlichste Medium dar, um die Öffentlichkeit zu erreichen, aber bei den traditionellen Veröffentlichungskanälen, der Verbreitung der Bilder und der Unterstützung für langfristige Projekte hat sich der Markt stark zusammengezogen. Ihr Ratschlag an junge Fotografen, die nun multimedial arbeiten können müssen: Die Still-Fotografie nicht zu vergessen. „Wenn es darum geht, Ton einzufangen oder kurze Videoclips zu machen, dann können Still-Fotografien diesen Dingen mehr Kontext geben”, sagt Golon. Trotz der misslichen Lage seien der Fotojournalismus und die Fotographie relevanter als jemals zuvor, schlussfolgert sie. Schliesslich gehörten sie zur täglichen Existenz und verbänden Menschen miteinander, aus denen der Stoff für Geschichten bestehe.

Monika Jung-Mounib ist freie Journalistin in Uetikon am See. Golon war auf Initiative von MAZ-Studienleiterin Nicole Aeby für einen MAZ-Workshop in die Schweiz gekommen und Keystone organisierte mit ihr ein Werkstattgespräch.


Mary Ann Golon war bis Juni 2008 Bildchefin beim „Time Magazine” in New York. Heute arbeitet sie als unabhängige Redaktorin und Beraterin im Bereich Fotografie. 2009 war sie Gastdirektorin beim Fotofestival LOOK3 (USA)und Jurypräsidentin von World Press Photo.

© EDITO 2009


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