Die Schweizerische Nachrichtenagentur SDA muss Stellen abbauen. Das haben SRG und Verlage so verfügt. Dabei sind sie auf einen professionellen und günstigen Agenturdienst angewiesen – in Krisenzeiten mehr denn je. Von Philipp Cueni
Eine absurde Situation. Die Schweizerische Nachrichtenagentur SDA baut 13 Stellen ab und reduziert ihr Budget um zwei Millionen Franken. Beschlossen hat dies der Verwaltungsrat, welcher aus Vertretern der Verlage und der SRG besteht. Leidtragende des Abbaus sind – ausser den betroffenen Journalisten – die Medienhäuser selbst, weil die SDA ihnen weniger Leistungen wird anbieten können. Ausgerechnet in einer Periode, in der die Redaktionen aus Spargründen vermehrt auf die externen Leistungen der SDA angewiesen sind, bewirken die Medienunternehmen eine Angebotsreduktion der Nachrichtenagentur. Die Kunden sind bei der SDA auch die Besitzer. Eigentlich ist die SDA von den Medienhäusern in genossenschaftlichem Sinne gegründet worden, um die Basisversorgung mit Nachrichten gemeinschaftlich und damit günstig zu garantieren. Entsprechend wird die Agentur im Leitbild der SDA als „Rationalisierungsinstrument” bezeichnet. Nun wird das Rationalisierungsinstrument selbst rationalisiert. Tatsächlich sind die Erträge bei der SDA um 14 Prozent eingebrochen. Mit den eingestellten Gratiszeitungen sind gute Kunden verloren gegangen. Die Grossverlage wie NZZ und Tamedia verlangen Mengenrabatte. Der Grosskunde SRG hat bei der Neuverhandlung eines Rahmenvertrages einen günstigeren Tarif erreichen und damit den Preis drücken können. Schon früher haben die „Mittellandzeitung” und die „Neue Luzerner Zeitung” ihre Verträge mit der SDA gekündigt. Und mit den sinkenden Zeitungsauflagen gehen laufend weitere Einnahmen verloren. Matthias Hagemann, Verwaltungsrat der SDA und Verleger der BaZ, bringt das Dilemma auf den Punkt: „Die Situation der SDA stellt die Frage, wie man Journalismus finanzieren soll.” Die SDA arbeite gut und kostengünstig und erbringe mit dem Anbieten von Nachrichten eine direkte Dienstleistung an die Medienhäuser. Eine unabhängige schweizerische Agentur sei sehr wichtig. Man müsse sich Gedanken machen, wie man das sichern könne. Aber das garantiere die Finanzierung noch nicht.
Schnitt ins eigene Fleisch. Die Wichtigkeit der SDA wird in der Medienszene kaum bestritten. Michael Schönenberger von den Zürcher Landzeitungen: „Ohne SDA könnten wir unsere Zeitung nicht machen. Deshalb verabschieden wir uns bewusst nicht von ihr, auch wenn wir viele der Informationen auch sonstwo aus dem Netz beziehen könnten. Aber die kommen ursprünglich ja meistens auch von der SDA. Wenn man aus dem SDA-Konsens aussteigt, schneidet man sich ins eigene Fleisch.” Ähnlich tönt es bei der Lokalzeitung „Volksstimme”: „Wir bringen pro Ausgabe etwa drei bis vier Nachrichten, einen Bericht aus dem Regionaldienst, und einen Füller in der Beilage”, sagt Verlagsleiter Robert Bösiger. „Auch wenn wir genügend Stoff aus dem Netz beziehen könnten, wollen wir das nicht, weil es die Leistungen der SDA braucht. Allerdings waren die bisherigen SDA-Pakete für unsere Bedürfnisse zu wenig spezifisch und deshalb zu teuer. Jetzt haben wir eine faire, deutlich günstigere Vereinbarung.” Auch Norbert Neininger, Chefredaktor der „Schaffhauser Nachrichten”, bestätigt, man sei mit dem Angebot und der Kostenstruktur der SDA zufrieden und wolle weiterhin zu diesem gemeinsamen Dienst solidarisch sein. Man müsse zur SDA Sorge tragen. „Es gibt im Verlagsbereich Leistungen, die man nicht einfach nur auf den letzten Knopf berechnen kann.” Hanspeter Lebrument, Verleger der „Südostschweiz” und Verwaltungsrat bei der SDA, doppelt nach: Um Nachrichten komme man nicht herum. Deshalb solle man trotz der Finanzprobleme bei der SDA nicht zu stark abbauen, „nicht alles über den Bock hauen”. Kritischer beurteilt Catherine Duttweiler, Chefredaktorin beim „Bieler Tagblatt”, die Situation – auch wenn sie den Abbau ebenfalls bedauert. Ein Teil des Problems der SDA sei selbst verschuldet. Sie sei mit dem Leistungsangebot nicht zufrieden. Die Leistungen seien bei gleichem Preis abgebaut worden, dafür werde zuviel Special Interest und People, zuviel fürs Radio geboten, die Online-Basispauschalen benachteiligten die kleineren Zeitungen und die Wiederholung von Meldungen störe. SDA-Meldungen machen im „Bieler Tagblatt” etwa zehn bis 15 Prozent der Inhalte aus. Da müsse man sich fragen: „Wollen wir uns das noch leisten?”
Viel Skepsis, viel Optimismus. Ist die Grundidee des gemeinsamen Dienstes – die solidarische Finanzierung durch die Nutzer des Agenturangebotes – bedroht? Anzeichen dafür sind vorhanden. Auch wenn aus fast allen Gesprächen hörbar ist, dass der Ausstieg der „Neuen Luzerner Zeitung” und der „MittellandZeitung” Unverständnis und Skepsis ausgelöst hat. Aber direkt so sagen will das niemand. Gibt es Lösungsansätze zur Sicherung der SDA? Lebrument beurteilt die Zukunft der SDA optimistisch, weil deren Töchter – wie Sportinformation, news aktuell, Media Connect, AWP – erfolgreich seien. Norbert Neininger hat im Departement Publizistik des Verlegerverbandes eine Arbeitsgruppe zur Zukunftssicherung der SDA unter dem Chefredaktor des „St. Galler Tagblatts”, Philipp Landmark, eingesetzt. Sie soll die Erwartungen der Chefredaktoren an die SDA neu überprüfen. Diskutiert wird etwa, ob die SDA auch ganze redigierte Themenseiten oder vermehrt eigene Geschichten anbieten könnte. Neininger, Lebrument und Hagemann schlagen als Form der indirekten Presseförderung eine Unterstützung der SDA durch den Bund vor: Es sei durchaus im öffentlichen Interesse wie auch der Politik, dass eine unabhängige schweizerische Nachrichtenagentur gesichert sei und dass die SDA alle Sprachregionen weiterhin mit einem genügend grossen Basisdienst beliefern könne. Neininger: „Die SDA mit ihrer Dienstleistung an alle Medien und alle Sprachregionen bietet sich als Mittel für die indirekte Presseförderung geradezu an.” Einen staatspolitischen Aspekt sieht der Medienwissenschafter Roger Blum (ikmb) bei der gleichmässigen Versorgung der Sprachregionen durch die SDA, aber auch beim journalistischen Transport all jener Beschlüsse von Bundesrat, Departementen, Ämtern und Gerichten, welche weniger spektakulär seien und im Tagesgeschäft oft untergehen. Und Peter Meier, Leiter Forschung am ikmb und Spezialist für Nachrichtenagenturen, gibt zu bedenken, dass eine neutrale SDA auch wichtig sei, weil die allermeisten international tätigen Agenturen klar westlich ausgerichtet seien, was im globalen Nachrichtenfluss zu einem Nord-Süd-Gefälle führe. Blum wie Meier weisen aber auch auf die Gefahr einer möglichen staatlichen Einflussnahme hin, wenn der Bund die SDA mitfinanzieren sollte.
Wachsende Bedeutung. Roger Blum sieht eine weitere, zunehmend wichtige Aufgabe der SDA: Bei Verlautbarungsmitteilungen könne die Agentur, die nicht unter dem Druck der Inserenten oder der Politiker stehe, die Texte auf den wahren Informationsgehalt reduzieren. Damit stehe den zeitgestressten Redaktionen neben dem PR-durchdrungenen Text auch ein sachlicher Nachrichtentext zur Verfügung. Aktuelle Realität für die SDA ist allerdings die Umsetzung der Budgetreduktion. Das heisst: Leistungen herunterfahren und Stellen abbauen – wenn möglich ohne Entlassungen, wie SDA-Chefredaktor Bernard Maissen betont: „Wir werden nicht mehr überall die gleiche Tiefe der Berichterstattung anbieten, bestimmte Ereignisse nicht mehr abdecken können. Und das Angebot auf Französisch wird nicht mehr in allen Bereichen gleich umfassend sein wie jenes in Deutsch.” Trotzdem bleibt Maissen optimistisch: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Verleger und die SRG ihre Agentur in ihrer Existenz gefährden wollen, denn damit schaden sie ja sich selbst. Längerfristig ist die Produktion von Medien ohne Agenturen teurer und aufwändiger.”
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