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Die Imhof-Studie spricht von einer Medienkrise: Billige Softnews nehmen zu, Recherchen zu relevanten Themen ab. Der Episodenjournalismus verdrängt den einordnenden Bericht. Die qualitätsschwachen Medien sind im Vormarsch. Das gefährde auch die Demokratie. Medienalarm?
Von Philipp Cueni

Man stelle sich vor: Eine wissenschaftliche Studie sagt, dass – zum Beispiel – das Bildungswesen derartige Schwachstellen aufweise, dass sogar das Funktionieren der Demokratie gefährdet sei. Die Studie wäre zu Recht ein grosses Medienthema: Leitartikel, Hintergrund, Reflexe, Club, Arena. In der Realität geht es um die Medien selbst. Die Studie „Jahrbuch 2010 Qualität der Medien” von Kurt Imhof und seinem Team spricht von einer Medienkrise. Die Aussage: Die Qualität der Medien hängt ab von der Qualität der Medien. Und diese ist in der Schweiz Besorgnis erregend.
Die Reaktion der Medien selbst ist bescheiden ausgefallen: Kaum vertiefende Reflexionen mit der Studie, zum Teil schroffe Ablehnung. „Die Studie ist falsch, die Resultate stimmen nicht” sagt der Präsident des Verlegerverbandes Hanspeter Lebrument. Hansi Vogt, Chefredaktor von „20Minuten” spricht im Zusammenhang mit der Studie von „Nonsens”, Peter Rothenbühler (Co-Editor „Le Matin”) von „Stuss”. Die Journalisten würden „reflexartig aus der Hüfte feuern” kommentiert Kurt W. Zimmermann in der „Weltwoche”. Ignorieren ausgerechnet die Medienakteure selbst die Aussagen der Studie?

Kritik erwartet. Überraschen diese Reaktionen den Hauptautor der Studie, Kurt Imhof? Dieser winkt ab: „Die Reaktionen von Seiten der Medien, die im Vergleich der Qualitätsindikatoren Vielfalt, Relevanz, Aktualität und Professionalität eindeutig schlechter abschneiden, war erwartbar. Gespannt waren wir auf die Reaktionen derjenigen Häuser, die Medien mit Qualitätsanspruch zusammen mit solchen ohne derartige Aspiration betreiben. Das schafft eine schwierige Situation für die Journalisten, obwohl klar ist, dass es dem noch existierenden Journalismus mit Qualitätsanspruch obliegt, die Erosion der Medienqualität journalistisch zu bearbeiten.”
Diese Schwierigkeiten spiegelten sich exemplarisch in den Reaktionen aus dem Hause Tamedia. Zum Beispiel in einem Kommentar von TA-Chefredaktor Res Strehle, der die Erosion der Qualität bestätigte, gleichzeitig jedoch die These vertrat, dass man sich deswegen keine Sorgen machen müsse. Dies stand der Berichterstattung in „Bund” und „Tages-Anzeiger” gegenüber, die eher auf den Mann spielte und vom Newsnetz übernommen wurde – ergänzt um ein Interview mit einem Medienexperten, der freimütig bekannte, dass er vom Jahrbuch keine Ahnung hat. Imhof: „Hier muss man sich dann schon sehr tief bücken, um die Schamgrenze des Journalismus noch zu erkennen.”

Qualitätsdiskussion lebt auf. Trotzdem zieht Imhof eine positive Gesamtbilanz: „Die Reaktionen waren in allen drei Sprachräumen interessant. Die Unterschiede der journalistischen Qualität und deren Erosion sowie die mangelnden Ressourcen wurden von keiner Seite ernsthaft bestritten. Und wir haben endlich wieder eine Diskussion über journalistische Qualität in den Medien – das ist ein soziales Wunder.”
Die eher betupften Reaktionen aus der Medienszene kann man insofern verstehen, als die Stärken der Schweizer Medien in der Studie kaum erkennbar sind. Res Strehle („Tages-Anzeiger”) weist auf eine hohe Vielfalt von Medien aller Art hin und „auf zwei drei hochwertige sprachnationale Qualitätstitel und Onlineportale”. Radio DRS erhält auch in der Studie sehr gute Wertungen. Auch Kurt Imhof sagt, in einem internationalen Vergleich würden wohl manche Vorzüge des schweizerischen Mediensystems erkennbar werden.
Medien- und Bürgerproblem. Alles in Ordnung also? Beschreibt die Imhof-Analyse vielleicht eher ein Bürgerproblem denn eine Medienkrise? Warum wandert zunehmend Publikum von Qualitätsmedien zu Medien mit weniger hohen Ansprüchen ab? Ist das eigentliche Problem ein kulturelles, weil sich immer weniger Bürger intensiv mit den Hintergründen der gesellschaftlichen Entwicklung auseinandersetzen mögen? Auch Imhof sieht ein Medien- und ein Bürgerproblem. „Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage ist dialektisch. Am stärksten gilt dies für Grund- und Vertrauensgüter. Die Medien stellen beides dar. Gerade deshalb muss die Qualitätsdebatte in die Öffentlichkeit”, fordert Imhof. Durch mediale Vermittlung – Stichwort Diskursfunktion.
Ob die Aussagen der Studie (siehe Box) nun absolut oder relativiert zu lesen sind, unabhängig davon, für welche Medien sie nun ganz oder teilweise zutreffen: sie stellen für die Qualität und den Journalismus zentrale Fragen. Das Jahrbuch solle den Medien helfen, sich zu positionieren – oberhalb oder unterhalb der Qualitätskriterien, sagt Imhof (in der „Zürichsee-Zeitung”). Das Jahrbuch soll jährlich erscheinen und hat den Anspruch das Qualitätsbewusstsein zu stärken.
Mit welcher Nachhaltigkeit für die Medienakteure? Imhof: „Das Jahrbuch kann nur ein Katalysator einer möglichst auf Dauer gestellten Qualitätsdebatte sein. Wesentlich wichtiger noch als das Jahrbuch wird die Entwicklung auf der Einnahmeseite des Qualitätsjournalismus die Diskussion vorantreiben. Wir werden uns im kleinen Medienmarkt Schweiz grundsätzlich überlegen müssen, wie wir die Qualitätserosion aufhalten können und wie wir die Konvergenz des Informationsjournalismus auf Online (Print, Radio, TV) auf qualitativ gutem Niveau hinkriegen.” Sich dabei auf die Medienakteure zu verlassen, reiche keinesfalls. „Die Selbstheilungskräfte innerhalb des Mediensystems sind zu klein geworden, die Journalisten in vielen Häusern sind double binded, viele hängen verblüffend naiv der mittlerweile 20jährigen Fama von wundersamen Potenzialen des Onlinejournalismus an ohne sich hierzu medienpolitische und ökonomische Überlegungen zu machen.”
Der Verlegerverband, so Imhof, spiele in der Qualitätsdebatte eine verschwindende Rolle und die Interessenverbände der Arbeitnehmer würden ihre Anliegen noch viel zu wenig mit der Qualitätsfrage verbinden, obwohl der Verlust des Berufsprestiges und die „Entprofessionalisierung des Journalismus” direkt mit der Qualitätsfrage verbunden seien: „Wichtig werden die Medienpolitik und zivilgesellschaftliche Akteure, die die unabdingbaren Grundfunktionen des professionellen Journalismus in der Demokratie erkennen.”
Typisch Kurt Imhof – er bleibt in der Offensive: gegenüber Journalisten, Verlegern, Berufsverbänden. Damit ist für Diskussionsstoff gesorgt. Recht so. Die Debatte muss weitergehen.

„Jahrbuch 2010 Qualität der Medien” von Kurt Imhof und Team, Schwabe Verlag 2010, Herausgeber: Stiftung Öffentlichkeit und Gesellschaft. www.qualitaet-der-medien.ch

QUALITÄTSDEBATTE
Was stimmt an der Imhof-Kritik an der Medienarena Schweiz? Und wer kontert die Kritik? EDITO setzt die Debatte fort. Auf www.edito-online und in den folgenden Nummern.

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