Die „Braunschweiger Zeitung” bezieht auf kreative Weise Bürger ins Zeitungsmachen mit ein. Zwar braucht eine solche „Bürgerzeitung” Zeit – der Aufwand aber lohnt sich. Von Eva Pfirter
Am 9. November jährt sich zum zwanzigsten Mal die Maueröffnung in Deutschland. Wie packt man als Regionalredaktion ein solches Thema an? Man kann einen lokalen Historiker befragen, tabellarisch die Ereignisse nachzeichnen oder Zeitzeugen sprechen lassen. Die „Braunschweiger Zeitung” hat das Thema ganz anders angepackt. In vierzehn Etappen haben ihre Redakteure gemeinsam mit Lesern einen Teil der ehemaligen Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland abgeschritten; den Teil, der sich im Braunschweiger Land befindet, vom südlichen Teil der Lüneburger Heide bis in den Harz. Unterwegs erzählten die Leserinnen und Leser, wie sie vor zwanzig Jahren die Grenze erlebt hatten, trafen einstige DDR-Grenzsoldaten der Nationalen Volksarmee und Zeitzeugen. Seit Anfang Oktober erscheint nun täglich in der „Braunschweiger Zeitung” eine Reportage aus dem Gang durch die deutsch-deutsche Geschichte. Seit fünf Jahren beschäftigt sich die Redaktion der „Braunschweiger Zeitung” mit „Bürgerjournalismus”. Chefredakteur Paul-Josef Raue steht dem Begriff jedoch äusserst kritisch gegenüber und möchte sich klar davon abgrenzen: „Wer von Bürgerjournalismus spricht, hat meist nur den wirtschaftlichen Aspekt im Visier.” Wenn man Blogs ohne Wertung in die Zeitung kopiere, verkomme diese zu einer „Verlängerung des Internets”, ist der Chefredakteur der „Braunschweiger Zeitung” überzeugt. Bürgerjournalismus bedeute, dass Beiträge von Bürgerinnen und Bürgern direkt in die Zeitung gelangten.
Redaktion bleibt wichtig. Raue ist jedoch überzeugt: „Der Journalist ist wichtig.” Die „Braunschweiger Zeitung” werde nicht von Bürgern gemacht, sondern von den Journalisten – zusammen mit den Bürgern. Die grosse Regionalzeitung gebe den Bürgern mit ihren Diskussionen Raum, doch ungefiltert gelange nichts in die Zeitung. „Die Entscheidung darüber, was publiziert wird, liegt immer beim Redakteur”, sagt Raue. Die Grenzwanderung an sieben Wochenenden dieses Sommers war die erste grosse Recherche, an der Leser beteiligt waren. Auch wenn insgesamt viele neue Formate entwickelt wurden, um die Bürger einzubeziehen, würden diese insgesamt wenig Raum einnehmen, sagt Raue. „In 90 Prozent unserer Zeitung spürt man, dass wir darüber nachdenken, ob der Leser zufrieden ist. Aber nur in ein bis fünf Prozent ist dies wirklich sichtbar.” Regelmässige Gefässe sind beispielsweise die tägliche „Leserseite” und die Rubrik Leser fragen” am Dienstag, wenn Leser Prominenten Fragen stellen können. Gerade wenn Politiker befragt werden, zeige sich der Vorteil dieser Art von Journalismus: Gegenüber dem Wähler aus dem Dorf können sich Politiker kaum um eine Antwort drücken und stellten sich auch Fragen, die sie in einem Interview mit Medienschaffenden kaum beantworten würden. Den grössten Nutzen ziehe die Redaktion aus der so genannten Leserkonferenz. Dazu wählen die sieben Lokalredaktionen der „Braunschweiger Zeitung” Leser aus, mit denen sie sich vierteljährlich treffen und über möglich Themen für die Zeitung diskutieren. Diese Leser werden bewusst aus Milieus ausgesucht, bei welchen die Zeitung wenig verbreitet ist, also keine Fans, die schon täglich die Zeitung lesen. Dadurch kenne die Redaktion weitere Bedürfnisse von Lesern und brauche auch keine Marktforschung mehr, wie Raue sagt.
Treuhänder der Bürger sein. Hinter der „Bürgerzeitung” steckt die Überzeugung, dass Redakteure zu Treuhändern der Leser und Bürger bestimmt sind. Die „Braunschweiger Zeitung” wolle die Selbstgespräche der Gesellschaft moderieren, erklärt Redaktionsleiter Raue. Natürlich ist das nicht nur einfach: „Eine Schwierigkeit besteht darin, dass die Leserintegration institutionalisiert wird und so die Diskussion selbst verändert.” Auch die Tatsache, dass die Redakteure in den neuen Gefässen kaum mehr vorkommen, sei für viele Mitarbeitende gewohnheitsbedürftig. „Es braucht eine gewisse Demut”, ist Raue überzeugt. Die Bürgerzeitung braucht einen langen Atem. Besonders ein Projekt wie die Grenzwanderung, an der an jedem Wochenende ein Redakteur und der Redaktionsleiter unterwegs waren, brauchte viel Zeit. Aber auch die täglichen Mails der Lesenden müssen beantwortet werden. „Der Leser wird wichtig”, sagt Raue. Doch weil die Leser wüssten, dass die Redakteure ihnen Platz geben, begegneten sie diesen ihrerseits mit einer anderen Haltung, mit Wärme, wie Raue sagt. Das spürten die Redakteure. Bürgerjournalismus, wie es die „Braunschweiger Zeitung” versteht, ist auf jeden Fall aufwändig. Doch das scheint sich auch aus ökonomischer Perspektive auszuzahlen: Der stellvertretende Chefredaktor Stefan Kläsener sagt, Bürgerjournalismus bringe eine enge Leser-Blatt-Bindung, welche die Auflage der „Braunschweiger Zeitung” vergleichsweise stabil gehalten habe. Eine Zeitung, für die der Bürger mit seinen Anliegen so wichtig ist, gerät unweigerlich in Konkurrenz zur Politik. „Wir haben uns den Leser zum Freund und die Funktionäre zum Feind gemacht”, sagt dazu Chefredakteur Raue. Da es in Deutschland den Parteien immer weniger gelinge, die Menschen zu mobilisieren, nehme eine Bürgerzeitung den Politikern ein Stück Legitimation weg. Die Folge sind heftige Konflikte mit Vertretern der Politik. Es gab sogar einen Bundestagsabgeordneten, der dagegen war, dass die „Braunschweiger Zeitung” den Lokaljournalistenpreis erhält.
Wissen der Leser nutzen. Auch der Balanceakt zwischen Themen, welche die Bürger einbringen und solchen, die zwar wichtig sind, aber von den Lesern nicht als interessant eingestuft werden, muss geschafft werden. Es stehe aber nicht zur Diskussion, solche Stoffe einfach wegzulassen. Redaktionsleiter Raue sagt: „Es ist unser Job, schwierige Themen spannend zu präsentieren.” Es seien schliesslich die Journalisten, die sich quälen müssten, nicht die Leser. Die Themensetzung überlasse die Redaktion – auch auf der Leserseite – nie den Bürgern: „Die professionelle journalistische Arbeit steht an erster Stelle. Wir nutzen lediglich das Wissen der Leser.”
Eva Pfirter ist freie Journalistin in Bern.
LOKALER JOURNALISMUS: GEMEINSAME PLATTFORM FÜR DEN DEUTSCHSPRACHIGEN RAUM? In Deutschland funktioniert die „Drehscheibe” für Lokaljournalismus seit 25 Jahren als Ideenlieferant, Reflexionskatalysator und Bildungsinitiative. Sie soll sich bald auch in der Schweiz drehen. Anfang September haben nun 17 Chefredaktoren und Bildungsverantwortliche aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgelotet, inwieweit im Bereich Lokaljournalismus ein Bedürfnis für Austausch und Vernetzung besteht und konkrete Ideen entwickelt. Im anschliessenden Podium zeigte sich die grosse Mehrheit der Anwesenden an einem institutionalisierten Austausch interessiert. Aus folgenden Ideen werden die besten ausgewählt und von Berthold L. Flöper, Leiter des Lokaljournalistenprogramms der Bundeszentrale für politische Bildung, MAZ-Direktorin Sylvia Egli von Matt, Jörg Meier, Autor und Ausbildner bei der „Aargauer Zeitung” und Barbara Stöckli, Studienleiterin für Lokaljournalismus am MAZ, auf ihre konkreten Umsetzungsmöglichkeiten hin geprüft:
> Ausweitung der Drehscheibe auf die Schweiz und Österreich, um eine gemeinsame Plattform zu schaffen > „Chefrunden” in drei Ländern > Austausch von Redaktoren/Lokalchefs > Öffnung der nationalen Journalistenschulen für andere Länder > Vierwöchige Praktika für Volontäre im Ausland > Journalismus und Verlagsmanagment stärker vernetzen > Fachtagung Lokaljournalismus
Nächste Schritte. Im November treffen sich interessierte Chefredaktoren und Verleger zu einer weiteren Gesprächsrunde. Das MAZ hat den Lokaljournalismus-Kurs neu konzipiert und startet damit im Frühjahr 2010. Am Forum Lokaljournalismus in Dortmund wird im Januar 2010 eine Schweizer Delegation teilnehmen. Und eine Arbeitsgruppe befasst sich mit einer Schweizer Tagung zum Thema Lokaljournalismus im Jahr 2010. (pfi)
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