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Peter Balzli zu Skandalen, Risiken und Kontrollen

Grossbritannien könnte für einen Fernsehkorrespondenten eigentlich ein Paradies sein. Das Land ist ein wahres Themenfüllhorn. Wo sonst gibt es so viele skurrile Personen und Anlässe wie hier. So gibt es etwa jedes Jahr die Meisterschaften im Käse-Rollen (cheese rolling), im Zehen-Ringen (toe wrestling), im Ehefrau-Schleppen (wife carrying), im Sumpf-Fussball (swamp soccer), im Brennessel-Essen (nettle eating), Erbsen-Werfen (pea throwing) oder im Schienbein-Treten (shin kicking), um nur einige zu nennen. Und all diese Anlässe sind ausgesprochen fernsehtauglich.
Und wo sonst sorgen die Politiker so zuverlässig für publikumswirksame Skandale wie im Vereinigten Königreich. Die Skandale erschüttern zwar jeweils das Land, doch im Grunde beweisen sie auch jedesmal, dass die öffentliche Kontrolle (checks and balances) funktioniert wie kaum anderswo auf der Welt. Jüngstes Beispiel: Der Spesenskandal.
Staunend erfuhren die britischen Steuerzahler (dank einer Indiskretion), dass viele ihrer Parlamentarier neben ihrem Gehalt astronomisch hohe Spesen abkassieren. Viele von ihnen verschafften sich so Zusatzeinkünfte von über 700 000 Franken pro Jahr. Windeln, WC-Bürsten und Badewannenstöpsel, aber auch Hypothekarzinsen (selbst von fiktiven Hypotheken) ihres Zweitwohnsitzes rechneten die Parlamentarier jahrelang klammheimlich über die Spesen ab. Unter Parlamentariern ist es durchaus üblich, sein Haus jeweils üppig auf Staatskosten zu sanieren, bevor es mit Gewinn verkauft wird. Ein besonders reicher Parlamentarier liess die Reinigung des Burggrabens seines Schlosses durch die Steuerzahler berappen, ein anderer die Anschaffung einer schwimmenden Insel für seine Enten.

Unerwartete Hindernisse. Wo so tolle Skandale auffliegen, muss das gelobte Land für Journalisten sein, könnte man denken. Doch London ist für Fernsehkorrespondenten oft auch ein äusserst mühsames Pflaster. Während der Dreharbeiten stossen wir immer wieder auf unerwartete Hindernisse.
Die hoch gelobte britische Pressefreiheit existiert für TV-Journalisten oft nur noch auf dem Papier. Im Zentrum von London gibt es kaum eine Strasse oder Ecke, in der man bei Dreharbeiten nicht von der Polizei oder von privaten Sicherheitsleuten am Filmen gehindert wird: Entweder im Namen der Terrorismusbekämpfung oder weil man sich auf einem Privatgrundstück befindet. Die Ironie daran: London gilt als jene Stadt der Welt mit den meisten Überwachungskameras. Ein Londoner Bürger wird jeden Tag durchschnittlich 300 Mal gefilmt.
Und die Medienfreiheit wird laufend weiter beschnitten: Wer einen Polizeiangehörigen filmt oder fotografiert, dem droht seit Februar dieses Jahres eine Gefängnisstrafe von bis zu zehn Jahren. So sieht es das neue Anti-Terror-Gesetz vor. Zwar nur dann, wenn die Veröffentlichung der Aufnahmen „wahrscheinlich/voraussichtlich für eine Person hilfreich sind bei der Vorbereitung oder der Ausführung eines Terroraktes” („likely to be useful to a person committing or preparing an act of terrorism”). Doch diese bewusst schwammige Formulierung erlaubt es Polizisten ganz nach Lust und Laune jeden unliebsamen Kameramann und Fotografen bei der Arbeit festzunehmen.
Für Schweizer Beobachter völlig übertrieben wirkt auch der exzessive Persönlichkeitsschutz, wie er in den britischen Medien mittlerweile gehandhabt wird. Schulklassen etwa dürfen – auch auf dem Pausenplatz – nur gefilmt werden, wenn zuvor von sämtlichen Eltern der betreffenden Schülerinnen und Schüler eine schriftliche Erlaubnis eingeholt wurde. Das macht Aufnahmen einer Schulklasse faktisch unmöglich. Die Folge: Auch die BBC sendet immer wieder gespenstische Beiträge über Schulen, in denen kein einziges Schülergesicht zu sehen ist. Meist zeigt sie nur kurze Sequenzen mit von hinten gefilmten Schülern oder am Schnittplatz unkenntlich gemachten Gesichtern. Eine Machart, die man bei uns vor allem aus Gefängnisreportagen oder von Berichten aus dem Drogen- oder Rotlicht-Millieu kennt.

Allgegenwärtige Formalitäten. Erschwerend für die journalistische Arbeit ist auch die britische Obsession für „health and safety”, Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz. Als wir die Blumen-Ausstellung in Chelsea filmen wollen, bekomme ich einen ganzen Stapel von Formularen und Reglementen zugeschickt. Neben meinen Personalien wollen die Verantwortlichen der Blumenschau auf Formular 4 auch Fragen beantwortet haben wie: „Welche Risiken können während der Dreharbeiten auftreten? Was tun sie, um diese Risiken zu vermeiden oder zu reduzieren?” Mir fällt beim besten Willen keine Gefahr ein, die uns beim Filmen von Blumen droht. Das Ausfüllen der Anmelde-Formulare und das Lesen aller Merkblätter dauert über eine Stunde. Als die Redaktion in Zürich den Beitrag wieder annulliert, beisse ich vor Ärger fast in den Tisch.

Unfähige Organisatoren. Zu den juristischen Erschwernissen kommt, dass die Briten geradezu sprichwörtlich unbegabt sind, wenn es darum geht, einen Anlass zu organisieren. Ist die Organisation besonders schlecht, pflegen britische Kollegen zu sagen: „They couldn’t organize a piss-up in a brewery” (zu Deutsch: „Die könnten nicht mal in einer Brauerei ein Besäufnis organisieren”). Einmal mehr hörte ich diesen Satz am Treffen der OECD-Finanzminister in Horsham. Wie bei solchen Anlässen üblich, mussten alle Medienschaffenden beim Eintritt einen Metall- und Sprengstoff-Detektor passieren. Die Organisatoren platzierten diesen aber so ungeschickt, dass man auch bei jedem Toilettenbesuch weitere zweimal durch die Personenschleuse gezwungen wurde. Folge: Das Personal an der Sicherheitsschleuse war ständig völlig überlastet, die Blasen und Nerven der meisten Medienschaffenden ebenso.
Anfangs fand ich auch die allgegenwärtige Polizei in London eher beruhigend. Doch kürzlich war ich unterwegs in die Studios von Associated Press, um dort eine Live-Schaltung für die Sendung „10vor10” zu machen. Ich war zeitlich etwas knapp dran. Also nahm ich eine Abkürzung und rannte ein paar Schritte dem Kanal entlang, um meinen Auftritt nicht zu verpassen. Schon nach rund hundert Metern wurde ich von Polizisten in Zivil gestoppt. Für sie war klar: Einer, der wie ich in Camden in der Abenddämmerung ohne Jogging-Kleider dem Kanal entlang rennt, kann nur ein Verbrecher auf der Flucht sein. Minutiös wurden daraufhin meine Taschen durchsucht und meine Identität abgeklärt. Und zwar so sorgfältig, dass ich um ein Haar meine Live-Schaltung nach Zürich verpasst hätte. Ich protestierte lautstark, und wies darauf hin, dass ein Gauner wohl kaum, wie ich, mit Anzug und Seidenkrawatte „zur Arbeit” gehen würde. Doch mein Argument löste bei den Beamten nur Gelächter aus. Sie erklärten mir, die Finanzkrise habe definitiv das Gegenteil bewiesen.

Peter Balzli ist Korrespondent von SF in London und schreibt regelmässig für die Fussballzeitschrift „Zwölf”.

© EDITO 2009


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