Das „Visa pour l’Image” im südfranzösischen Perpignan zählt weltweit zu den bekanntesten Festivals für Fotojournalismus. Doch auch hier dominiert die Frage, wer denn noch grosse Fotoreportagen abdruckt. Von Nicole Aeby
Die Leidenschaft für guten Fotojournalismus treibt mich zum zwanzigsten Mal nach Perpignan. Im Café de la Poste, dem Treffpunkt von Perpignan schlechthin, sitzen Festivalgäste aus aller Welt. Das Thema: Zustand und Zukunft des Fotojournalismus. Die Pressefotografie steht auf unsicherem Grund. Die Prognose für zahlreiche internationale Zeitungen sieht düster aus; falls sie überleben, wird trotzdem weiter am Bildbudget gespart. Dies auch dort, wo bisher noch grosse Reportagen in Auftrag gegeben worden sind.
Alle sparen. Jean-François Leroy, Veranstalter des grössten Fotojournalisten-Festivals der Welt, „Visa pour l’Image” in Perpignan, erklärt: „Die Pressefotografen stehen vor dem Aussterben.” Auch anderen Quellen zufolge sieht der Blick in die Zukunft nicht gerade rosig aus. Düster habe es auch bei der Beschaffung von Bildmaterial für das diesjährige Fotofestival ausgesehen, sagt Leroy: „Wenn Fotografen heutzutage ihrer Arbeit nachgehen, dann verbringen sie gerade noch drei Tage an einem Platz. Also bringen sie rund zehn anständige Fotos mit. Das ist natürlich genug für fünf bis sechs Seiten Bildstrecken im Magazin, aber nicht für eine Ausstellung mit 40 Fotos oder für eine Projektion mit 50 Schüssen.” Leroy hat leider Recht, wie ich als Besucherin bald feststelle. Ich pendle zwischen dem Festivalzentrum und den Ausstellungsorten in leeren Kirchen, Klöstern und Stadtpalästen hin und her. Besonders im Festivalzentrum ist die Wirtschaftskrise augenfällig: Die kleineren Agenturen sind nicht mehr mit einem Stand vertreten. Ostkreuz, Anzenberger, Reuters, Magnum, Grazia Neri – sie alle fehlen. Es gibt zu viele Ausstellungen, um sie alle aufzuzählen. Manchmal beobachte ich mich selber, wie ich durch sie hindurch schlendere und nur noch ein verschwommenes Rauschen wahrnehme. Im „Couvent des Minimes” jedoch tun es mir zwei Präsentationen besonders an, nämlich „War is personal” und „Umstate Girls”. „War is Personal”: Viele Geschichten wurden in den letzten Jahren zum Thema US-Kriegsveteranen aus dem Irak gemacht. Ich lasse mich deshalb zuerst mit eher geringem Interesse auf die Reportage von Eugene Richards ein. Bei der ersten Informationstafel mit einem Zitat bleibe ich dann aber schon hängen. Unaufgeregte Bilder, nicht spektakulär, und doch lassen sie mich nicht mehr los durch die Gruppierung der einzelnen Personen, Schicksale, Quotes und Legenden. Storytelling von höchster Qualität. „Upstate Girls. What became of Collar City”: Ein paar Schritte weiter ist die Arbeit von Brenda Ann Kenneally zu sehen; sie gewann damit einen World Press Photo Award. Die Geschichte dreht sich um eine Stadt in Upstate New York, Troy, ganz in der Nähe, wo auch die Fotografin aufgewachsen ist - und vielleicht noch leben würde, wäre sie nicht mit 16 nach Florida abgehauen. Fünf Jahre sind vergangen seit ihrem ersten Tag in Troy, wo sie sich für das „Time Magazine” aufhält. Die Fotografin begleitet sechs Frauen und beleuchtet ihr Leben in Armut. Hundert Fotos, aber keines war zu viel! Einmal kann ich die Geschichten nicht mehr auseinanderhalten oder bringe alle Namen durcheinander, ein anderes Mal lache ich nur oder starre eindringlich die Fotos an. Eine unglaubliche Kraft kommt aus dieser Arbeit, so wie sie wohl nur eine Frau sehen und visualisieren kann.
Alles ist linear. Nach diesen starken Eindrücken kommt’s zu Diskussionen im Café: Wie jedes Jahr sind die Meinungen zum Festival selbst unter dem langjährigen Fachpublikum sehr geteilt. Die einen finden, es solle gefeiert und gelobt werden: für das konsequente Unterstützen des Fotojournalismus, für das jährliche Treffen der gemeinsamen Interessen. Die anderen sagen, das Format des Festivals sei träge und wenig inspirierend für neue, junge Fotojournalisten. So seien die Geschichten, die fotografische Sprache und die Stile immer gleich – Jahr für Jahr. Kritisiert wird der fehlende Platz für konzeptuelle Arbeiten. Und für viele unverständlich ist, dass der Festivalkurator das Format 6´6 ebenso wenig mag wie die Porträtfotografie. Seit über zwei Jahrzehnten sind die Fotografien überdies gleich ausgestellt: gleiches Format für alle, gleiche graue, langweilige Bilderrahmen – alles linear gehängt. Ist das der Fehler des Kurators, Jean-François Leroy? Oder ist es vielmehr Ausdruck der Tatsache, dass der Fotojournalismus in der Krise steckt? Ich meine, dass nach wie vor viele Fotografen brillante Reportagen realisieren. Leider bekommt man an einem Festival nur eine kleine Auswahl davon zu Gesicht. „San Francisco, 1975. Flashback – The Western Front”: Ein weiteres Highlight ist die Ausstellung von Stanley Greene (Noor) in der kleinen Caserne Gallieni. Greene ist in all den Jahren einer der am häufigsten ausgestellten Fotografen in Perpignan. Wir haben seine Arbeiten über Tschetschenien, Irak, Afghanistan und Darfur gesehen, aber dieses Jahr hat er tief in seinem Archiv gegraben und präsentiert dem Publikum Sex, Drugs and Rock’n’Roll-Bilder aus den Jahren 1975–1985. Erfrischend – ein Lichtblick für eine Musikliebhaberin wie mich. Vielleicht hat gerade diese Serie von Fotografien mir den Haudegen Stanley Greene etwas sympathischer gemacht.
Ein junger Schweizer verblüfft. Gleich geht’s die Strasse runter in die Eglise des Dominicains. Dieser wunderschöne Ort. Ein Ort zum Wandeln. „Road to Nowhere. Democratic Republic of Congo”: Dominic Nahr, der junge Schweizer Fotograf, verblüfft mich. Aufgewachsen irgendwo in der grossen Welt draussen, ist er mir nie als Schweizer aufgefallen. Nun habe ich Gelegenheit, ihn kennenzulernen. Seine Arbeit ist mit vielen Preisen ausgezeichnet worden. Nahr zeigt uns keine Kriegsfotografie, sondern eine Hintergrundreportage zu Kongo mit moderner Bildsprache in sehr kräftigen Farben. Jedes Bild erzählt eine Geschichte. Und in der Serie erfährt man von den Menschen, Zivilisten und Soldaten auf eindrückliche Art und Weise. Dann noch eine Entdeckung bei Getty Images: die „Grants for Editorial Photography”. Da geht es um Arbeiten, die Stipendien erhielten. Augen öffnende visuelle Essays, sehr gute multimediale oder crossmediale Präsentationen. Ein Muss für alle Bildmenschen. Das Festival ist zwar vorbei, die Bilder sind abgehängt. Aber gerade diese Arbeiten vom Nachwuchs beweisen, dass die Pressefotografen nicht am Aussterben sind. Die Arbeiten bleiben in Erinnerung und sind auch nach der Ausstellung sehr eindrücklich im Netz (www.gettyimages.com/grants) anzusehen.
www.visapourlimage.comwww.eugenerichards.com www.brendakenneally.com www.noorimages.com (Green) www.dominicnahr.com
Nicole Aeby ist Studienleiterin für Fotografie am Medienausbildungszentrum MAZ in Luzern. Bis 2004 war sie Geschäftsführerin der Zürcher Fotografenagentur Lookat Photos.
„FESTIVAL VISA POUR L’IMAGE”: SEIT JAHREN EINE FESTE GRÖSSE Seit 21 Jahren zählt das „Visa pour l’Image” zu den grössten Fotofestivals der Welt. Erstklassige Fotografen zeigen mit ihren Arbeiten Geschichten aus aller Welt. Das Festival ist heute eine feste Grösse in der Präsentation von Fotojournalismus. Es bietet mehr als 30 Ausstellungen sowie allabendliche Bilderschauen, Vorträge und Seminare. Neben den zahlreichen Ausstellungen an zum Teil ungewöhnlichen Orten ist Perpignan auch eine Messe für Bilderagenturen, ein Treff-punkt für Fotojournalisten und nicht zuletzt auch
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