Schweizer Journalistenbüros im Ausland. Eine EDITO-Umfrage bei tages-aktuellen Medien
Eine eigenständige Ausland¬berichterstattung macht den internationalen Charakter einer Zeitung, einer Radio- oder TV-Station aus. Entscheidend dabei ist das Netz der Korrespondentinnen und Korrespondenten in der weiten Welt. Darin sind sich alle Redaktionen einig, welche EDITO geantwortet haben. „Unverzichtbar” seien die Korrespondenten vor Ort für die Qualität der Auslandberichterstattung, sagt Patrick Nigg, Auslandredaktor bei der „Südostschweiz”. „Sie garantieren uns hohe Qualität und Glaubwürdigkeit”, lobt Diego Yanez vom Schweizer Fernsehen. Und Luciano Ferrari vom „Tages-Anzeiger” erklärt: „Korrespondenten sind sehr wichtig, weil sie die Geschehnisse richtig einordnen können und den ‚Blick von innen’ kennen. Sie bieten mit exklusiven Inhalten echten ‚Mehrwert’.” Die Korrespondenten von Schweizer Medien berichten aus anderer Optik als die internationalen Agenturen.
„Weltverständnis schaffen”. Doch wo gibt es überhaupt noch Korrespondentenbüros? EDITO hat nachgefragt. Wie die Antworten von acht grossen Redaktionen zeigen, können die Auslandredaktionen diesen Anspruch nur sehr unterschiedlich einlösen. Nur wenige Medien in der Schweiz haben überhaupt ein eigenes Korrespondentennetz. Und die Dichte dieser Netze ist sehr unterschiedlich. Mit vertieften und umfassenden Auslandthemen erreicht man nicht immer ein grosses Publikum, verursacht aber relativ hohe Kosten. Ein „möglichst dichtes Netz” leistet sich nach wie vor Radio DRS. Gerade das gebührenfinanzierte Radio müsse „auch aus Gebieten berichten, welche weniger grosse Schlagzeilen machen”, erklärt Robert Stähli. Angesichts des Abbaus bei den Zeitungen komme SR DRS sogar „eine noch grössere Rolle zu” im Bemühen, „Weltverständnis zu liefern”. Stähli weist darauf hin, dass die Kontinuität bei den Korrespondentenstellen wichtig sei, da nur so Kompetenz und Beobachterfunktion vor Ort gewährleistet seien. „Weltverständnis” zu schaffen, das Geschehen in der Welt verständlich zu machen – das müsste Anspruch aller Tagesmedien sein, die ihrem Publikum einen vollen Service bieten wollen. Angesichts der Globalisierung ist das auch ein Beitrag an das Funktionieren der innenpolitischen Demokratie. Zunehmend mehr Themen können nicht verlässlich beurteilt werden, ohne die Situation in entfernten Gebieten zu verstehen. Beispiele gibt es Tag für Tag: die Libyenkrise, die Bankenkrise, der Entscheid über einen Armeeeinsatz vor Somalia, die Ursachen der Migration, die Entwicklung von Klima oder Welternährung, die atomare Gefahr.
Druck spürbar. Die Budgetkürzungen in den Medienhäusern zeigen ihre Auswirkungen auch bei den Auslandthemen. Sogar aus der NZZ mit ihrem grossen Korrespondentennetz hört man: „Der Druck ist spürbar.” Die Stellenprozente in den Auslandredaktionen werden reduziert, die Seitenbudgets heruntergefahren, die Spesenbudgets (Reisen) verkleinert. Die Ressortleitung einer grossen Regionalzeitung beschreibt die Tendenz ungeschminkt: „In den letzten fünf Jahren wurde das Auslandbudget um fast die Hälfte gekürzt.” Die Folge: Abdrucken von Agenturmeldungen statt Eigenleistungen von Korrespondenten. Zu einigen Weltregionen bleiben die Hintergrundberichte aus. Von der Produktion kommt angesichts des Kostendrucks schon vermehrt die Frage, ob denn dieses Auslandthema wirklich wichtig sei. Zudem sinkt die Qualität, wenn der gleiche Redaktor heute Afghanistan und morgen Südamerika bearbeiten muss. Feste Korrespondentenstellen werden zu Vereinbarungen ohne Fixum umgewandelt, und auch für die Freien ist weniger Budget vorhanden. Und zunehmend werden die Korrespondenten mit anderen Zeitungen geteilt. Die Ressortleiter versuchen mit viel Engagement, die Qualität hoch und das Korrespondentennetz aufrecht zu erhalten. Besonders prekär ist die Situation für die Korrespondenten ohne Fixum. Es wird immer härter, Themen unterzubringen, die Nachfrage sinkt. Manch einer bangt, ob seine Existenz so gesichert sei. Das drückt auf die berufliche Motivation. Betrachtet man die Karte mit den Standorten der Korrespondenten, dann ist das Angebot – vor allem in Europa – zwar noch ganz bemerkenswert. Sicher aber scheint: Ein breites Korrespondentennetz werden bald nur noch wenige Medienhäuser anbieten. Auch wenn das Interesse an aussenpolitischen Themen nicht kleiner wird. Philipp Cueni
Auf die EDITO-Umfrage nicht geantwortet haben „Blick”, „Neue Luzerner Zeitung”, „St. Galler Tagblatt”.
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