Minarett-Debatte. In der einen Stadt dürfen sie hängen, in der anderen nicht. In der einen Zeitung werden sie erscheinen, in der anderen nicht. Das Hin und Her um die Plakate zum Minarett-Verbot hat Kafkaeskes.
Landauf, landab berichten die Medien über die Debatte. Sie kritisieren das Plakat, kommentieren den Eiertanz der Behörden. Erstaunlich sanftmütig aber blicken sie auf das Durcheinander, das ihre eigene Branche anrichtet.
Ringier will allfällige Inserate mit dem umstrittenen Sujet generell ablehnen. Die Tamedia delegiert den Entscheid an ihre Verlagsleiter. Die NZZ will eine Veröffentlichung von der Chefredaktion prüfen lassen. Und noch bevor überhaupt eine Insertionsanfrage eingegangen ist, haben die Zeitungen das umstrittene Sujet gratis und franko auf ihren redaktionellen Seiten publiziert. Mal ganz klein, mal ganz gross. Die Minarett-Gegner können den Champagner entkorken. Zusammen mit der Berichterstattung in den elektronischen Medien summiert sich die redaktionell veranstaltete Gratisreklame zu einem Werbewert, der die Millionengrenze weit übersteigt.
Bauchentscheide. Die aktuelle Debatte zeigt zweierlei. Erstens: Bei juristischen Grenzfällen bringen Publikationsverbote rein gar nichts – im Gegenteil, sie verschaffen den Provokateuren die gesuchte Aufmerksamkeit. Zweitens: Die Redaktionen und Verlage werden stets aufs Neue überrumpelt, tappen stets in die gleiche Falle politischer Provokation. In den wenigsten Häusern existieren Richtlinien, wie in einem solchen Fall zu verfahren ist, wer welchen Entscheid zu fällen hat. Es dominiert ein gut schweizerisches Hüst und Hott. Mal entscheidet der Anzeigenleiter, mal der Verlagsleiter, mal der Verleger. Wenns hoch kommt, darf auch noch der Chefredaktor über die Annahme einer Anzeige befinden. Er fällt dann einen Bauchentscheid, der hochtrabend als publizistische Linie kommuniziert wird. Warum hat sich die Branche nicht längst auf einen Expertenrat verständigt, der in solchen Fällen eine wohl begründete Empfehlung abgibt? Das würde zwar nicht alle Probleme lösen. Aber es könnte die grössten Peinlichkeiten nehmen. Und wäre von Fall zu Fall erst noch richtig Geld wert.
Ivo Bachmann www.bachmannmedien.ch
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