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Die „Neue Zürcher Zeitung” und der „Tages-Anzeiger” haben sich neu eingekleidet. Der „alten Tante” passt das Kleid wie angegossen. Der „Tagi” sollte zum Stilberater. Ein Vergleich ohne Gnade.
Von Max Trossmann

DIE BLATTARCHITEKTUR
NZZ:
Die „Neue Zürcher Zeitung” rühmt sich dreier Kernkompetenzen: Politik, Wirtschaft, Kultur, pardon, Feuilleton. Entsprechend hat die neu gebüschelte Zeitung drei statt bisher sechs Bünde, pardon, Lagen. Das hat zwar eher wirtschaftliche und drucktechnische als publizistische Gründe, weil infolge fehlender Inserate manche Lagen öfters nur noch mickrige vier Seiten aufwiesen. Trotzdem: Die neue Bündelung ist klug. Auch wenn die bis 40 Seiten dicken Bünde manchmal schon wieder unhandlich schwer in der Hand liegen.
Aber es hat auch Nachteile: Wer die Schweiz sucht, muss im ersten Bund blättern. Und wer in dieser Zürcher Zeitung den Zürcher Teil sucht, muss noch viel länger im ersten Bund blättern. Zudem stehen den Inserenten gar keine Rückaufschlagseiten mehr zu; alle drei sind fix belegt mit Vermischtem, Sport und den wechselnden Beilagethemen. Allenfalls dürfen sie noch einen kleinen Textanschluss buchen.
Die „Navigation” (O-Ton NZZ) im Dreibund-Menü erleichtern die Anrisse auf der Front und im Kopf der Auftaktseiten zu Bünden und Ressorts. Bisher sind die aber suboptimal getextet. Der Sport erschliesst sich wie bisher von hinten, neu auf dem Rücken der Wirtschaft.

TA: Der „Tages-Anzeiger” hat ebenfalls reduziert: von sechs auf vier Bünde. Der Sport hat keinen eigenen Auftakt mehr, ist ans Ende der Zeitung verbannt. Das ist für eine populäre Zeitung wie den „Tagi” nicht unproblematisch. Die NZZ kann sich das leisten, aber der „Tagi”? Die „Berner Zeitung”, seit Langem eine Vierbund-Zeitung, hat damit experimentiert und den Sport ans Ende des Wirtschaftsbundes gesetzt. Reumütig hat sie die Abfolge wieder umgekehrt.
Als Zweite sind die Regionalsplits von der Reduktion betroffen. Mit Aplomb vor wenigen Jahren als eigenständige Bünde gestartet, sehen sie sich jetzt zu banalen Wechselseiten in der Mitte des zweiten, des Lokalbunds beziehungsweise im Sport zurückgestuft. Das ist entgegen allen Verlautbarungen der Chefredaktion eine Abklassierung: Zwar können die vier Regionalredaktionen nun abends später abschliessen, gewinnen also Aktualität. Aber insgesamt haben die Vor-der-Haustür-Berichte doch weniger Prominenz, weniger Platz, weniger Personal.

DIE TYPOGRAFIE
NZZ:
Die Seiten wirken leichter, obwohl das Blatt die beiden Schriften Bodoni für Titel und Times für den Lauftext beibehalten hat. Warum? Zum einen wurde der Zeilenabstand der Grundschrift leicht vergrössert. Das erhöht die Lesbarkeit und macht luftiger. Zum andern ist im Titelbereich mehr Weissraum gekonnt verteilt worden. Dazu weisen nun die Titelgrössen eine deutliche Hierarchie auf. Zusammen mit dem endlich durchgehend eingeführten Blockumbruch ergibt sich ein zwar konservatives, aber ästhetisches Bild.
Die Journalisten können geschätzte zehn Prozent weniger schreiben; kein Schaden. Auch die weiterhin kursiven Untertitel hat man zum Glück bei einer Zeile belassen: Das diszipliniert zu präziser Aussage.
Mit Farbe geht die neue NZZ zurückhaltend um: Sparsam setzt sie da und dort ein Graubeige für Meinungselemente und ein Blaugrau für Online-Hinweise ein; beide Farben wirken elegant. Dazu kommt gelegentlich ein Züri-Blau für kleinere Titel oder Kopfanrisse.
Uneinheitlich verfährt die NZZ mit den Leads. Manchmal haben ziemlich lange Artikel einen Vorspann, dann wieder nicht. Undurchsichtig auch die Regel bei Autorenzeilen: Da steht auf der Seite ein langer Bericht mit Kürzel in der ersten Zeile, ein viel kürzerer aber mit vollem Namen in einer Autorenzeile. Höchstens die Hälfte aller Berichte sind nun mit Namen markiert.

TA: Die Seiten wirken schwerer, obwohl das Blatt angeblich auf zwei Schriftfamilien reduziert hat. Unbegreiflich, wie man damit so ein unruhiges, unausgegorenes Kuddelmuddel anrichten kann. Die Schwere, ja manchmal Düsternis der Seiten rührt daher, dass die neue Grundschrift weniger fein geschnitten ist: Sie zeichnet dadurch zwar besser, aber die oft textlastigen Seiten triefen vor Druckerschwärze. Kommt dazu, dass diese mastige Schrift zu wenig Zeilenabstand hat. Dabei täte eine leichte Straffung mancher Story gut. Und dem Leser sowieso.
Vieles an diesem Layout ist ärgerlich, unbedacht oder handgestrickt:
> Die Titel bei grossen Zweitstoffen sind zu klein; laufen sie über vier Spalten oder die ganze Seitenbreite, erst recht.
> Untertitel über die ganze Breite sind schlecht lesbar. Vor allem, wenn sie den Lead ersetzen und zwei Zeilen umfassen.
> Die Titelregion hat zwar mehr Weissraum. Aber er ist zwischen Titelei und Text falsch platziert. Funktioniert nur oben an der Seite. Sollte der „Guardian” das Vorbild sein, sollte man sich den nochmal genauer ansehen.
> Viele Titel flottieren frei im Weissraum. Gibt’s eine Oberzeile, ist der Haupttitel plötzlich optisch schön eingemittet. Wenn nicht, klebt er an der Trennlinie zum oberen Text und steht diesem nahe anstatt dem Text, zu dem er gehört. Bei Kurzmeldungen wiederum oder bei Rubriktiteln rückt er runter zum Textblock.
> Die Bildlegenden sind, obwohl fett, zu klein. Besonders bei grossen Fotos.
> Die Kommentare zeichnen optisch nicht. Die Differenzierung über graue Titel und Flattersatz genügt nicht, speziell, wenn der Kommentar kontextuell beim Artikel steht.
> Der Abstand zwischen den Wörtern in Titeln, Leads und Quotes ist zu eng definiert. Kneift man die Augen ein wenig zu, hat man ein durchgehendes Grauband vor sich – schlecht erfassbar.
„Unsere Leser sind nicht dumm!” hat NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann im letzten EDITO zum geplanten Relaunch gesagt. Das gilt auch für die Leser des „Tages-Anzeiger”. So blieben denn einige dieser Mängel auch fachkundigen Lesern des TA nicht verborgen. Die Leserbriefe zum Relaunch sind voll davon. Tröstlich.

DAS BILD
NZZ:
Das Blatt legt deutlich zu gegenüber seiner tristen Vergangenheit. Nun sieht man öfters eine gelungene Bebilderung, teils gar exzellente Fotos. Meist beschränken sich die Macher auf ein grösseres Bild zum Aufmacher; das verdeutlicht die Hierarchie auf der Seite. Auch eigenständige Bilder haben Platz.
Spillmann sollte aber seine Wirtschaftsredaktoren zwingen, sich guten Fotos zu öffnen. Und die Grafiken und Tabellen sind stark entwicklungsfähig. Ein Tipp: Es gibt auch ausgesprochen elegante Lösungen mit mehr Farbe.

TA: Auch der Tagi arbeitet vermehrt mit grossen, guten Bildern. Doch zu oft wird ein Bericht in der Seitenmitte oder unten gross bebildert. Das stellt die Hierarchie auf den Kopf: Denn das grosse Foto zieht das Leserauge unweigerlich nach unten. Auch der TA kennt das selbstständige Bild mit wenig Text. Im Gegensatz zum Konkurrenten hat er noch keine Form gefunden, die auf einen Blick signalisiert: Achtung eigenständiges Bild.

DER INHALT
NZZ:
Das Eliteblatt hat die Meinungskomponente nochmals verstärkt. Zwar war die NZZ stets schon stark darin, profilierte Meinungen einzuholen. Jetzt präsentiert sie eigentliche Meinungselemente oder Kolumnen noch besser. Jeden Tag eine Doppelseite „Meinung & Debatte” aufzuwerfen mit Leserbriefen, Kolumnen, Kommentaren und einem Foto-Bijou: Chapeau!
Der Börsenteil ist optisch ansprechender und besser aufbereitet: Zuvor hat das Weltblatt seinen Lesern seitenweise in Kleinstschrift und kompress Namen und Zahlen vor die Füsse gekippt: Friss und stirb! Am augenfälligsten ist neu: Im Aktientableau sind jene Titel, die zulegten, grün, jene, die verloren, rot.
Die „Neue Zürcher” kommt weiterhin fast ohne Kästen und Zusatzelemente aus: Sie vertraut ganz auf den Text. Schon fast trendy: Denn die hohe Zeit der überkandidelten Aufdröselung fast sämtlicher Stories in Boxen, Grafiken, Illustrationen, Tabellen und Grafik-Gadgets ist vorbei.

TA: Sehr gelungen ist, wie konsequent die Blattmacher wichtige Stoffe gross fahren. Und nachahmenswert, dass endlich einmal Doppelseiten als solche genutzt werden: Der neue „Tagi” bringt manch schönes Beispiel, was der Leser gewinnt, wenn ihm ein Thema opulent, vielfältig und optisch ansprechend so breit präsentiert wird.
Von den angekündigten Eigenrecherchen und speziellen Stories gibt es einige zu sehen. Der „Tagi” legt hier zu.
Hingegen wird die Meinung und Analyse nicht attraktiv und auffällig genug hervorgehoben. Angeblich wanderte der Frontkommentar auf die Zwei, damit die Frontmacher die Eins flexibler gestalten können. Davon sieht man wenig. Bis jetzt hat die Redaktion die gewonnene Freiheit kaum genutzt. Anstatt die rechte Spalte mit Kurzanrissen vollzupflastern, stünde hier nach wie vor besser ein griffiger Kommentar. Der TA vergibt einen USP.

DER GESAMTEINDRUCK
NZZ:
Das Layout ist streng und schlicht. Trotzdem entbehrt es nicht einer gewissen Leichtigkeit; es wirkt klassisch-elegant nach dem Motto: Reduce to the max! Allerdings gilt diese Einschätzung nur für die Positionierung der NZZ im deutschen Sprachraum. Hier sind die Zeitungen generell viel konservativer gestaltet als fast überall auf der Welt. Woanders kommen Zeitungen oft „magazinig” und farbig daher.
Erstaunlich, wie gut und reibungslos die Umstellung gelungen ist. Nur wenige Fehler oder Korrekturen fielen auf.

TA: Das Layout ist streng, teils gar düster. Es trägt keine einheitliche Handschrift, wirkt unausgeglichen und etwas willkürlich zusammengebaut. Zwar war das vorherige Kleid ja schon kein Hit, die hässliche, schmalgequetschte Titel-Antiqua tat dem Auge weh. Aber auch das neue ist kein Hingucker.
Völlig missglückt ist der Zeitungskopf, eine gestalterisch eminent wichtige Region. Da passt nichts zusammen: Das Logo duckt sich ängstlich zwischen zwei klobigen Uhrenreklamen; es steht irgendwie im Ungefähren: weder eingemittet noch klar links, nur leicht links der Mitte. Die Kopfanrisse schwimmen hilf- und haltlos in der Leere. Mit Logo, Unterzeilen und Anrissen finden sich auf kleinstem Raum: drei Schriftarten, sechs Grössen, vier Schriftschnitte, zwei Farben. Sah das denn keiner? Sagt denn niemand etwas?

VERGLEICH UND FAZIT
NZZ:
Das Design ist aus einem Guss, spricht eine klare Sprache, passt zum Inhalt der Zeitung, betont ihre Stärken und ihren Geist. Klar rückt die neue NZZ im fünfspaltigen Kleid näher zum Mainstream. Aber das Ganze ist gekonnt und stilsicher umgesetzt. Und die Exklusivität des Feuilletons wird noch betont, weil hier ja ein vierspaltiges Reservat des Guten, Schönen, Wahren bestehen bleiben darf.

TA: Der Rezensent ist „Tagi”-Leser seit Jahrzehnten. Und natürlich hat er als ursprünglich gelernter Typograf ein geschultes und scharfes Auge. Aber selten fand er, ein Relaunch sei so wenig marktreif gewesen. Die Ausgaben der ersten Woche wirken wie Dummies, an denen noch viel, viel zu arbeiten wäre. Tamedia hat ihr Flaggschiff zu früh aus dem Trockendock genommen und zu Wasser gelassen. Es schlingert wie die Panta Rhei.

Max Trossmann ist Historiker und Publizist. Er hat Schriftsetzer gelernt; später war er bei verschiedenen Titeln Redaktor und Blattmacher und hat viele Relaunches begleitet.


VOM MINI ZUM MAXI: ROLLE RÜCKWÄRTS BEI DER BAZ
Wirtschaftlichem Druck gehorchen nicht nur die Zürcher Justierungen. Auch bei der „Basler Zeitung” (BaZ) ist Sparen angesagt. Deshalb gibt die Kulturredaktion ihren seit 2004 getragenen chicen Mini auf Geheiss des Verlags in den Altkleidersack und zieht wieder die zuvor getragene bodenlange Kutte an: Das Kulturmagazin, knapp fünf Jahre als Tabloid erschienen, ist seit Ende September wieder als 4. Bund im Broadsheet-Format in die Zeitung integriert.Ein erster Eindruck ist der: Weder war das Tabloid besonders magazinig oder gestalterisch aufregend. Noch fällt der jetzige „normale” Kulturteil ab. Platz scheint er sogar mehr zu haben. Vielleicht gelingt es ja, den Vorteil der Grösse auszuspielen. (Tro)

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