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Der Zürcher Journalist Urs Willmann arbeitet im Ressort Wissen der „Zeit”. Er half mit, die Schweizer Seiten der deutschen Wochenzeitung zu konzipieren.
Von René Martens

Sauerstoff für eine Leiche” lautete die Headline des ersten Artikels, den Urs Willmann 1993 für „Die Zeit” schrieb. Es ging um die Redaktion des schweizerischen Mundartwörterbuchs Idiotikon, das zu diesem Zeitpunkt derart in Vergessenheit geraten war, dass die Metapher „Leiche” angemessen schien. Eigentlich hatte er den Beitrag dem „Zeit”-Magazin angeboten, doch dessen Redakteure leiteten den Vorschlag an das Wissen-Ressort des Mutterblatts weiter, wo der Text dann erschien.

Kein Fachidiot. Das sollte Willmanns journalistische Laufbahn wesentlich beeinflussen: „Damit hatte ich einen Schuh in der Tür. Weil ich nun die Redakteure des Ressorts kannte, habe ich denen immer wieder etwas angeboten.” Somit sei er „rein zufällig” in der Wissenschaft gelandet, sagt Willmann heute. Dass er nichts Naturwissenschaftliches studiert hatte, erweist sich heute eher er als Vorteil. Da er „kein Fachidiot” sei, habe er im Ressort „thematisch die grössten Freiheiten”.
In Deutschland war er anfangs überrascht, wie gross die Redaktionen dort sind. Den „unglaublichen Fleiss”, durch den sich Schweizer Journalisten auszeichneten, habe er bei deutschen Kollegen, die „die Feiertage pingelig einhalten”, seitdem nicht immer bemerkt, sagt er. Die Arbeit in den Redaktionen dies- und jenseits der Grenze unterscheide sich spürbar, weil die Schweizer „das Mitreden” eher gewohnt seien als die Deutschen – was der Wissenschaftsjournalist unter anderem auf die Schweizer Tradition der Volksentscheide zurückführt, die in Deutschland allenfalls im lokalen Bereich eine kleine Rolle spielen. „Bei ‚Facts’ bin ich ins Büro des Chefreaktors gegangen und habe gesagt: ‚Hallo Jürg, ich hätte da eine Idee für eine Titelgeschichte’”, erinnert sich Willmann.

„Gepflegtes Sie”. So einfach sei das bei einem etablierten deutschen Printtitel nicht. Möglicherweise wird die unbürokratische Kommunikation auch dadurch erleichtert, dass unter Schweizer Journalisten das Du selbstverständlich ist. Bei der „Zeit” dagegen sei „das gepflegte Sie mit Vornamen verbreitet, was natürlich auch einen gewissen Charme hat”, sagt Willmann. „Im Feuilleton siezen sich Redakteure, die sich seit zehn Jahren gut kennen und fast befreundet sind.”
Qualitätsunterschiede zwischen den beiden Ländern sieht er vor allem im Politikjournalismus. Zu viele deutsche Journalisten, „würden selbst gern Politik machen und sind stolz, wenn sie bei einem Interview mal auf den Polstersesseln der Macht Platz nehmen dürfen”. Willmann missfällt es, dass die Berichterstattung über die „Befindlichkeiten” der Parteien zuviel Raum einnimmt. „Zu häufig wird eine freie Meinungsäusserung einer Politikers jenseits des parlamentarischen Betriebs zu einer Art Trendmeldung aufgeblasen”, sagt Willmann.
Darüber hinaus kritisiert er, dass in der deutschen Journalistenzunft der „Genuss an der Nähe zu Institutionen und Mächten” verbreitet sei. Einige Redakteure verstünden sich als Teil eines „Establishments”. Sie halten Vorträge oder moderieren bei Stiftungen und anderen Organisationen, „schreiben aber auch über Themen, die mit deren Tätigkeiten zu tun haben”. Willmann findet das nicht korrekt. Er selbst hat zwar auch schon über den Fussball-Zweitligisten FC St. Pauli geschrieben – Willmann ist seit 2001 Dauerkarteninhaber –, „aber das hatte eine spielerische Note”.

Frage der Qualität. Trotz dieser Fundamentalkritik sieht Willmann die deutschen Qualitätsblätter in einer besseren Situation als die in der Schweiz. Bei den Zeitungen und Zeitschriften aus Berlin, Hamburg und München habe sich noch nicht so viel geändert, abgesehen davon, dass sie dünner geworden seien, sagt er. In der Schweiz jedoch sei die Qualität erodiert – insbesondere beim „Tages-Anzeiger” und der „Weltwoche” –, weil nicht nur der Medienstrukturwandel und die Finanzkrise die Entwicklung beeinflusst hätten, sondern auch der Erfolg der Gratisblätter.
Indirekt von Vorteil sind die Krisensymptome für den kleinen Schweizer Teil der „Zeit”, den Willmann „nebenbei” betreut. Weil daheim die Veröffentlichungsmöglichkeiten schlechter werden, schreiben Schweizer Journalisten gern für das Traditionsblatt aus Hamburg. Angesichts der bei schweizer Qualitätsmedien teilweise gesunkenen Honorare ist das inzwischen auch finanziell attraktiv.
Seine Zwischenbilanz nach mehr als einem Jahrzehnt ausser Landes: „Als ich 1998 die Schweiz verliess, gab es eine fast einmalige Pressevielfalt, doch in dieser Hinsicht ist das Land wesentlich ärmer geworden.” So gesehen, ist das Pressewesen zwar noch lange nicht in einem leichenähnlichen Zustand wie einst das Idiotikon, aber ein bisschen Sauerstoff täte vielleicht ganz gut.

René Martens ist Journalist in Hamburg.


Urs Willmann, 1964 geboren in Winterthur, aufgewachsen in Neftenbach im Züricher Weinland, sammelte erste journalistische Erfahrungen bei „Der Landbote”. Von 1995 bis 1998 Redaktor bei „Facts”. Seitdem Redakteur im Ressort Wissen bei der Wochenzeitung „Die Zeit” in Hamburg. Von 2005 bis Mai 2009 war er stellvertretender Ressortleiter – ehe er den Posten abgab, um wieder mehr längere Texte schreiben zu können. Außerdem hat er die Schweizer Seiten der „Zeit” konzipiert; diese erscheinen seit Dezember 2008.

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