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Wieder im Broadsheet statt im Tabloid – der „Blick” hat sich ein neues Kleid verpasst. Und wieder einmal sucht er nach einer neuen Position, um den Auflagenschwund zu stoppen. Hat sich die Boulevardzeitung überlebt? Ein Gespräch mit dem Publizisten und einstigen „Blick”-Redaktor Karl Lüönd.
Interview Philipp Cueni

EDITO: Sie beobachten den „Blick” seit vielen Jahren. Welche Geschichte ist Ihnen gerade als gelungenes Boulevard-Stück aufgefallen?
Karl Lüönd:
Wie „Blick” die Burkhalter-Wahl abgehandelt hat. Alle haben über den neuen Bundesrat Burkhalter gesprochen, der „Blick” über die Frau an seiner Seite. Und das ist eigentlich der Ansatz, mit welchem Boulevardzeitungen noch heute punkten können.

Was sind die Kriterien dieses Ansatzes?
Immer das Unerwartete, das Überraschende tun, das tun, woran andere nicht einmal denken. Gegen den Strom schwimmen, die unbequemen Fragen stellen, das Offensichtliche ungeniert aussprechen, das sonst niemand sagt.

„Blick” hat in letzter Zeit relativ oft die Chefredaktion gewechselt. Er sucht nach seiner redaktionellen Linie, hat sich nun wieder einen Relaunch verpasst. Muss sich der „Blick” neu positionieren?
Ja, natürlich muss er das. Und zwar in dem Masse, in welchem fast alle anderen Medien „blickiger” geworden sind und ihre Inhalte boulevardesker anbieten. Boulevard halte ich allerdings für einen überholten Kampfbegriff. Es geht um Journalismus mit einem hohen Unterhaltungsanteil. Da hat der „Blick” an Bedeutung verloren, weil die meisten anderen Medien, die sich gerne als „seriös” bezeichnen, längst auch auf diese Linie eingeschwenkt sind – auch aus Überlebensgründen. Dazu kam die Konkurrenz der Gratiszeitungen. „20 Minuten” hat die „street credibility” gewonnen – heute dominiert dieses Gratisblatt das Strassenbild rund um die Bahnhöfe und nicht mehr der „Blick”. Jetzt muss „Blick” den Trends hinterher rennen, nachdem das Haus Ringier zweimal – andere sagen dreimal – eine Gelegenheit zur Beteiligung an „20 Minuten” abgelehnt hat.

Der Schlingerkurs des „Blick” ist doch auch Ausdruck von unterschiedlichen Auffassungen in der Ringier-Führung.
Das setzte ich voraus. Aber solche auch kreativen Auseinandersetzungen gibt es in jedem Haus, das populäre Zeitungen verlegt. Dass sich dies hier vielleicht mit höherer Dramatik, Hektik und Tempo abspielt, liegt in der Natur der Sache.

Man kann die „Blick”-Geschichte in Phasen einteilen. Da wäre die Uebersax-Phase, die De Schepper-Phase, die …
… das sieht für mich differenzierter aus: Schaut man die Ausgaben aus der Gründungsphase von „Blick” 1959 bis tief in die siebziger Jahre hinein an, dann war das eine politische, ja eigentlich linke Zeitung, die sehr aufklärerische Ansprüche gestellt und manche Dinge aufgedeckt hat. Ich erinnere an Redaktorenpersönlichkeiten wie Arthur Honegger, später Martin Speich, die diese Zeit geprägt haben. „Blick” hat zum Beispiel früher als die meisten anderen die Anti-Überfremdungsbewegung breitflächig thematisiert. Ab etwa 1974, da war ich selber dabei, in der Ära Fridolin Luchsinger, versuchte „Blick” an Reputation zu gewinnen. Das ist ein Stück weit gelungen, man wurde vom Schmuddelkind zum Mitglied der Gemeinde. Ich erinnere daran, dass in den sechziger Jahren im Zürcher Presseverein noch umstritten war, ob ein „Blick”-Redaktor überhaupt Mitglied bleiben durfte. Dann kam eine Ruhephase, bis Peter Uebersax die Zeitung wieder mit den klassischen Mitteln des Boulevard belebt hat. De Schepper’s Versuch mit der Politisierung war eigentlich eine Wiederholung der ähnlichen Phase 1959-1967.

Funktioniert Boulevard mit politischen Konzepten oder muss der „Blick” zurück zum Blut-und-Busen-Boulevard, um Erfolg zu haben?
Darauf wird es vermutlich hinauslaufen, weil die anderen – wie „Tages-Anzeiger”, „Basler Zeitung”, „St. Galler Tagblatt” oder „Aargauer Zeitung” – einen höheren Anteil an dem bringen, was früher als Boulevard die Alleinstellung des „Blick” ausgemacht hat. Die Marke „Blick” als eine der wenigen überregionalen Zeitungen der Schweiz wird in dem Mass Erfolg haben, wie sie sich von den anderen Blattstilen wieder deutlich abgrenzt. Wenn wir das Feld betrachten, ist die harte Boulevard-Linie, die der derzeitige Chefredaktor Ralph Grosse-Bley pflegt, wohl die einzige Marktlücke.

Sie sprechen von „aufklärerischem Anspruch”: Kann eine Boulevardzeitung überhaupt den Anspruch einlösen, den Citoyen, die Staatsbürgerin umfassend zu informieren? Oder ist die Boulevardzeitung nur eine Zweitzeitung?
Qualität ist bei allen Genres und auf jedem Niveau möglich. Insofern kann der Boulevard diesen Anspruch nach umfassender Information durchaus einlösen. Mit der Einschränkung, dass die nötige Differenzierung bei komplexen Themen in boulevardesken Darstellungsformen ihre Grenzen hat. Fragen der Gentechnologie oder der schweizerischen Energieversorgung möchte ich nicht unbedingt mit den Stilmitteln des „Blick” erklären müssen. Und trotzdem wäre es einen Versuch wert; in den siebziger Jahren haben wir das beim „Blick” gemacht, und wir sind damit gut angekommen.

Es geht ja auch um die Themenbreite. Man kann doch nicht behaupten, dass „Blick” mit seiner Auswahl alle relevanten Themen aufgreift.Es gibt kein Thema, das von der Darstellungsform des Boulevard grundsätzlich ausgeschlossen wäre. Aber der Ansatz mit der Zweitzeitung ist in der Schweiz fast zwangsläufig, weil er durch die politische Struktur vorgespurt ist. Die Stimmbürger sind auf der Ebene der Gemeinde und des Kantons gefordert und dort deshalb auch
Konsumenten der Lokal- und Regionalzeitungen. Den „Blick” benutzen sehr viele als Kontrastprogramm.

Boulevard arbeitet stark mit Emotionen und Zuspitzung. Mehr als andere bildet er deshalb Meinungen, setzt Trends.
Das mag so sein, ist aber nicht so wichtig. Denn die Medienkonsumenten werden in ihrer Meinungsbildung nur beschränkt durch Medien geprägt. Wichtiger sind Herkunft, Erziehung, soziale Lage, berufliches und persönliches Umfeld, für viele auch Religion und Ethik. Boulevardzeitungen sollte man nicht so wichtig nehmen. Sie sind so etwas wie der kleine Kick im Alltag, die überraschende Pointe. So gesehen ist es durchaus sinnvoll, wenn der „Blick” zur Fernsehdame Anna Maier die Frage stellt, ob man einer Tochter in sieben Jahren fünf verschiedene Partner zumuten kann. Das ist unter Frauen doch ein Gesprächsthema und deshalb ein gutes Boulevard-Sujet.

Nochmals zurück zum Thema „Emotion und Meinungsmache”. Der „Blick” führt explizit Kampagnen – auch zu politischen Themen. Das machen die Forumszeitungen kaum.
Solche Kampagnen habe ich in letzter Zeit kaum mehr beobachtet. Eher populäre Zuspitzungen der Politaktivität. Die „Aargauer Zeitung” hat am 23. September mit folgender Schlagzeile aufgemacht: „SBB-Chef entschuldigt sich für Verspätungen”. Der „Blick” spitzt den gleichen Nachrichtenstoff zu auf die emotionalere, aber auch wie ich finde wichtigere Frage: „Warum geht es der SBB plötzlich so schlecht?” Er stellt damit auch die Management-Leistung von Bahnchef Andreas Meyer in Frage.

Eine Zuspitzung, die aber nicht auf Kosten der notwendigen Komplexität geht?
Nicht notwendigerweise. Es geht um die komplexe Frage des Unterhalts des Bahnnetzes. Die wurde auch den „Blick”-Lesern vermittelt.

Es gibt die Meinung, Boulevard sei grundsätzlich rechts.
Das kann sein und geht wahrscheinlich einfacher, weil der „Ausruf-Stil” eher zu solchen Positionen führt. Boulevard ist vor allem grundsätzlich „anders”. Wenn der Mainstream in der Publizistik aber eher halblinks ist, dann ist dem „Blick” eben auch hier die Gegenposition zuzuweisen.

Gab es denn eher linke oder eher rechte Phasen der „Blick”-Linie?
Es gab während 45 von 50 Jahren beim „Blick” vor allem einen opportunistischen Kurs, der stark auf Wirkung und Markterfolg ausgerichtet war und ist. Am Anfang der Uebersax-Ära gab es diese Position von rechts unten mit der Tamilen-Hetze um 1980; unter anderem deshalb bin ich dann auch weggegangen. Uebersax hat das aber schnell zurückgenommen. Das war eher eine Episode. Blick war in der politischen Stossrichtung und Militanz nie vergleichbar mit der deutschen „Bild”-Zeitung. Wir haben zum Beispiel eine Geschichte gemacht zusammen mit dem deutschen Journalisten Günter Wallraff, einem Hauptfeind von „Bild”. Es ging um eine Waffenschieberei für Antonio Spinola, der damals in Portugal als Ex-General von rechts putschen wollte. Wir haben Spinola 1976 in Genf gemeinsam hochgehen lassen. Wallraff sagte damals, im Vergleich zu „Bild” sei „Blick” ein demokratisches Musterblatt. Da waren wir sehr stolz drauf.

„Blick” und das Ausland: Auffallend ist die präsente deutsche Fraktion in der „Blick”-Redaktion.
Das war immer so – seit den ersten Tagen des „Blick”: Es gab Klaus Korn, genannt „der Knaller”, es gab Ewald Struwe, genannt „Arsch-und Titten-Struwe”, der später Chef von „Bild am Sonntag” geworden ist, dann Georg Ubenauf, der wochenweise aus Frankfurt als Produzent eingeflogen ist. Und ein Mitbegründer des „Blick” war Helmut Kindler, ein Verleger aus München. Die Gattung Boulevard wurde aus Deutschland eingeschleppt und war in der Schweiz vor „Blick” nicht existent.

Der „Blick” ist weniger rechts als die deutsche „Bild” und weniger schamlos als der Boulevard in Österreich. Warum diese Unterschiede?
Weil die Schweiz ein kleines Land ist, wo man sich kennt und eine andere Kultur der öffentlichen Auseinandersetzung hat: Stichworte Konkordanz, Harmoniesucht, schnelle Bereitschaft zu Kompromissen. Auch das Publikum mag diese scharfen Auseinandersetzungen nicht so sehr. Die Grundhaltung aller Boulevardzeitungen ist opportunistisch.

Was eigentlich Ihrem Kriterium „gegen den Strom schwimmen” widerspricht.
Ich unterscheide zwischen Strategie und Taktik. Wenn ich Opportunismus sage, meine ich die strategische Grundhaltung, die nicht auf Mission gerichtet ist, sondern auf den Markt und den Markterfolg. Aber den erreicht man als Boulevardzeitung taktisch-operativ nur, indem man gegen den Strom schwimmt.
Der platte Boulevard funktioniert in der Schweiz also nicht.
Nein. Etwa bei der Geschichte mit dem unbekannten Mädchen, das sich als Domina ins Internet gestellt und tagsüber auf einem Sozialamt gearbeitet hat: Da hat die „Blick”-Redaktion schnell gemerkt, dass sie zu weit gegangen ist und hat die Geschichte fallen lassen. Umgekehrt ist „Blick” weit gegangen bei den Berichten über den Schenkkreis-Mord in Grenchen. Aber hier hatten sie den klassischen Boulevard-Vorsprung wegen der Hinweise aus der Leserschaft und einer sehr guten Reporterleistung. Da ist die Persönlichkeitsgrenze sicher geritzt worden, aber aus Anlass eines dreifachen Mordes.

Die Verletzung der Privatsphäre ist beim Boulevard ein Dauerthema.
Ich habe den Eindruck, der „Blick” sei früher weiter gegangen. Ich glaube, dass die Haus-Juristen beim „Blick” heute mehr zu sagen haben. Die Borer-Geschichte hat vermutlich therapeutisch gewirkt.

Wo wird Boulevard denn schlecht?
Dort, wo – wie bei der Borer-Geschichte – die knackige Schlagzeile nicht durch wasserdichte Fakten gestützt ist. Aber ich erinnere mich lieber an gute Geschichten: Die Story über den Betrüger bei GC hat „Blick” hervorragend gemacht, indem er sich selbst eingemischt hat. Und gut ist, wenn er exklusiv ist – ich habe im „Blick” erstmals den Herrn Haefner junior gesehen, den Sohn des AMAG-Besitzers, einer der reichsten Männer der Schweiz. Und nur im „Blick” habe ich gelesen, dass Peter Spuhler und Viktor Vekselberg über die Zusammenlegung in der Textilmaschinen-Industrie gesprochen haben. Dazu kommen der Vorsprung durch Hinweise aus der Leserschaft (Beispiel Grenchen), der Perspektivenwechsel (Beispiel Frau Burkhalter), „conversation pieces” (Beispiel Anna Maier) und die populäre Zuspitzung (Beispiel SBB). Das sind die wichtigsten Stilmittel des Boulevard. Und da ist der „Blick” in letzter Zeit klar besser geworden.

Sie erwarten vom „Blick” also 
… dass er mich nicht langweilt.

Da gäbe es als Anspruch aber schon noch andere journalistische Kriterien.
Jede Menge, aber wie gesagt: Man soll Boulevardzeitungen nicht überschätzen. Sie werden heute mehr denn je als Zweit- oder Drittmedien genutzt, als der kleine, scharfe Kick für Zwischendurch.

Die auffälligste Änderung beim neuen „Blick” ist die Rückkehr zum Broadsheet-Format. Funktioniert Boulevard in diesem Format besser?
Um die Zeitung zu machen, ist das grössere Broadsheet-Format besser, denn damit hat man mehr Auslauf. Das Scheitern mit dem Tabloid war voraussehbar, denn „Blick” hatte sich damit auch äusserlich dem Hauptkonkurrenten „20 Minuten” angenähert. Und damit war der Kioskverkauf stark gefährdet.


DAS GROSSE KLEID SITZT
Der „Blick” macht sich nicht mehr kleiner als er ist. Das grosse Format unter Chefredaktor Ralph Grosse-Bley steht ihm gut. Das Layout ist klar, grosszügig, eindeutig in der Gewichtung, die Leserführung prima. Die Farben sind für ein Boulevardblatt da und dort etwas zu pastellig. Und mehr Humor täte gut. Insgesamt kommt der „Blick” frisch daher. Er erzählt seine Stories fadengerade. Unverfälscht Boulevard.
Leserfreundlich ist natürlich auch: Der Sport ist wieder separat in einem Bund. Ein Asset. Denn viele kauften und kaufen „Blick” wegen seines hervorragenden Sportteils.
Ob die erneute Repositionierung allerdings den globalen Trend weg vom Boulevard aufhält? Wir werden es erblicken. Max Trossmann

© EDITO 2009


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