Annonces Medienstellen
StartseiteArchivEDITO 04/09EDITO 04/09 D

Sie wirken manchmal drollig, ab und zu auch ganz sympathisch. Doch eines haben die Schweizer im deutschen Fernsehfilm meist gemein: eine von kehligen Krächzlauten dominierte Sprache.
Von Dominique Spirgi

Ihr erster war zugleich ihr letzter Fall. Gabi Kunz, die Schweizer Hilfsermittlerin in der Münchner Mordkommission, erwies sich zwar ganz nützlich bei der Aufklärung des Tötungsdelikts; ihre verbale Ausdrucksweise indes sorgte für Unruhe – nicht im Film selbst, sondern im Publikum, das sich Ende März die „Tatort”-Folge „Gesang der toten Dinge” zu Gemüte geführt hatte. Nicht wenige der deutschen Zuschauerinnen und Zuschauer verstanden schlicht nicht, was die Berner Schauspielerin Sabine Timoteo mit ihrem ausgesprochen prononcierten schweizerischen Akzent sagte, und viele „Tatort”-Fans aus der Schweiz ärgerten sich über das karikaturhafte Bild der tölpelhaften Schweizerin, das die Schauspielerin abgab.

Schweizer Hochdeutsch nervt. Tatsächlich drückte sich die zierliche Schauspielerin so aus, als müsste sie in einer Boulevardkomödie eine ungehobelte Bergbäuerin aus einem Berner Oberländer Seitental parodieren. „Gabi Kunz, gespielt von der Bernerin Sabine Timoteo, ist eine Art kurzhaarige Alpen-Ninja in Lederjacke, die mit einem Akzent Hochdeutsch spricht, den in den 1970er-Jahren nicht einmal Emil hinkriegte”, schrieb der „Tages-Anzeiger”. Und die „Süddeutsche Zeitung”, der das nonverbale Spiel der Schauspielerin prinzipiell zugesagt hatte, meinte: „Besonders unglücklich ist es für die Schauspielerin Sabine Timoteo. Sie spielt gut, muss aber ihre Schweizer Abstammung im Zeichen des Komödiantischen derart überdeutlich zur Sprache bringen, dass das schon bald nerven wird.”
Die Schauspielerin selbst gibt sich auf ihrer Website www.timoteo.de ziemlich pikiert über die negativen Reaktionen vor allem aus ihrem Heimatland. „Ich entschuldige mich nicht für meine Darstellung als Gabi Kunz. Ich wurde nicht von der deutschen Produktionsfirma missbraucht. Ich bin Schweizerin, und es war alles freiwillig!”, schreibt sie in einer „Presseerklärung”. „Als ich die Gastrolle im ‚Tatort’ angeboten bekam, war an ihr rein gar nichts Schweizerisches. Die Figur der ‚Gabi Kunz’ wurde auf meinen Wunsch hin umgeschrieben. Mit Absicht und Freude wählte ich die so oft kritisierte, unangemessene Sprache der Kunstfigur zum krassen Gegensatz zu den beiden deutschen Schauspielern.”
Auch in der „Tatort”-Redaktion im Bayerischen Rundfunk hat man die zum Teil erbosten Zuschauerreaktionen zur Kenntnis genommen. „Ja, es gab Proteste aus der Schweiz”, sagt die Münchner „Tatort”-Redakteurin Silvia Koller. „Der Vorwurf lautete, dass es diesen Dialekt so nicht gäbe. Sabine Timoteo sagt hingegen, da wo sie herkomme, würde man so reden.”

Mach mir den Emil. Dass diese Meinung in Deutschland weit verbreitet ist, dafür hat unter anderem der Kabarettist Emil Steinberger gesorgt, der mit seiner liebenswürdigen Parodie des etwas trotteligen Schweizer Kleinbürgers auch in Deutschland grosse Erfolge feierte. Es sei nicht leicht gewesen, die Originaltexte ins Hochdeutsche zu übertragen, schreibt er auf seiner Website (www.emil.ch). Emil ist mit seinen Texten denn auch irgendwo im künstlerisch-parodistischen Zwischenbereich zwischen Dialekt und dem Hochdeutschen stecken geblieben, was wohl einiges zu seiner ungebrochenen Popularität in Deutschland beigetragen hat, wie er selber einräumt: „Die Deutschen lieben es ja, wenn wir Schweizer ein etwas langsameres und holpriges Deutsch sprechen.”
„Emil, dessen Arbeit ich sehr bewundere, hat das Bild des Schweizers in Deutschland massgeblich mitgeprägt”, bestätigt der Schweizer Filmschauspieler Laszlo Kish. „Seine Figuren zeichnen sich alle durch eine liebenswerte Trotteligkeit aus, die man schätzt und immer wieder gerne haben will. Wenn man in Deutschland einen ‚Schweizer’ will, dann meint man eigentlich: ‚Mach mir den Emil’. Das ist die Vorstellung von Schweizerdeutsch, wie sie in Deutschland bei Nichtschweizern vorherrscht.”

So spricht kein Schweizer. Nicht jeder Schauspieler mag es, in diese Emil-Rolle gedrängt zu werden. Der in Berlin lebende Basler Theater- und Filmschauspieler Michael Goldberg sah sich in einer Folge der ARD-Krimireihe „Polizeiruf 110” unfreiwillig mit dieser Situation konfrontiert: „Ich musste mit einem schrecklichen Schweizerdeutsch-Akzent sprechen und zusätzlich noch diese blöde Klischee-Endung ‚–li’ wie bei ‚Chuchischäschtli’ oder ‚Schwyzerfränkli’ an die Wörter anhängen”, erinnert er sich. „So wie die wollten, spricht doch in der Schweiz mit Ausnahme vielleicht von Alt-Bundesrat Adolf Ogi kein Mensch”, ist Goldberg überzeugt.
Auch der Schauspieler Gilles Tschudi kann mit dem verbreiteten Klischee des Schweizers im deutschen Film und Fernsehen wenig anfangen. Allerdings erachtet Tschudi einen leichten schweizerischen Touch in der Aussprache, wie er auch aus dem Munde von renommierten Stars wie Bruno Ganz zu vernehmen ist, als durchaus attraktives Ausdrucksmittel: „Sie finden im Film und auf den deutschen Bühnen kaum jemanden, der das reinste Bühnendeutsch spricht; auch die deutschen Kolleginnen und Kollegen können und möchten ihren jeweiligen Dialekt nicht ganz verdrängen”, sagt Tschudi. „Aber wenn man als Schauspieler dazu angehalten wird, mit einem auffälligen Schweizer Akzent zu sprechen, dann ist es ausgesprochen schwierig, nicht in die Karikatur abzurutschen.”

Weit verbreitete Krankheit. Ähnlich sieht das Laszlo Kish: „Man muss sich sehr stark zurückhalten. Der deutsche Regisseur möchte oft, dass man dem Affen Zucker gibt. Von dieser ‚guten Laune’ darf man sich nicht anstecken lassen. Man darf sich nicht von dem billigen Erfolg, den man schnell ernten kann, wenn man dialektmässig einmal so richtig auf die Kacke haut, verführen lassen.”
Kish kann gut verstehen, dass Auftritte mit diesem speziellen „Akzent” in der Schweiz selbst nicht gut ankommen: „Weil sie allesamt verlogen sind. Es handelt sich um die weit verbreitete Krankheit, dass sich Schauspieler über ihre Figuren erheben und sich auf Kosten der Figur zu profilieren versuchen. Der karikierende Akzent wird zu Recht als Verunglimpfung der eigenen Nationalität empfunden.”
Der Zürcher Literaturprofessor Peter von Matt differenziert: „Ob die schweizerische Färbung des Hochdeutschen, die so legitim ist wie die österreichische oder bayrische oder sächsische, als unbeholfen und lächerlich empfunden wird, hängt von den Zusatzsignalen der Regie ab”, meint er. Natürlich sei es leicht, diesen potenziell chauvinistischen Effekt zu erzielen, aber: „Es ist nicht so, dass die schweizerische Färbung des Hochdeutschen in Deutschland durchwegs als unbeholfen und hinterwäldlerisch empfunden wird.”
Die Liebe der Deutschen zum Schweizer Dialekt-Hochdeutsch geht soweit, dass ganze Filme in diese Kunstsprache übertragen werden. So zuletzt geschehen bei der Ausstrahlung des Schweizer Erfolgsfilms „Die Herbstzeitlosen” im deutschen Fernsehen. Die im ländlichen Emmental spielende Geschichte wurde in einer entsprechenden Synchronfassung gezeigt. Die Regisseurin Bettina Oberli sagt, dass sie mit dieser Synchronfassung nichts zu tun gehabt habe. „Das war ein Entscheid der Verleihfirma”, erklärt sie. Warum diese so entschieden habe, wisse sie nicht: „Im deutschen Kino lief der Film mit Untertiteln, und das hat eigentlich bestens funktioniert.”

Dominique Spirgi ist freier Journalist in Basel.

© EDITO 2009


Druckversion