Der Präsident des SRG-Verwaltungsrates, Jean-Bernard Münch, über das Wahlverfahren des neuen Generaldirektors, die Angriffe der SVP und das schlechte SRG-Image.
EDITO: Erwartet wurde bei der Wahl des neuen SRG-Generaldirektors ein Managertyp. Entschieden haben Sie sich für eine Persönlichkeit mit publizistischer Glaubwürdigkeit, für einen Kommunikator mit grosser Wirkung nach aussen. Jean-Bernard Münch: Als wir das Anforderungsprofil definiert haben, war uns bewusst, dass es schwierig ist eine Führungspersönlichkeit zu finden, die alle gewünschten Anforderungen voll erfüllt. Bedingung war unter anderem Führungserfahrung in einem grossen Unternehmen, Medienerfahrung war erwünscht, aber keine Bedingung. Dann hat sich herausgestellt, dass Roger de Weck bei allen anderen Kriterien über hohe Qualifikationen verfügt: Er definiert den Service Public-Auftrag überzeugend, steht für eine SRG der vier Regionen, ist ein guter Kommunikator, steht für publizistische Glaubwürdigkeit. Und er hat auch Managementerfahrung, aber nicht in einem grossen Unternehmen. Dieses Manko kann man mit einem guten Führungsteam ausgleichen. Wir haben tatsächlich eine Figur gewählt, die fast beispielhaft für den Service public steht.
Nach der Wahl wurde Ihnen von Hanspeter Rohner, einem der unterlegenen Kandidaten, vorgeworfen, das Profil sei im Laufe des Verfahrens geändert, die Kandidaten getäuscht worden. Das Profil wurde nicht geändert, sondern die Gewichtung einzelner Kriterien bei der Endbeurteilung etwas anders gelegt. Das darf nicht nur ein Verwaltungsrat tun, sondern es ist seine Pflicht, den besten Kandidat in einer Gesamtbetrachtung zu wählen. Dabei wurden die Chancen einzelner Kandidaten nicht beeinträchtigt. Es wurde auch unterstellt, Bundesrat Leuenberger hätte diese Wahl beeinflusst: Ich schätze die Unabhängigkeit des Service Public zu hoch, um die Regierung in Angelegenheiten zu konsultieren, wo sie über keine Kompetenz verfügt. Bundesrat Leuenberger wurde weder direkt noch indirekt einbezogen.
Es gab aus dem Verwaltungsrat kein Gespräch mit ihm? Vor dem Start der Ausschreibung habe ich Herrn Leuenberger das Anforderungsprofil vorgelegt, und er war der gleichen Meinung wie der Verwaltungsrat. Bezüglich Personen wurde er nicht involviert.
Der Nominierungsausschuss hat viele Kandidaten in einem langen Verfahren ausführlich geprüft. Und dann legen Sie dem Verwaltungsrat ohne Empfehlung zwei Kandidaten vor, über die er kurzfristig entscheiden muss. Trotz Kritik am ganzen Verfahren meine ich, unsere Evaluation war in allen Punkten musterhaft professionell: Recherchen, Interviews, Ausarbeiten von Business-Cases, Assessments. Es war immer vorgesehen, zwei Kandidaten zu präsentieren. Der Verwaltungsrat kannte die Namen und Unterlagen zwölf Tage vor der Wahl und konnte eigene Prüfungen vornehmen.
Kritisiert wurde, dass das Verfahren nicht öffentlich gewesen sei. Diese Kritik ist lächerlich und unprofessionell. Ich kenne kein Unternehmen, das Kandidaten für einen Managementposten öffentlich bekannt gibt. Das würden auch die Kandidaten nicht akzeptieren. Es ist ja keine Volkswahl.
Mit der Wahl von de Weck setzen Sie auf Reputation, weil das öffentliche Image der SRG angeschlagen ist. Es steht im Widerspruch zur hohen Akzeptanz der SRG-Programme. Das Publikum ist generell sehr zufrieden, wir halten sehr hohe Marktanteile, wir stehen mit dem Programm quantitativ wie qualitativ gut da. Daneben gibt es ein schlechtes öffentliches Image bei der Politik und bei den Zeitungen.
Und teilweise auch beim Publikum. Wenn ein Unternehmen täglich attackiert wird, hinterlässt das bei einem Teil der Bevölkerung Spuren. Einige Leute glauben wirklich, dass wir das Geld zum Fenster hinauswerfen. Die Behauptung einer Zeitung scheint da glaubwürdiger zu wirken als die Analyse der Eidgenössischen Finanzkontrolle. Ja – die Unternehmung hat ein schlechtes Image, ihre Produkte haben allerdings ein gutes Image.
Von einem Teil des Publikums wird gerade das Programm kritisiert. Es hätte mit billigen Spielgames oder reisserischen Serien zu viele Elemente, welche nicht mehr zur Qualität des Service Public passen. Sendungen wie „Deal or no deal” prägen offenbar das Image des Gesamtprogramms. Dies wird wiederum weniger vom Publikum als von Meinungsträger behauptet. Diese Programme sind erfolgreich. Ich gebe aber gerne zu, dass gewisse Unterhaltungsprogramme uns von der kommerziellen Konkurrenz zu wenig unterscheiden. Dies wurde auch von unseren Publikumsräte bemängelt und wird progressiv geändert.
Und was gedenken Sie gegen das schlechte Image zu tun? Da gibt es keine schnellen Rezepte. Das Image zu verbessern ist eine Priorität der kommenden Jahre.
Im Sommer fällt der Bundesrat die Finanzbeschlüsse zur SRG. Das heisst: Der neue Generaldirektor kann vielleicht mit einem ausgeglichenen Budget arbeiten, oder aber er muss einen Abbau von bis 50 Millionen umsetzen. Das sind sehr unterschiedliche Ausgangspositionen. Die SRG wird ihre Angebotsstrategie auf alle Fälle überprüfen müssen. Auch wenn der Bundesrat grosszügig entscheidet, bleibt das Problem, dass wir die Ausgaben mit den Einnahmen in Einklang bringen müssen. Weitere Einsparungen und eine Neuorientierung der Mittelverwendung werden unausweichlich sein.
Warum muss die SRG ihr Gesamtangebot sowieso überprüfen? Wegen der rasanten Entwicklung der elektronischen Medien und des Nutzungsverhaltens. Das bedingt eine Neuüberprüfung der Position des Service Public in der Medienwelt. Damit haben wir bereits begonnen – zum Beispiel mit dem Ziel, mehr Eigenproduktionen bieten zu können. Bis jetzt fehlen uns dafür die Mittel. Die Frage ist: wir bekommen wir dafür Mittel frei?
Kann „Überprüfung” auch heissen, dass der Service Public reduziert, programmlich eingeschränkt wird? Nein, es geht nicht um eine Einschränkung, sondern um eine Neudefinition. Der Service Public wird je länger desto nötiger. Nur ein Beispiel: Angesichts der immer komplexeren Informationssituationen muss er ein Leuchtturm an guter und unabhängiger Information bleiben.
Warum muss ein Service Public auch internationale Fernsehserien bringen? Soll man das nicht den Privaten überlassen? Geld sparen würden wir damit kaum, diese Serien sind ziemlich günstig. Aber tatsächlich unterscheiden wir uns mit den US-Serien kaum von anderen Programmen. Ideal wäre, wenn unser Service Public nur einheimische oder europäische Serien bringen könnte. Dies wäre aber viel teurer. Bei den internationalen Serien geht es um Rechtekosten für den kleinen Markt Schweiz von zwischen 10 000 und 20 000 Franken, bei einer originellen Produktion gleicher Qualität um mindestens zwei Millionen Franken, manchmal viel mehr.
Und wenn man diese unterhaltenden Elemente einfach weglässt? Das ist die zweite Frage: Könnte sich der Service Public darauf beschränken, nur das zu bringen, was die Privaten nicht bringen würden. Diesen Fall hat man in den USA, wo der Service Public nur Information, Dokumentarsendungen, Kulturprogramme und hochstehende Gespräche bringt. Der Marktanteil liegt weit unter zwei Prozent, der Service Public hat nur noch eine Alibifunktion und wird nicht wahrgenommen. Unser vom Gesetz definierter Auftrag verlangt ein Gesamtangebot gegenüber den ausländischen Angeboten zu produzieren. Das hat auch mit dem Integrationsauftrag der SRG zu tun: zum Zusammenhalt der Willensnation Schweiz beizutragen. Dafür müssen wir aber ein genügend grosses Publikum erreichen, und dafür braucht es auch Unterhaltung.
An der Medienkonferenz wurde das Wort „Sanierer” auch von de Weck oft verwendet. Ist die SRG ein Sanierungsfall? Die SRG ist noch kein Sanierungsfall, auch wenn uns 3 Prozent des Umsatzes fehlen. An der Medienkonferenz war das eine Antwort auf die Behauptung, de Weck sei kein Manager. Ich hoffe nicht, dass er bei der SRG zum Sanierer werden muss. Aber eine Neuorientierung ist wahrscheinlich nötig. Wir müssen unsere Angebotsstrategie mit Blick auf den Medienmarkt und im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten überdenken. Daraus könnten Gewichtsumlagerungen folgen. Und das braucht eine starke Führungspersönlichkeit.
Ein rosiges Unternehmen könne keine roten Zahlen aufweisen, sagt de Weck, das Budget müsse ins Gleichgewicht kommen. Dieses Ziel ist klar. Sobald der Bundesrat der SRG die Planungsleitlinien gesetzt hat, indem er entschieden hat, was auf Seiten der Einnahmen möglich oder eben nicht möglich ist, dann wird der Verwaltungsrat Massnahmen treffen und nicht auf den neuen Generaldirektor warten.
Ohne Rücksprache mit de Weck? Die erwähnte gründliche Überprüfung unserer Strategie werden wir mit dem neuen Generaldirektor vornehmen und auch das wird finanzielle Konsequenzen haben. Aber im Moment haben wir eine Verschuldung, die wir nicht weiter betreiben können. Massnahmen werden wir schnell beschliessen, und erste haben wir ja bereits getroffen: so die Nullrunde bei den Gehältern, der Verkauf von Liegenschaften, das 30-Millionen-Sparpaket beim Support.
Die Reaktion von SVP-nahen Kreisen auf die Wahl von Roger de Weck war sehr hart. Haben Sie damit gerechnet. Jein. Die offizielle Stellungnahme der SVP war negativ, aber gemässigt. Verschiedene Exponenten haben sehr hart reagiert. Das hat mich nicht erstaunt, weil de Weck als liberaler Geist und Europabefürworter anders denkt als diese Kreise.
De Weck ist eine vorhersehbare Zielscheibe für eine Anti-SRG-Fraktion. Die SVP kritisiert die SRG seit mehreren Jahren in fast allen Bereichen. Die Angriffe der SVP gehen gegen den Service public der SRG. Das ist unabhängig vom Generaldirektor.
Wie reagieren Sie aktuell auf diese Angriffe? Indem wir Herrn de Weck eine Chance geben. Ich bin überzeugt, dass Herr de Weck mit Fairness und überzeugender Führung diese Kritiken verstummen lässt.
Interview: Philipp Cueni
Jean-Bernard Münch ist Präsident des Verwaltungsrates der SRG SSR und gehörte auch dem Nominationsausschuss für die Wahl des neuen Generaldirektors an.
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