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Werner Van Gent über „Pleitegriechen” und andere journalistische Fehlleistungen

Die Griechenland-Krise hatte uns alle so ziemlich auf dem falschen Bein erwischt. Uns Korrespondenten, die wir zwar ziemlich genau wussten, wie marode die Klientel-Gesellschaft der Hellenen und wie korrupt ihre Beamten und Politiker seien, diese Tatsache dann aber als gegeben einzustufen bereit waren, so nach dem Motto: das gehöre einfach dazu.
Überrascht wurde auch die europäische Politik. Denn über Nacht wurde schmerzhaft deutlich, wie unzulänglich das Instrumentarium der Währungsunion ist, rechtzeitig und angemessen auf Finanzkrisen zu reagieren, einer Union, die in guten Zeiten glänzend dastand, die aber für die nun plötzlich ausgebrochenen bösen Zeiten nicht im Geringsten vorbereitet war, weil die Politik die Union niemals hat fertig denken wollen. Hätten sie das glänzende Gerüst mit der starken Währung nämlich zu Ende gedacht, dann hätte die nationale Politik einiges ihrer Macht abgeben müssen. Und welcher Politiker, welche Politikerin gibt schon gerne Macht ab, wo sie doch (fast) alles getan haben, genau diese Macht zu ergattern?
Schockiert, entsetzt, schwer enttäuscht. In etwa so konnte dann nach Ausbruch der Krise die Gemütslage hier in Athen umschrieben werden. Man ist schockiert angesichts des wirklichen Ausmasses des Schlamassels, entsetzt wegen der sich anbahnenden Konsequenzen, schwer enttäuscht schliesslich aufgrund der totalen Unfähigkeit der Politiker, die Lage zu meistern.

„Vox Populi”. Und dann die Medien. Sie wurden, auch auf europäischer Ebene, schnell zum Teil des Problems, statt zur Analyse beizutragen. „Kein Geld für Pleitegriechen!”, das Plakat der Zeitschrift „Focus” sprach genau das aus, was dann schneeballartig zum „Vox Populi” definiert wurde und Bundeskanzlerin Angela Merkel aus Angst vor der Volksmeinung wochenlang zaudern liess, womit sie die Lage nur noch verschlimmerte. Natürlich gibt es kaum schlagkräftige Gegenargumente, wenn so getitelt wird: „Wir schiessen Milliarden nach, die Griechen tanzen Syrtaki”. Solche Überschriften lösen keine Debatte aus, sondern Neid und Missgunst.

Schuld und Sühne. Jene Stimmen, welche die Emotionen aus der Diskussion zu entfernen versuchten, wurden niedergeschrien, so wie einst in der Agora (Versammlungsplatz) der antiken Griechen. Schuld und Sühne, darum ging es, alles andere war plötzlich Nebensache. Und wo das Plakat den Inhalt ersetzt, werden auch Stammtisch-Lösungen plötzlich salonfähig.
„Mit harter Hand durchgreifen”, „den Konkurs forcieren”, „die eisernen Regeln der Währungsunion einhalten”, so in etwa lauteten Antworte der Ökonomen, die plötzlich von den Medien ins Rampenlicht gehievt wurden. Starke Worte, die aber doch nur jene These unter Beweis stellten, wonach das Gehirn nicht nur anatomisch gesehen zur Familie der Muskulatur gerechnet werden kann...
Am Ende obsiegte dann doch noch so etwas wie Vernunft, weil es zwar weiterhin als angebracht galt, korrupte Politiker, Beamte, Ärzte und Anwälte in Griechenland, am Liebsten aber das ganze Land für die Misere verantwortlich zu machen, es aber zugleich wenig sinnvoll erschien, den Ast auf dem man sich so bequem niedergelassen hatte, abzusägen. In anderen Worten: Allzulange haben die Europäer weggeschaut, weil sie einfach nicht wissen wollten, was da am Rande des Kontinents mit dem billigen Geld aus Frankfurt gemacht wurde. Das griechische Geschäft war ja auch ein Bombengeschäft und – das ist die gute Nachricht für die europäischen Bankiers – es bleibt dies wohl auch nach der Krise noch, da die griechische Regierung für die „Hilfskredite” aus Europa 5 Prozent Zins zahlen muss. Kredite, die verhindern sollen, dass die europäischen Schuldner vom Strudel eines bankrotten Griechenlands mitgezogen werden.
Dass die Europäer allzulange Zeit nicht genau hinschauen mochten, hat auch mit einer Eigenart des griechischen Geschäftes zu tun; damit nämlich, dass hierzulande spätestens seit den olympischen Spielen von 2004 ohne Schmiergelder so gut wie nichts mehr lief. Mit schätzungsweise 30 Prozent Schattenwirtschaft haben die Griechen diesbezüglich in der Tat olympische Massstäbe gesetzt.
Dabei wird allerdings oftmals übersehen, dass es für dieses Geschäft zwei Seiten braucht. Eine, die gibt und eine, die nimmt. Gerade deutsche Grossunternehmen hatten sich im griechischen Sumpf sehr wohl gefühlt und müssen nun unbegründbare Zahlungen in dreistelliger Millionenhöhe begründen.

Blauäugig oder wütend? Also war das Plakat „kein Geld für Pleitegriechen” ziemlich daneben, wirtschaftlich, moralisch, vor allem aber journalistisch. Kein Geld für Pleiteeuropäer wäre vielleicht angebrachter gewesen, doch dann sässe man wieder auf dem Ast, siehe oben. Waren die Kolleginnen und Kollegen, die „Kein Geld für Pleitegriechen” titelten einfach blauäugig? Vielleicht.
Vielleicht waren sie, beziehungsweise deren Chefs, aber auch ganz einfach wütend. In Athen kursiert nämlich ein hartnäckiges Gerücht, wonach die deutschen Verlage, deren Medienerzeugnisse am lautesten ausriefen, Millionen abschreiben mussten, weil die griechische Tourismusorganisation EOT ihre Inseratenkampagnen nicht bezahlt hatte. Es gibt wenig, was Verleger noch böser macht, wohl zurecht, auch wenn hier etwas Distanz eventuell nicht geschadet hätte.
Wird Griechenland seine Schulden je zurückzahlen können? An dieser Frage zerbrechen sich momentan alle den Kopf. Es handelt sich ja um unvorstellbar grosse Summen und so sucht man nach den geeigneten Bildern. Zum Beispiel: Würde man die Schuld in 500 Euro Scheinen aufbeigen, entstünde ein Turm von rund 60 Kilometern Höhe. Das fährt ein, vor allem, wenn man zusehen muss, dass allein die Staatsbahnen den Turm Tag für Tag um 30 Zentimeter wachsen lassen. In Athen ist man nicht sehr optimistisch, dass das Land die Herkules-Arbeit der Schuldentilgung schaffen wird. Es fehlen die Anreize. Viele suchen auch heute noch nach Wegen, das süsse Leben der letzten dreissig Jahre fortzusetzen. Bloss gibt es niemand mehr, der dafür zahlen möchte.
Einer der führenden Karikaturisten Griechenlands skizzierte die Lage im Gespräch so: es sei so wie mit einem Kettenraucher. Der Arzt hat ihm das Rauchen streng verboten. Seine Verwandten und alle seine Freunde versuchen ihn zu überzeugen, das Rauchen zu lassen. Selber ist er durchaus einsichtig, doch sucht er gleichzeitig mit enormer Fantasie nach Wegen, das Verbot zu umgehen, um doch noch eine einzige Zigarette zu rauchen – die letzte, dann aber ganz bestimmt die allerletzte!

Werner Van Gent arbeitet als Korrespondent für Radio SR DRS und verschiedene Zeitungen in Athen. Seine Schwerpunkte sind Griechenland und Türkei. Autor verschiedener Bücher.

© EDITO 2010


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