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Über journalistische Dekadenz, geistige Zwangsjacken und guten Journalismus.
Von Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung

Vollständige ungekürzte Version der Rede anlässlich der Preisverleihung zum Zürcher Journalistenpreis vom 27. Mail 2010. Siehe EDITO 3/2010.

Als vor 15 Jahren der neue Münchner Flughafen eingeweiht wurde, ging der damalige Ministerpräsident Max Streibl mit den Journalisten stolz und beseelt durch die großen Hallen. Alles war blitzblank, weitläufig, weltläufig und edel; am Boden glänzte der polierte Granit, an den Wänden prangte moderne Kunst, aus den Lautsprechern klangen die Weltsprachen. Als die Besichtigung nach zwei Stunden zu Ende war, fragte ein Journalist den Ministerpräsidenten, ob er in all dieser Pracht und Herrlichkeit etwas vermisse. Der Ministerpräsident stutzte kurz und sagte dann: „Es ist alles wunderbar, nur: Wenn man hier ankommt, merkt man doch gar nicht, dass man in München ist. Es könnte sich genauso um den neuen Flughafen in Paris oder in Melbourne handeln. Woran soll man denn hier erkennen, dass man in München gelandet ist? “ Ein Kollege schlug ihm daraufhin vor, man könne doch die nächste Landebahn „in Brezenform“ errichten. Das Gelächter war groß.

Sie schauen mich jetzt mit großen Augen an und fragen, was diese Geschichte denn mit unserer Feier zu tun hat? Warum erzählte ich Ihnen dieses Kuriosum in einer Rede zur dreißigsten Verleihung des Zürcher Journalistenpreises? Wenn man dieser Geschichte nachhört, dann klingt hinter der Lustigkeit der Begebenheit und der vermeintlichen Provinzialität des Politikers etwas sehr Ernsthaftes, Wichtiges, Grundsätzliches. Die kleine Begebenheit führt uns nämlich zu einer Frage, die für den Journalismus viel wichtiger ist als für einen Flughafen: Was ist das Besondere, was ist das Erkennungszeichen, was ist das Unverwechselbare an einem guten Journalismus? Was zeichnet ihn aus? Was zeichnet den Journalismus so aus, dass er ein eigenes Grundrecht wirklich verdient? Wie soll, wie muss der Journalismus seine Freiheit nutzen, auf dass sie Pressefreiheit heißen kann und darf?

Einer der ganz frühen Sätze, die ich über den Journalismus gehört habe, war ziemlich böse: "Journalisten sind", so heißt dieser Satz, "Journalisten sind wie Schnittlauch. Sie schwimmen auf jeder Suppe". Es war dies der erste Satz über den Journalismus, den ich mir gemerkt habe. Damals, es war wohl 1975/76, war ich Jurastudent und Stipendiat des IfP, des Instituts für Publizistischen Nachwuchs, einer katholischen Einrichtung. Das erste Seminar im Rahmen dieser studienbegleitenden Journalisten-Ausbildung fand in Salzburg statt. Und einer der Referenten dort war der Medienwissenschaftler Heinz Pürer. Und der sagte in seinem Abendvortrag den genmmten bösen Satz: "Journalisten sind wie Schnittlauch. Sie schwimmen auf jeder Suppe."

Der Satz hat mich so abgeschreckt, dass ich mich erst einmal auf meine Jura-Studium konzentriert habe, Staatsanwalt und Richter geworden und eigentlich nur durch Zufall wieder beim Journalismus gelandet bin. Vielleicht hatte ich ja den Medienwissenschaftler falsch verstanden. Vielleicht hatte er gar nicht den Ist-Zustand des Journalismus beschrieben, sondern nur die Gefahren, die er in sich birgt: Aus einem Journalisten kann ein PR-Mensch werden, der so schreibt, wie es der Auftraggeber will und wie es neue Aufträge bringt. Ich will die PR-Leute nicht diskreditieren. Aber: PR und Journalismus, das sind zwei verschiedene Berufe.

Ich habe in meinem journalistischen Leben - es währt nun 22 Jahre, vier Monate und 26 Tage - durchaus ein paar Journalisten erlebt, die so waren, wie Heinz Pürer sie beschrieben hat. Aber es waren nicht sehr viele. Die meisten Kolleginnen und Kollegen, die ich erlebt habe, waren ganz anders, gar nicht schnittlauchartig. Ich habe wunderbare Kolleginnen und Kollegen erlebt, viele davon in Lokal- und Regionalredaktionen: neugierig, bissig, aufklärerisch, souverän und integer. Vielleicht lag das daran, dass zumindest die erste Hälfte meines bisherigen journalistischen Berufslebens eine für die Medien auch wirtschaftliche glänzende, eine anzeigenstarke paradiesische Zeit war.

Aber wir wissen ja: Es gibt kein Paradies ohne Schlangen. Und zur Zeit ist es so, dass es in diesem Medienparadies besonders viele Schlangen gibt. Journalismus verlangt, sich von den Schlangen nicht verführen zu lassen, ihnen zu widerstehen, wie immer sie auch heiße n mögen. In Verlagen und Redaktionen köm1en sie Spardruck heißen, Kündigung, Auflösung von Redaktionen, Outsorcing von journalistischer Arbeit.

Im Journalismus, so lässt es Balzac in seinem Roman "Verlorene Illusionen" den jungen Denker Michel Chrestien sagen, werden "Seele, Geist und Denken" verschachert. Der Satz ist so böse wie der vom Schnittlauch. Aber er stimmt nicht, solange es Journalismus mit Haltung gibt, solange sich journalistische Sachkunde mit Souveränität, Ausdauer, Neugierde und Aufklärungsinteresse vereint. Guter Journalismus ist ein Journalismus, bei dem die Journalisten wissen, dass sie eine Aufgabe haben - und dass diese Aufgabe mit einem Grundrecht zu tun hat: Nicht für jeden Beruf gibt es ein eigenes Gundrecht, genau genommen nur für einen einzigen.

Die Geschichte der Demokratie ist in der Schweiz viel älter als in Deutschland. Ich darf trotzdem von dieser deutschen Demokratiegeschichte erzählen. In Deutschland beginnt nämlich diese Geschichte mit der Pressefreiheit. Sie war die Hauptforderung 1832 auf dem Hambacher Schloß, bei der ersten deutschen Großdemonstration. Der Hauptorganisator des Festes auf dem Hambacher Schloß war unser journalistischer Urahn Phillipp Jakob Siebenpfeiffer, geboren im Revolutionsjahr 1789. Er war ein kämpferischer Mann, einer, der sich den Mund nicht verbieten und den Schneid nicht abkaufen ließ. Er war, wenn Sie so wollen, ein deutscher Wilhelm Tell.

Er war Schüler des liberalen Staatsrechts Lehrers Karl von Rotteck, wurde mit 29 Jahren Landkommissar des Kreises Homburg in der Rheinpfalz, geriet aber bald mit dem Regime aneinander. Er trat aus dem Staatsdienst aus, wurde bürgerlicher Revolutionär, demokratischer Volksmissionar, Journalist, Verleger und Streiter gegen die Zensur. Als die Regierung des Königs seine Druckerpresse versiegelte, verklagte er sie mit dem Argument: Das Versiegeln von Druckerpressen sei genauso verfassungswidrig wie das Versiegeln von Backöfen. Das ist ein wunderbarer Satz, weil darin die Erkenntnis steckt, dass Pressefreiheit das tägliche Brot ist für die Demokratie. Das ist die Hambacher Schlosserkenntnis von 1832, das ist die demokratische Ur-Erkenntnis: Pressefreiheit ist das tägliche Brot für die Demokratie.

Hambach war damals, in den ersten Tagen der deutschen Demokratie, der Boden, in den die Freiheitsbäume gepflanzt wurden. Heute sind diese Freiheitsbäume verwurzelt, sie sind groß gewachsen, sie werden gepflegt von den Verfassungsgerichten. Das deutsche Bundesverfassungsgericht etwa hat die Systemrelevanz der Presse in großen Urteilen bestätigt. Im Spiegel-Urteil von 1965, im Cicero-Urteil von 2007: „Eine freie, nicht von der öffentlichen Gewalt gelenkte, keiner Zensur unterworfene Presse“ ist ein „Wesenselement des freien Staates“. Und: Die Presse ist ein „ständiges Verbindungs- und Kontrollorgan zwischen dem Volk und seinen gewählten Vertretern in Parlament und Regierung“. Das ist nicht ganz so plastisch formuliert wie im Hambacher Schloss, bedeutet aber nichts anderes: Pressefreiheit ist das tägliche Brot der Demokratie. Für solche Sätze wurde einst Jakob Siebenpfeiffer in Landau ins Gefängnis geworfen und mußte dort, wie es den Gefangenen damals zur Auflage gemacht wurde, wöchentlich drei Paar wollene Socken stricken. Hätte er geahnt, das sein Diktum eines Tages vom höchsten Gericht so gerühmt werden würde – er hätte vor Freude sechs paar Socken gestrickt.

Solche Urteile gibt es von fast allen Verfassunsgerichten in Europa. Solche Urteile sind Höhepunkte im Leben der Pressefreiheit. Es ist freilich festzustellen, dass mit den feierlichen Sätzen dieser Urteile im politischen und gesetzgeberischen Alltag so umgegangen wird, wie das eine Familie mit dem Weihnachtsschmuck tut: Erst wird der glitzernde Tand an den Baum gehängt – und dann wieder weggepackt. Die goldenen Sätze der obersten Gerichte haben es nicht verhindern können, dass es immer, in ganz Europa, staatliche Versuche gibt, die Pressefreiheit zu fesseln. Da gibt es Durchsuchungsaktionen in Zeitungshäusern, Redaktionen und Privatwohnungen von Journalisten, da gibt es Vorratsdatenspeicherungsgesetze, welche Durchsuchungsaktionen jetzt ziemlich überflüssig machen, weil die Ermittlungsbehörden ohnehin nachschauen können, mit wem ein Journalist telefoniert hat; da gibt es in etlichen Ländern Europas die Möglichkeit zur Online-Durchsuchung der Computer, auch Journalisten-Computer sind davon betroffen. Die Pressefreiheit muss, so ist es leider seit längerer Zeit, beiseite springen, wenn der Staat mit Blaulicht, also mit Sicherheitsinteressen daher kommt.

Manchmal komm mir die Pressefreiheit vor wie ein einbalsamiertes Grundrecht, prächtig präpariert von den höchsten Richtern, so dass sie fast ausschaut wie lebendig. Aber nur fast: von Zeit zu Zeit wird das Tier abgestaubt, der Biologielehrer stellt es vor der Klasse auf und erzählt dann, was das Tier gemacht hat, als es noch gelebt, gejagt und gefressen hat. Manchmal geschieht ein Wunder: dann wird die Pressefreiheit gefährlich lebendig. Wenn so ein Wunder geschieht, wenn die Pressefreiheit als den Mächtigen so nahe rückt, dass sie einen wirklichen Skandal entdeckt, dann ist das eine Sternstunde des Journalismus. Aber so ein Skandal hält dann nur für gewisse Zeit, denn alsbald wird schon wieder, wie es im Jargon heißt, eine andere Sau durchs Dorf getrieben. Es fehlt, in der Politik wie in den Medien, der lange Atem. Gleichwohl: Die Wochen, in denen ein nachhaltig aufklärender Journalismus in die dunklen Ecken unseres Gemeinwesens leuchtet, zeigen mir eine Kompetenz der Medien, an der auch ich gelegentlich zu zweifeln beginne: die Aufklärungs- und Aufdeckungsmacht der Presse, ihre überlegene Aufdeckungskompetenz. Ich sage das als ein politsicher Journalist und Leiter eines politischen Ressorts, der früher einmal Richter und Staatsanwalt war.
Die Macht und die Kraft der Medien kann bei der Aufklärung politischer Skandale mit strafrechtlichem Einschlag in besonderer Weise deutlich werden - gerade dann, wenn man die Rolle der Medien vergleicht mit der bescheidenen Rolle, die dabei Richter und Staatsanwalt spielen. Welcher der politischen und wirtschaftlichen Großskandale in einem der europäischen Staaten ist eigentlich strafrechtlich wirklich aufgearbeitet worden? Die Instrumente des Strafrechts kratzten, wenn überhaupt, dann ziemlich an der Oberfläche – jedenfalls in Deutschland ist es so. Die politischen und ökonomischen Krisen mit strafrechtlichem Einschlag sind nicht wirklich gefährlich – solange sie von der Presse aufgedeckt werden können. Gefährlich wird es, wenn sie nicht mehr aufgedeckt werden können - weil es der Journalismus nicht mehr schafft (ob aus juristischen oder finanziellen Gründen).

Die Aufdeckungsmacht der Presse verlangt aber auch Sorgfalt, Umsicht, Achtung der Privat- und Intimsphäre. Schnüffeleien in der Privatsphäre, in Briefkästen und und Abfalleimern sind kein investigativer, sondern ein unwürdiger Journalismus. Pressefreiheit ist keine Ausrede für Rechtsverletzungen, für Präpotenz und für nassforsche Rechthaberei.

Pressefreiheit: Vielleicht sollten Journalisten und Verleger nicht so viel von der Pressefreiheit reden, sondern sie einfach praktizieren. Zuviel Weihrauch, sagt das Sprichwort, rußt den Heiligen. Was für einen Heiligen gilt, kann auch für ein Grundrecht gelten: in den Weihrauchschwaden ritualisierter Lobpreisung erkennt man es kaum mehr, es verliert sein Gesicht. Noch einmal also: Vielleicht sollten wir von Pressefreiheit weniger reden, sie aber dafür mehr praktizieren – das gilt für Verlage und Redaktionen. Sie beide müssen in ihrer Arbeit zeigen, was Pressefreiheit ist und was sie ihnen wert ist. Schlimmer als Razzien, als Vorratsdatenpseicherung und Online-Durchsuchung sind die geistigen Zwangsjacken, die sich der Journalismus selber anzieht. Zu beklagen ist eine Tendenz zur Vermischung von Journalismus und PR, zu beklagen ist ein Spardruck, der zur Auflösung von Redaktionen und zu einem Outsourcing klassischer Redaktionsarbeit und den Journalismus womöglich kaputt macht.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte sprach im Jahr 2004 Caroline, der Prinzessin von Monaco, eine geschützte Privatsphäre auch außerhalb ihres Hauses zu; die Öffentlichkeit könne kein legitimes Interesse daran geltend machen, zu erfahren, wo die Prinzessin sich aufhält und wie sie sich allgemein in ihrem Privatleben verhält – und zwar auch dann nicht, wenn sie sich an Orte begibt, die nicht als abgeschieden bezeichnet werden. Zumal die Verleger und Chefredakteure von bunten Blättern sahen daraufhin das Ende der Pressefreiheit nahen, weil das Caroline-Urteil das Persönlichkeitsrecht über Gebühr ausdehne. Doch was, bitte, ist Prinzessin Caroline gegen Verleger, die ihre komplette Redaktion vor die Tür setzen und nur noch die leitenden Redakteure behalten? Was ist Prinzessin Caroline gegen Verlage, die vor allem danach trachten, wie sie der Tarifbindung entfliehen und den Journalismus immer billiger machen können? Allenthalben wird von der Not der Zeitungen geredet, von einer Not, die rigoroseste Sparmaßnahmen erforderlich mache. Ich weiß nicht, ob das mit der Not wirklich so stimmt.

Ich sehe eher eine merkwürdigen journalistische Dekadenz, die eine Mischung ist aus Melancholie, Leichtlebigkeit, Weltschmerz und vermeintlicher Ohnmacht gegenüber Anzeigenschwund und Internet.. Die angebliche Not, die angebliche Existenzkrise, ja die Todesnähe der Zeitungen oder gleich gar des professionellen Journalismus gehört zu den Hysterien, die im Journalismus noch besser gedeihen als anderswo. Der Kikeriki-Journalismus, die aufgeregte Kräherei, die seit einiger Zeit unsere politische Publizistik prägt, kräht nun das eigene Ende herbei. Man schreibt sich sein eigenes fin de siecle. Man schreibt sein eigenes Produkt schlecht, so lange bis es alle glauben – selbst kluge Leute wie Jürgen Habermas.

Der Philosoph Jürgen Habermas hat für eine Staatsfinanzierung von Zeitungen geworben. Er glaubt an die existentielle Not von Zeitungen – und seine Antwort darauf ist eine fast verzweifelte demokratische Liebeserklärung. Wir Journalisten haben sie zumeist ziemlich überheblich zurückgewiesen, nicht selten deshalb, weil solche Zurückweisung leichter ist, als die Phantasielosigkeit des eigenen Verlagsmanagements zu beklagen. Natürlich sollen und müssen auch Medienunternehmen Gewinne machen. Überzogene Gewinnerwartungen sind aber kein Ausdruck von Not, sondern von Kurzsichtigkeit.
Es ist ja bitteschön nicht so, dass die Zeitungen samt und sonders rote Zahlen schreiben, es ist nicht so, dass sie seit Jahren in der Verlustzone drucken. Sie machen nur nicht mehr so hohe Gewinne wie zuvor. Das kommt in den besten Unternehmen vor, auch in den Unternehmen, für dies es kein spezielles Grundrecht gibt. Viele der sogenannten Restrukturierungsmaßnahmen und Kündigungswellen in deutschen Medienhäusern sind Putativnotwehrexzesse – die zugleich, und das ist das wirklich Tragische, die Basis für künftiges Gedeihen der Presseunternehmen gefährden. Die Zeitungen brauchen kein Staatsgeld. Sie brauchen aber Journalisten und Verleger die ihre Arbeit ordentlich machen. Sie brauchen Journalisten, die neugierig, unbequem, urteilskräftig und integer sind. Sie brauchen Verleger, die einen solchen Journalismus schätzen, die also von ihren Zeitungen mehr wollen als Geld und die stolz sind darauf, dass sie Verleger sind; und denen dieser Stolz mehr bedeutet als ein oder zwei Prozent Gewinn. Vielleicht braucht der Journalismus auch ein paar Mäzene. Es gibt sie und es gibt die Freude am unabhängigen Journalismus.

Herr Prantl, höre ich dann, Sie sind blauäugig – das Internet! Die Blogs!! Schauen Sie in die USA!!! Ja, schauen wir in die USA. Das US-Zeitungswesen ist jener Wall-Street-Theorie zum Opfer gefallen, wonach man Profite dadurch maximiert, in dem man das Produkt miniminiert. Die US-Zeitungen sind an die Börse gegangen und dann an der Börse heruntergewirtschaftet worden. Der Wert der Zeitungen wurde von der Wertschätzung nicht der Leser, sondern der Aktionäre abhängig gemacht. Überall und ständig wurde von den Zeitungen gefordert, ihren Aktienwert zu verbessern. Deswegen gab es Kahlschlag-Sanierungen, Korrespondentennetze wurden zerschnitten, Büros geschlossen, Redaktionen kastriert, die Druckkosten zu Lasten der gedruckten Inhalte gesenkt. Immer mehr Zeitungen gehörten und gehören Investmentfonds. Das Fondsmanager kein Interesse am Zeitungsmachen haben, liegt auf der Hand. Das war das eine. Das andere hat vielleicht auch mit diesem einen zu tun: die US-Zeitungen haben in der Bush-Ära fast komplett versagt.

In Washington hat sich – so konstatiert der Pulitzer-Preisträger Russell Baker – „das renommierte Corps der Hauptstadtkorrespondenten mit Lügen abspeisen und zur Hilfstruppe einer Clique neokonservativer Verschwörer machen lassen“. Die Blogs waren nichts anderes als eine demokratische Not- und Selbsthilfe. Dort konnte man die kritischen Analysen und Kommentare gegen Bush und den Irak-Krieg lesen, die man in den Zeitungen nicht lesen konnte. Ein guter Journalismus muss wegen der den Blogs nicht Heulen und Zähneklappern kriegen: er kann dem Blog dankbar sein, wenn und weil er seine Lücken substituiert und seine Fehler aufzeigt.

Man kann viel lernen aus der US-Zeitungsdepression. Vor allem, was man tun muss, um nicht in eine solche Depression zu geraten. Vielleicht muss zu allererst an die Stelle von Larmoyanz wieder Leidenschaft treten. Ich weiß nicht, warum man sich als Zeitungsmensch vor der digitalen „Huffington Post“ und anderen Internet-Zeitungen fürchten soll. Sie macht das, was eine gute deutsche Zeitung auch macht: ordentlichen Journalismus. Man sollte damit aufhören, Gegensätze zu konstruieren – hie Zeitung und klassischer Journalismus, da Blog mit einem angeblich unklassischen Journalismus. Man sollte damit aufhören, mit ökonomischem Neid auf die Blogs zu schauen. Mit und in den Blogs wird sehr viel weniger Geld gemacht als mit den Zeitungen. Man sollte auch aufhören mit dem Gerede, dass der „klassische“ Journalismus in einem Bermuda-Dreieck verschwinde. Der gute klassische ist kein anderer Journalismus als der gute digitale Journalismus. Die Grundlinien laufen quer durch diese Raster und Cluster: Es gibt guten und schlechten Journalismus, in allen Medien. So einfach ist das. Und guter Journalismus hat gute, er hat große Zeiten vor sich: Noch nie hatten Journalisten ein größeres Publikum als nach der digitalen Revolution. Noch nie war Journalismus weltweit zugänglich. Und es gab wohl noch nie so viel Bedürfnis nach einem orientierenden, aufklärenden, einordnenden und verlässlichen Journalismus wie heute.

Der Amateur-Journalismus, der in den Blogs Blüten treibt, ist kein Anlass für professionellen Griesgram. Dieser Amateur-Journalismus bietet doch Chancen für eine fruchtbare Zusammenarbeit. Er ist ein demokratischer Gewinn. Mich erinnern diese Blogs, mich erinnert diese Kommunikationsrevolution an die Revolution von 1848/49. Diese Revolution von 1848/49 war auch eine Kommunikationsrevolution. Die Zahl der deutschsprachigen Tageszeitungen verdoppelte sich damals fast, von 940 im Jahr 1847 auf 1700 zwei Jahre später. 1848 war ein politischer Lernprozess, der hunderttausende von Menschen einbezogen und ihnen Möglichkeiten zur politischen Partizipation gegeben hat. 150 Jahre später bietet die digitale Revolution diese Möglichkeit wieder, in nie gekannter Dimension. Anders gesagt: Blogs sind mehr Demokratie. Sie sind die Chance zu einer neuen bürgerlichen Revolution. Soll da der professionelle Journalismus die Nase hochziehen, so wie es vor 150 Jahren die fürstlichen Herrschaften und monarchischen Potentaten in Deutschland und in der Donaumonarchie getan haben?

Das Internet, das Internet. Viele Zeitungsleute reden darüber wie von einem neuen Hunneneinfall. Die Hunnen kamen vor 1500 Jahren aus dem Nichts, schlugen alles kurz und klein (und verschwanden hundert Jahre später wieder). Das Internet schlägt gar nichts kurz und klein. Es ersetzt nicht gute Redakteure, es macht gute Journalisten nicht überflüssig; im Gegenteil: es macht sie noch wichtiger als bisher.
Wie wird also der Journalismus morgen aussehen? Wer über die Zukunft reden will, muss die Vergangenheit kennen. Ich habe eingangs unseren Urahn Phillipp Jakob Siebenpfeiffer erwähnt, weil er am Anfang einer großen Reihe von Journalisten steht. In der Weimarer Republik hießen die Siebenpfeiffers Kurt Tucholsky und Carl von Ossiezky, in der Bundesrepublik hießen sie dann Henry Nannen, Rudolf Augstein und Axel Springer – bei allen Differenzen und Unterschieden wußten sie, dass der Journalismus eine Aufgabe hat, die über das Geldverdienen hinausgeht. Ich rede gern von diesen großen Namen des Journalismus, weil sie nicht nur für die Vergangenheit, sondern auch für die Zukunft des Journalismus’ stehen – und zwar dann, wenn die jungen Kollegen nicht nur lernen, wie der „Crossover-Journalismus“ funktioniert, wenn sie nicht nur lernen, wie man effektiv und schnell produziert, sondern wenn sie auch erfahren, dass es große journalistische Vorbilder gibt und warum sie es sind und wie sie es wurden. Warum? Weil sie nicht nur wunderbare journalistische Handwerker und kluge Verleger waren, sondern weil sie eine Haltung hatten. Haltung – das Wort ist aus der Mode gekommen. Haltung heißt: für etwas einstehen, sich nicht verbiegen lassen, nicht von kurzfristigen Moden, nicht von unrealistischen Gewinnerwartungen. Ich bin davon überzeugt: Wenn die journalistische Bilanz der Zeitung, eines Medienunternehmens stimmt, stimmt auch die ökonomische.

Noch einmal also: wir sollten weniger von Pressefreiheit reden, wir sollten sie mehr praktizieren. Journalistische Arbeit kann man nicht einfach in PR-Büros, lobbyfinanzierte Werbeagenturen und Schreibbüros auslagern. Wenn Korrespondenten eingespart, Redaktionen aufgelöst werden, wenn Chefredaktionen sich in Geschäftsführungen verwandeln, wenn Gold zu Stroh gesponnen wird und die Pressefreiheit zu kleiner Münze geschlagen – dann leidet die Demokratie. Journalismus ist das tägliche Brot der Demokratie. Den Satz sollten wir uns an unsere Schreibtische und unseren Verlegern an die Bürotüre kleben.

Es gibt die Pressefreiheit, weil die Presse auf die Demokratie achten soll. Diese Achtung beginnt mit Selbstachtung. Es wird daher, und in den Zeiten des Internet mehr denn je gelten: beschädigt. Autorität kommt von Autor und Qualität kommt von Qual. Dieser Qualitäts-Satz Satz steht zwar in der Hamburger Journalistenschule, aber er gilt nicht nur für Journalistenschüler. Er meint nicht, dass man die Leser und User mit dümmlichem, oberflächlichem Journalismus quälen soll. Qualität kommt von Qual: Dieser Satz verlangt von Journalisten in allen Medien, auch im Internet, dass sie sich quälen, das Beste zu leisten – und er verlangt von den Verlegern, dass sie die Journalisten in die Lage versetzen, das Beste leisten zu können. Dann hat Journalismus eine glänzende Zukunft.

Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, glänzen an diesem Abend als Preisträger. Ich wünsche Ihnen, ich wünsche uns allen diese glänzende Zukunft. Dieser Glanz mißt sich nicht unbedingt an einem gewaltigen Einkommen. Dieser Glanz besteht in dem Stolz, wenn man sagen darf: Wir backen das tägliche Brot der Demokratie.

Prof. Dr. jur. Heribert Prantl leitet die Redaktion Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung


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