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Fabrizio Gatti ist in Italien der bekannteste investigative Journalist. Wie arbeitet er? Ein EDITO-Gespräch in Rom.
Interview Eva Pfirter

EDITO: Griechenland hat ein riesiges Staatsdefizit verheimlicht, Berlusconi erlässt jede zweite Woche ein für ihn nützliches Gesetz. Die Recherche im Journalismus scheint nötiger denn je.
Fabrizio Gatti:
Wenn Fabriken schliessen, braucht es Journalisten, die recherchieren, wie es dazu kommen konnte. In der Krise ist es wichtig, aus nächster Nähe zu berichten. Wenn es einem Land schlechter geht, dürfen die Politiker nicht die Bürger belügen, sondern müssen die Fakten auf den Tisch legen. Das eröffnet den Journalisten ein Feld für mögliche Recherchen.

Aber die Krise bedroht auch die Medien, ausgerechnet jetzt werden die Ressourcen kleiner.
Klar, die (Medien-)Krise hat auch Auswirkungen auf die Arbeit als Journalist. In der Redaktion von „L’espresso” sind wir deutlich weniger Leute als früher und es ist inzwischen fast normal für mich, bis morgens um drei oder vier Uhr zu arbeiten. Meine Arbeit wird intensiver, was zu Lasten von Privatleben und Erholung geht.

Fehlt es denn in Italien an grossen Recherchen?
Nein, es gibt in diesem Land genug investigativen Journalismus. Viele investigativ arbeitende Journalisten schreiben Bücher. Aber die Bücher bleiben in den Buchhandlungen. Die Italiener haben weniger als beispielsweise die Deutschen den Reflex, sich selber zu informieren, sondern Vertrauen zu oft jemandem, der etwas nacherzählt. Das geschriebene Wort steckt hier in der Krise. In Deutschland haben viel mehr Menschen mein Buch „Bilal” gelesen als in Italien. Das erklärt auch, warum Talkshows in Italien so in Mode sind. Es ist auch gefährlich, weil Personen, die hinstehen und sagen „Ich erkläre euch jetzt, wie es wirklich ist” Erfolg haben, und das ist gefährlich.

Welche Voraussetzungen braucht der Recherche-Journalismus?
Der Journalist braucht jemanden, der seine Arbeit publiziert und ihm Zugang zu einem Leserkreis ermöglicht. Um investigativen Journalismus zu fördern, braucht es einen Verleger, der den Zeitungen und Journalisten ermöglicht, das demokratische Prinzip der Freiheit auszuüben. Es braucht einen Chefredaktor, der dieses Prinzip umsetzt und es braucht einen Journalisten, der mit eigenen Augen etwas beobachtet und berichtet.

Es interessiert uns, wie Sie arbeiten. Wie finden Sie die Themen?
Der Grundmotor ist die Neugier. Was steckt hinter einem Ereignis oder einer Situation? Manchmal bestimmt die Aktualität das Agenda Setting, wie nach einem Erdbeben. Und oft entwickelt sich eine Fragestellung aus einem Text weiter, der in unserer Redaktion geschrieben worden ist. Interessiert mich eine Frage, sammle ich möglichst viele Informationen, um das Thema analysieren zu können. Im Idealfall folgt dann ein Gespräch mit dem Chefredaktor, mit dem ich erörtere, ob das von mir vorgeschlagene Thema machbar ist und ob es andere Themen gibt, die wichtiger wären.

Eine Abklärung vor der eigentlichen Recherche-Arbeit?
Genau. Im Idealfall hätte man für diese „Voruntersuchung” genug Zeit zur Verfügung. Praktisch muss diese gemacht werden, während ich noch an anderen Themen arbeite. Gerade die Vorbereitung für die Arbeit über die Flüchtlingslager auf Lampedusa hat viel Zeit erfordert. Aber ich konnte nicht drei Monate lang keinen Text abliefern. Ich war gezwungen, kleinere Zeitfenster zur Vorbereitung zu nutzen.

Kürzlich arbeiteten Sie an Verbindungen der Mafia mit den Windenergie-Firmen auf Sardinien. Drei Klicks im Internet hätten genügt, um die Verbindungen von Namen und Firmen nachvollziehen zu können, sagen Sie. Gestaltet sich der Anfang einer Recherche immer so einfach?
Nein, das war wohl ein Einzelfall. Da ich die ersten Indizien immer überprüfe, braucht das einige Zeit. Manchmal erhalte ich einen Hinweis oder habe eine Idee, überprüfe sie und erkenne, dass es in Wirklichkeit anders ist. In diesem Fall breche ich die Recherche ab. Wenn sich die anfänglichen Indizien bestätigen lassen, wähle ich als nächsten Schritt die Arbeitsmethode, die nicht immer gleich ist. Ich sammle weitere Unterlagen, und suche mögliche Zeugen, die mit oder ohne Namensnennung eine Aussage machen könnten. Wenn ich für wichtige Fakten die Quelle im Text nicht nennen kann, versuche ich das jeweils mit einer zweiten parallelen Recherche auszugleichen. Diese bringt mir weitere Indizien, die meine Geschichte stützen.

Für Sie ist es wichtig, sich auch vor Ort ein Bild zu machen. Was braucht es an praktischer Vorbereitung vor einer Reportagereise, wie jene auf Sardinien oder auf der Route der illegalen Einwanderer?
Bevor ich losfahre studiere ich genau die Situation des Ortes, an den ich mich begeben werde. Die physische Beschaffenheit des Geländes muss mir klar sein; häufig schaue ich mir das vorher mit Google Earth an. Bei der Recherche zu Lampedusa gab es Google Earth noch nicht – da bereitete ich mich mit Hilfe von Landkarten auf das Gelände vor. In dieser Vorbereitungsphase geht es auch darum, zu lernen, wie ich mich auf dem Gelände bewegen muss. Da ich häufig in heiklen Bereichen recherchiere, kommen dann auch rein logistische Fragen hinzu, wie: Wo kann ich essen, trinken und schlafen, was muss ich mitnehmen? Dann muss ich natürlich auch im Voraus wissen, wie ich mich mit der Redaktion in Verbindung setzen kann.

Wie arbeiten Sie vor Ort?
Mit dem Internet als multimediale Plattform ist es heute üblich, dass ich vor Ort fotografiere und manchmal auch Videoaufnahmen mache. Beispielsweise als ich mich ins Ospedale Umberto I. von Rom einschleuste, machte ich Videoaufnahmen, um die hygienischen Mängel zu dokumentieren.

Nach der Recherche, dem Zusammentragen von Material: Wie wichtig ist die Schreibphase?
Sehr wichtig. Ein Journalist kann hervorragende „Feldarbeit” leisten – aber wenn er die Geschichte schlecht schreibt, bleibt es eine schlechte Geschichte. Ich verwende jeweils etwa zehn Prozent des gesammelten Materials; die 90 Prozent Material, die ich nicht verwende, brauche ich, um allenfalls beweisen zu können, dass die Fakten stimmen. Auf diese Weise verfüge ich über Informationen zu allen Gebieten, die mein Thema berühren und kann je nachdem auch ein anderes Unterthema weiterentwickeln. Die 90 Prozent Mehrarbeit sind auch wichtig um den Hintergrund einer Geschichte zu verstehen.

Wenn man Ihre Reportagen liest, hat man das Gefühl, der Mensch stehe im Zentrum Ihrer Geschichten.
Einer Geschichte ein menschliches Antlitz zu geben ist sehr wichtig. Ich versuche immer, die Auswirkungen der genannten Tatsachen auf das Leben der Menschen zu zeigen. Ich kann alle Fakten zusammentragen – aber erst wenn ich Personen sprechen lasse, wird die Geschichte verständlich. Ich muss mir während der Arbeit immer bewusst sein, dass ich Journalist bin und keinen Polizeirapport schreibe. Wenn ich verdeckt arbeite, bin ich natürlich verpflichtet, die Privatsphäre der Personen zu schützen und nenne keine Namen – ausser es sind Personen des öffentlichen Interesses.

Wie entscheiden Sie, ob Sie verdeckt arbeiten?
Ich arbeite nur undercover, wenn es wirklich nicht anders geht. In manchen Fällen war es nötig, mich in die betreffende Situation einzuschleusen, um sie wirklich erleben zu können; so etwa auf der Route der illegalen Einwanderer nach Europa. Es darf aber nicht sein, dass die verdeckte Recherche zur Pflicht wird, sonst verliert das Werkzeug der verdeckten Recherche an Bedeutung und der Journalist wird zu einer Art Zeichentrickfilm-Figur. Wenn die Methode nicht wirklich nötig ist, missbraucht man das Mittel der verdeckten Recherche.

Wie oft arbeiten Sie bei Ihren Recherchen verdeckt?
Meine Möglichkeiten, in Italien verdeckt zu arbeiten, sind ziemlich ausgeschöpft. Mein Gesicht ist inzwischen bekannt: Das Fernsehen hat mich eingeladen über meine Themen zu berichten. Ich stand vor einer schwierigen Entscheidung: Entweder ich lehne ab und schütze mein Gesicht oder ich sage zu und verteidige das Prinzip der Transparenz. Deshalb war es wichtig, hinzugehen und mich zu erkennen zu geben. Weil meine verdeckte Recherche auf den illegalen Transitrouten von Afrika nach Lampedusa weltweit Aufsehen erregte, ist es heute schwieriger für mich, in Auffanglagern von Immigranten zu recherchieren. Es gibt auch einen Scherz, der zirkuliert: „Achtung, das könnte Gatti sein!”

Wann haben Sie das letzte Mal verdeckt recherchiert?
Das war im Herbst 2009, als ich aufdeckte, wie die Ndrangheta-Mafia das Gesundheitssystem Kalabriens unterwandert.

Und wie war es, als Ihr Gesicht noch weniger bekannt war?
Vor diesen TV-Auftritten arbeitete ich etwa ein- oder zweimal pro Jahr undercover. Natürlich konnte ich mich verdeckt auf Lampedusa viel besser bewegen – auch, weil Journalisten grundsätzlich daran gehindert werden, in die Auffangzentren für Immigranten zu gelangen.

Mit Ihren Recherchen haben Sie sich zum Teil in Lebensgefahr begeben. Besteht Ihre Motivation darin, mit Ihrer Arbeit etwas verändern zu können?
Ein Journalist, der mit seiner Arbeit die Welt verändern möchte, ist meiner Meinung nach extrem gefährlich, da er zum Aktivisten wird. In dem Moment, in dem ich etwas ändern möchte, überschreite ich die Grenze des Beobachters, des Aussenstehenden. Ein Journalist hat kein Recht, die Realität zu verändern, denn er ist ein Einzelner und könnte irren. Ich bin mir aber bewusst, dass es Zustände gibt, die man anprangert, um eine mögliche Verbesserung herbeizuführen.

Was hat der Journalist für eine Rolle?
Ich muss dazu eine Vorbemerkung machen: Transparenz ist eines der grundlegenden Elemente der Demokratie. Erst durch Transparenz kann den Menschen die Freiheit garantiert werden, zu Erkenntnissen zu gelangen und sich eine Meinung zu bilden. Und das gibt den Bürgern das Recht auf eine Stimme an der Urne. Um zu Erkenntnissen zu gelangen, müsste jeder Bürger neugierig sein und sich informieren wollen. Der Journalist nimmt in einer Demokratie die Rolle des Stellvertreters aller Bürger ein; er ist neugierig und begibt sich an den Ort des Geschehens, um Zeuge von wichtigen Vorgängen zu werden. Diese Vorgänge vermittelt er dann.

Die Situation der Immigranten in Italien hat sich seit Ihrer Recherche auf Lampedusa nicht verbessert, eher verschlechtert. Ist das nicht deprimierend?
Von Zeit zu Zeit fühlt man sich als Journalist sicher niedergeschlagen. Aber nicht, weil man die Welt nicht verbessern konnte. Ich habe in „Bilal” an einer Stelle geschrieben: „Es ist die grösste Lüge, glauben zu machen, dass man alles mit Worten verändern könne.” Welche Antwort kann ein Journalist geben, der in einem Land lebt, das zwar eine Demokratie ist, jedoch illegale Einwanderer in den Tod schickt, weil es ein Abkommen mit Libyen getroffen hat? Ich möchte es so erklären: Einmal habe ich einem Kollegen per SMS zu einem Artikel gratuliert. Seine Antwort: „Auf diese Weise geben wir unseren Kindern eine bessere Welt.” Ich schrieb zurück: „Im Grunde weiss ich nicht, ob meine Arbeit die Welt verbessern kann. Aber zumindest werden unsere Kinder nicht sagen können, dass ihre Väter Komplizen waren.” Wenn ich schreibe, prangere ich an. Als einzelner kann ich nichts verändern – die Menschen müssen auf meine Berichte reagieren und etwas ändern wollen. Jede „inchiesta” („Untersuchung”) hat zwei Autoren: Denjenigen, der schreibt und denjenigen, der liest.

Worin sehen Sie Ihre persönliche Aufgabe als Journalist?
Ich möchte so vielen Menschen wie möglich das Werkzeug geben, um über mögliche Konsequenzen entscheiden zu können. Keiner sollte sich freigesprochen fühlen von der Pflicht zu wissen, was um ihn herum geschieht. Als Journalist spreche ich zu den Lesern als Zeuge. Ich habe aus egoistischen Gründen diesen Beruf gewählt, um aus erster Hand berichten, um gewisse Dinge mit eigenen Augen sehen zu können. Und dann stelle ich meine Arbeit zur Verfügung.

Bei den Recherchen zur Situation der Feldarbeiter in Apulien und über die Immigrantenwege in der Sahara haben Sie Ihr Leben riskiert. Wie gehen Sie mit Angst um?
Es ist gefährlicher, Lastwagenfahrer zu sein als Journalist. Angst ist wichtig, damit man Grenzen erkennen kann. Ohne Angst wäre man ein Fanatiker. Als Journalist, der auch verdeckt arbeitet, kennst du die Risiken und fährst trotzdem los: weil du glaubst, dass es wichtig ist, den Lesern zu erzählen, was an einem bestimmten Ort geschieht. Ich habe Berufskollegen, die nur noch mit Polizeischutz leben und arbeiten können. Jeder Italiener sollte mit dem Gedanken aufwachen, dass es Menschen gibt, die, um die Freiheit aller zu verteidigen, ihre eigene einschränken.

Wie schaffen Sie es, bei verdeckten Recherchen als falscher Immigrant oder Arbeiter Distanz zu den Leidensgenossen zu wahren?
Wenn auf der Reise durch die Sahara jemand geschlagen wurde, habe ich immer interveniert. Ich hatte meine Tricks, um die Gewalt ausübende Person abzulenken. Dadurch hat die Person aufgehört, die Flüchtlinge zu misshandeln. Als die Carabinieri die aus dem Meer gefischten Flüchtlinge als erstes geschlagen haben, hätte ich diese umgebracht, wenn ich eine Waffe gehabt hätte. Ich fühlte mich dazu legitimiert. Doch dadurch wäre ich wie sie geworden. Ich versuchte mich zu erinnern, dass ich in der Rolle des Journalisten, mit Worten, grössere Macht habe: Etwas ändern kann man nur dadurch, dass man die Menschen informiert. Wir müssen Ungerechtigkeiten anprangern in der Hoffnung, dass die Demokratie interveniere.

Eva Pfirter ist freie Journalistin in Bern.


Fabrizio Gatti, Reporter bei „L’espresso”
Man darf Fabrizio Gatti durchaus als Nummer 1 der investigativen Journalisten Italiens bezeichnen. Viele grosse Geschichten der letzten Jahre sind von ihm verfasst. Im deutschen Sprachraum bekannt wurde er durch sein Buch „Bilal ‒ als Illegaler auf dem Weg nach Europa”, in dem er seine Erlebnisse als eingeschleuster Journalist auf der Route der illegalen afrikanischen Einwanderer quer durch die Sahara bis ins Auffanglager auf Lampedusa beschreibt. Gatti recherchierte verdeckt über die katastrophalen Arbeitsbedingungen der meist illegalen Landarbeiter auf den Tomatenplantagen Apuliens („Io schiavo di Puglia”), er überschritt undercover mit Flüchtlingen aus Kosovo die Grüne Grenze der Schweiz, er schleuste sich als Arbeiter ins grösste Spital Roms ein und entdeckte dort erschreckende Zustände. Diesen Mai deckte er auf, dass die in Sardinien produzierte Windenergie nur ökologisch sauber, ökonomisch aber in den Händen der Mafia ist. Bekannt geworden ist Gatti auch wegen seiner Undercover-Recherchen, aber er arbeitet immer weniger mit dieser Methode. Gatti hat für seine Arbeit mehrere Auszeichnungen erhalten, so 2006 den „Journalist Award” für seine Reportage in Apulien.
Fabrizio Gatti wurde 1966 in Como geboren und arbeitete bei „Il Giornale” und dem ”Corriere della Sera” bevor er 2004 zum Nachrichtenmagazin „L’Espresso” wechselte. Der „Wallraff Italiens” ist fast permanent unterwegs und schwierig zu erreichen. Doch im Gespräch mit EDITO nimmt er sich viel Zeit und zeigt keinerlei Starallüren. Bei fast allen Fragen spannt Gatti einen philosophischen Bogen zu wichtigen Grundfragen unserer Zeit.

Fabrizio Gatti lebt in Mailand und arbeitet in Mailand und Rom.

© EDITO 2010


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