Das World Wide Web ist auch für Schweizer Journalisten erster Anknüpfungspunkt für Recherchen. Wie verwaltet man die Informationen, über die man bei solchen Streifzügen stolpert? Von Peter Sennhauser
Seit Erfindung des Web gibt es in jedem Browser die Lesezeichen- oder Bookmark-Funktion. Hier können Website-Adressen unter einem erklärenden Namen gespeichert, geordnet und leicht wieder aufgerufen werden. Vor dem Siegeszug der Suchmaschinen war diese Funktion unerlässlich. Für die ernsthafte Recherche ist sie es heute noch. Deswegen lohnt es sich, Adressen effizient zu verwalten. Dazu braucht man eine strikte Strategie und die richtigen Werkzeuge.
Die Strategie. Das ist nötig, weil es verschiedene Gründe für das Speichern von Lesezeichen gibt: Die fast täglich genutzten Sites, beispielsweise im verlagseigenen Intranet; kleine, immer mal wieder benutzte Internet-Werkzeuge oder Informationsseiten, die man langfristig verfügbar haben möchte, und Fundstücke für die spätere Auswertung. Für die erste Kategorie sollte man sich eine Linkleiste in der Kopfzeile des Browsers anlegen, in der aber höchstens ein Dutzend der absolut wichtigsten täglich genutzten Sites liegen. Auch beim Anlegen der übrigen Lesezeichensammlung sollte man eine Inflation vermeiden und nur speichern, was man wahrscheinlich nicht mehr fände.
Die Werkzeuge. Die Lesezeichensammlung im Browser ist dazu inzwischen die schlechteste Wahl: Sie wird schnell chaotisch, steht nur an einem Rechner zur Verfügung (oder muss mühsam zwischen verschiedenen Rechnern und Smartphones synchronisiert werden – mit Helfern wie XMarks.com) und kann nicht oder sehr schlecht mit KollegInnen „geteilt” werden. All das geht online viel besser – was man zur Nutzung und Speicherung von Links ohnehin sein muss. delicious.com ist das bekannteste System. Bei ihnen legt man sich ein privates Konto an und speichert fortan die Lesezeichen. Die zu Hause am PC entdeckten Seiten stehen so auch unterwegs am Notebook und im Büro zur Verfügung. Wer bereits eine lokale Lesezeichensammlung besitzt, kann sie in den meisten der Online-Dienste importieren. Es lohnt sich, die verschiedenen Angebote zuerst auf eigene Präferenzen abzuklopfen, sich für eines zu entscheiden und danach konsequent dabei zu bleiben. Die Unterschiede bestehen in der Systematik und anderen Details; delicious.com setzt auf eine Verschlagwortung („Tags”) aller Lesezeichen, furl.com bietet eine Ordnerstruktur. Beides hat Vor- und Nachteile: Tags setzen eine geeignete Sammlung an Schlagwörtern voraus, Ordner verlangen eiserne Disziplin. Zum schnellen Anlegen der Bookmarks bieten die meisten Dienste ein Plugin für den Browser; die grossen sind ausserdem auf vielen Websites direkt als Knopf integriert – ein Klick, und die Site ist in den eigenen Bookmarks verzeichnet. Die Vorzüge anderer Dienste: mento.info ist auf das Weitergeben von Lesezeichen in der Gruppe (Social Bookmarking) spezialisiert. diigo.com ist ideal für Notizen direkt in den Sites und hat eine praktische Mobilansicht für Smartphones. Es lohnt sich, zwischen persönlichen Lesezeichen und Fundstücken als eigentlichen Aufgaben zu unterscheiden, am besten, indem man für jedes einen andern Dienst nutzt. Typische Aufgaben-Dienste sind rememberthemilk.com (eigentliche Task-Verwaltung mit vielen Funktionen). Eine explizite Ablage für Fundstücke ist readitlaterlist.com.
Surfbrett Babelfish & Co. IM WEB LASSEN SICH INHALTE IMMER BESSER ÜBERSETZEN Auch wenn die Resultate noch immer vielfach zu Erheiterung Anlass geben: Die maschinelle Sprachübersetzung ist inzwischen zu einem brauchbaren Werkzeug geworden, mit dem sich zumindest der Inhalt einer fremdsprachigen Website ermitteln lässt. Yahoos Babelfish und Googles Sprachdienste sollte man zwar nicht benutzen, um geschäftliche Korrespondenz zu übersetzen ‒ aber um sich auf einer französischen, chinesischen, japanischen oder koreanischen Website umzusehen, reichen die Ergebnisse allemal. Google wie Babelfish übersetzen sowohl vom Benutzer erstellte oder ausgeschnittene Texte via Copy-Paste, aber auch ganze Webseiten, wozu man lediglich die Site-Adresse, Ursprungs- und Zielsprache eingeben muss.
Wer Englisch beherrscht, ist im Vorteil ‒ denn viele Sprachen lassen sich nur auf Englisch übersetzen. Eine weitere Übersetzung ins Deutsche führt zu Ergebnissen, wie man sie vom Telefonspiel aus dem Kindergarten kennt.
Wer statt nach einem groben Inhaltsabriss nach einem ganz bestimmten Ausdruck in einer andern Sprache sucht, kann Wikipedia „missbrauchen”: dort sind die Einträge der verschiedenen Sprachen verknüpft. Eine Suche zum Beispiel nach „Prager Fenstersturz” zeigt links neben dem deutschsprachigen Eintrag eine anklickbare Liste aller andern Sprachen, in denen es dazu einen Artikel gibt ‒ „Defenetration de Prague” auf französisch etwa. Das funktioniert auch umgekehrt, wenn man Wikipedia in der Ursprungssprache aufruft, den Begriff sucht und links auf „german” klickt: engl. „Bobcat” = Rotluchs.
www.google.ch/language_tools?hl=de http://babelfish.yahoo.com http://wikipedia.org
Peter Sennhauser ist Chefredaktor von www.blogwerk.com, die auch medienlese.com herausgibt.
© EDITO 2009 |