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Lokaljournalismus ist wichtig – sein Prestige allerdings nicht hoch. Das MAZ lanciert ein Projekt, das Lokaljournalisten vernetzten und unterstützen soll.
Von Eva Pfirter

Wenn das Sommerloch droht, sind besonders die Lokalressorts unter Druck: In der Gemeinde sind Sommerferien, gewählt wird erst wieder im nächsten Jahr und nicht einmal der Tennisclub bestreitet Turniere. „Im Lokalressort müssen wir uns alles selber erarbeiten”, sagt Walter Däpp, langjähriger Reportageschreiber beim Berner „Bund”. Wenn es deutschen Lokaljournalisten in diesen Wochen an Ideen für Sommerserien mangelte, konnten diese sich auf der Internet-Seite der „drehscheibe” bedienen: Monatlich werden hier die witzigsten Ideen aus dem Regionaljournalismus aufgeschaltet und zur weiteren Verwendung angeboten. Ausserdem finden sich Tipps und Tricks, um der Routine im Redaktionsalltag zu entgehen. Nicht umsonst heisst das Forum „Aus Lokalredaktionen – für Lokalredaktionen”.
Berthold L. Flöper, Leiter des Lokaljournalistenprogramms der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung, sagt: „Über die ‚drehscheibe’ vernetzten sich Lokalredakteure und -redakteurinnen, die aussergewöhnliche journalistische Ideen und Konzepte haben.” Erfahrene Journalisten wählen diese aus und stellen sie ins Forum. „Nachahmen ausdrücklich erwünscht!” lautet das Motto der „drehscheibe”. Denn: Eine gute Geschichte aus Glücksstadt könnte auch die Kollegen aus Weil am Rhein inspirieren.
Flöper sagt: „Kein Lokalredaktor braucht sich vor den überregionalen Qualitätszeitungen zu verstecken.” Die „drehscheibe” zeige, dass Qualitätsjournalismus in den Lokalredaktionen produziert und gelebt werde. Das stärkt das Selbstbewusstsein von Lokalredaktionen.

Lokales als Sprungbrett. Zumindest in der Schweiz gilt die Lokalredaktion noch immer als Sprungbrett in andere Ressorts oder als „Durchlauferhitzer”. Nur selten ist das Lokalressort Karriereziel von jungen Journalisten – viel häufiger wird „Auslandkorrespondent” als Berufsziel genannt. Markus Eisenhut, Chefredaktor des „Tages-Anzeiger”, bestätigt diesen Eindruck: „Lokaljournalismus gilt in der Branche leider immer noch als minderwertig.” Zu unrecht, findet Sylvia Egli von Matt, Leiterin der Journalistenschule MAZ. Sie ist überzeugt, „dass das Lokale wichtiger wird, je globaler wir agieren müssen. Das Lokale bietet Heimat und Sicherheit.” Diese These bestätigt Jörg Meier, Autor und Ausbilder bei der „Aargauer Zeitung”. Er stellt fest, dass das Bedürfnis nach Informationen aus dem unmittelbaren Lebensumfeld zugenommen hat. „Guter Lokaljournalismus bildet meine kleine Welt ab, die ich verstehe, die ich mitgestalten kann.” Ähnlich argumentiert Colette Gradwohl, Chefredaktorin des „Landboten”: „Lokaljournalismus schafft ein Stück Heimat.”

Lokaljournalismus ist anspruchsvoll. Auch aus wirtschaftlicher Perspektive betrachtet wird der Lokaljournalismus – gerade in der Krise – immer wichtiger: „Das Lokale ist – noch – eine google-verschonte Nische”, sagt Egli von Matt. Auch Jörg Meier ist überzeugt, dass sich mit gutem Lokaljournalismus nach wie vor Geld verdienen lässt. In der Regionalberichterstattung hat die Zeitung noch immer eine sehr starke Position: Kaum ein Medium informiert Tag für Tag so umfassend darüber, was im eigenen Dorf geschieht, wie die Lokalzeitung, und auch die Agentur kann diese Chronik des lokalen Geschehens nicht bieten. Wohl auch deshalb schützten und stützten lokale Inserenten die Regionalzeitungen, sagt die MAZ-Direktorin. Und Meier findet sogar: „Verleger, die jetzt nicht auf die Karte Lokales setzen, handeln fahrlässig.”
Auch Eisenhut hält Lokaljournalismus für bedeutsam – das Lokale sei nach wie vor ein „wichtiges Standbein” des „Tages-Anzeiger”. Allerdings wurde auch in seinen Regionalredaktionen stark abgebaut. Im Neukonzept würden die Regionalberichte nun ins Hauptblatt gemischt und so aufgewertet, sagt Eisenhut. Der Redaktionsleiter des „Tages-Anzeiger” hält Lokaljournalismus für eine Herausforderung.: „Es braucht Mut, dem Metzger, dessen Sohn mit der eigenen Tochter zur Schule geht, auf die Finger zu schauen und ihn als Betrüger zu entlarven.” Auch Medienwissenschaftler Roger Blum sagt: „Kritik aus der Ferne ist leicht. Die Kritik und Kontrolle an Ort und Stelle, wenn die Medienschaffenden mitten im Geschehen sind, ist sehr schwer.”
Sylvia Egli von Matt möchte den Lokaljournalismus stärken und thematisiert ihn am 4. MAZ-Podium (siehe Box). Eine These dabei ist, dass man besser vom „Lokalen im Journalismus” spricht als von „Lokaljournalismus”. Wenn das Lokale künftig so dominant interessiert, muss es noch mehr als bisher gelingen, die Themen der weiten Welt, die unsere Täler und Dörfer angehen, in das lokale Umfeld zu transponieren.”
Die These impliziert, dass es sich bei lokalem Journalismus um anspruchsvollen Journalismus handelt. In keinem anderen Ressort wird man von Publikum und Akteuren so stark kontrolliert wie im Lokalen, ist man einem ständigen Balanceakt zwischen Nähe und kritischer Distanz ausgesetzt. Colette Gradwohl sagt, Lokaljournalismus sei Präzisionsarbeit: „Jedes Detail ist kontrollierbar, jede Kritik muss belegt und begründet sein.” Auch Flöper ist überzeugt, dass sauberes Handwerk unerlässlich sei: „Die Leser wollen seriöse Berichterstattung, gut recherchierte Beiträge und Meinung.”
Die grosse Nähe hat seinen Reiz. Dieter Kohler von SR DRS, der aus dem Bundeshausstudio in die Region wechselt und ab dem 1. November das Regional-Journal Basel leiten wird, schätzt es, „dort Journalismus zu machen, wo es die Leute am nächsten betrifft”. Markus Eisenhut nennt das Lokale im Journalismus „harte Knochenarbeit im eigenen Lebensraum”. Vielleicht forderte deshalb der deutsche Journalist und langjährige Leiter der Henri-Nannen-Schule, Wolf Schneider, schon vor Jahren: „Die besten Journalisten gehören ins Lokale”.

Schweizer „Drehscheibe”? Lokaljournalismus könne nur gestärkt werden kann, wenn die Verlage und Chefredaktoren erkennen, dass er ein entscheidender Wert für das eigene Medium darstellt, sagt Walter Däpp. Ein wichtiger Punkt sind die Arbeitsbedingungen: „Wenn Lokaljournalismus nicht Verlautbarungsjournalismus sein soll, dann braucht es Zeit.” Um die Atmosphäre bei einem Bauern im Berner Oberland einzufangen, könne man nicht einfach anrufen, sondern brauche Zeit, um hinzufahren und mit dem Bauern im Stall zu reden – Zeit, welche die Verlage heute den Lokalredaktionen immer weniger geben. Auch beim „Bund” ist im Lokalressort massiv abgebaut worden.
Jörg Meier von der „Aargauer Zeitung” fordert verbesserte Arbeitsbedingungen, einen anerkannten Ausbildungsgang für Lokaljournalismus und massgeschneiderte Weiterbildungsmöglichkeiten für erfahrene Journalisten. Wichtig sei auch, dass die Bedeutung des Lokaljournalismus in der Öffentlichkeit besser wahrgenommen werde, findet Jörg Meier. Schliesslich sei die Regionalzeitung das einzige Medium, das über die Kampfwahl im Gemeinderat oder über das Referendum gegen das neue Schulhaus berichte. Berthold L. Flöper drückt es so aus: „Lokalredaktionen managen eines der kostbarsten Güter der Demokratie: Öffentlichkeit.” Die grösste Herausforderung sieht Flöper denn auch in der täglichen Arbeitsroutine: „Jeden Tag müssen relevante, spannende Themen gefunden, das Blatt „gefüllt” werden. Der Druck ist hoch.” Genau an diesem Punkt müsste eine Schweizer „Drehscheibe” ansetzen und in einem ersten Schritt bewusst machen, dass Lokaljournalisten anspruchsvolle Arbeit leisten.
Dem MAZ-Mediapodium kommt nun die Aufgabe zu, abzutasten, ob in der Schweiz überhaupt das Bedürfnis nach einem Forum für Lokaljournalismus bestehe. Wenn ja, stellen sich weitere Fragen: Wäre eine Vernetzung der Regional- und Lokalzeitungen in der Schweiz sinnvoll und machbar? Wäre eine Zusammenarbeit mit der „drehscheibe” denkbar? Oder braucht es eine „Schweizer Lösung”?

Eva Pfirter ist freie Journalistin in Bern.


Debatte
MAZ STARTET INITIATIVE FÜR „DAS LOKALE IM JOURNALISMUS”
„Das Lokale im Journalismus – DAS Allerheilmittel, DIE Überlebenschance?” hat das MAZ-Medienpodium '09 vom 1. September die Renaissance des Lokaljournalismus thematisiert: „Weil wir in einer immer globalisierteren Welt leben, wird plötzlich wieder wichtiger, was im nahen Umfeld geschieht. Den Lokalnachrichten wird eine gute Zukunft prognostiziert. Wie jedoch sollen die Lokalnachrichten aufbereitet werden, wie gelingt es, aus dem regionalen Fokus den Blick auf die ‚übrige’ Welt zu lenken?”
Am Mediapodium kamen Praktiker zu Wort, wurden innovative Möglichkeiten aufgezeigt und das Projekt „Drehscheibe Schweiz” zur Förderung der Qualität im Lokalen vorgestellt. Dazu gab es Beiträge von Paul-Josef Raue, Chefredaktor „Braunschweiger Zeitung”, Matthias Bärenfaller, Radio Rottu, Michal Dostal, Ludwigshafen, Berthold L. Flöper, Leiter des Lokaljournalistenprogramms des Bundeszentrale für politische Bildung, und Jörg Meier, „Aargauer Zeitung”.
Das MAZ-Medienpodium wird in Zusammenarbeit mit EDITO weitergeführt: In den kommenden EDITO-Ausgaben werden Thesen zur Stärkung des Lokaljournalismus debattiert (Beiträge erbeten an redaktion@edito-online.ch).

www.drehscheibe.org
www.maz.ch
www.edito-online.ch

Wolf Schneider, Das neue Handbuch des Journalismus,
10. Auflage 2008, Rowohlt

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