Es kracht gewaltig im Gebälk des Zürcher Verlagshauses Tamedia, wo nicht nur abgebaut, sondern auch redaktionell umgebaut wird. Neue Chefredaktion, neue Konzepte, neue Ansprüche – aber ein Viertel weniger Personal. Kann das gut gehen? EDITO hat sich bei den Mitarbeitenden von „Tages-Anzeiger” und „Bund” umgehört. Ein Lagebericht von der Grossbaustelle. Von Judith Arnold
Beim „Tages-Anzeiger” wird ein Viertel der Belegschaft entlassen. Wie mit den verbleibenden Redaktoren die gleiche Qualität erbracht werden soll, sei völlig unklar, meint Michel Wenzler von der Regionalredaktion für das rechte Zürichsee-Ufer. Natürlich könne man mit weniger Leuten einfach weniger Umfang liefern. Das Problem sei aber die Breite, so Wenzler: „Wenn der Umfang reduziert wird, müssen wir stark selektionieren. Und ob wir dann noch mit der regionalen Konkurrenz mithalten können, ist fraglich.” Laut Tamedia sollen jetzt alle regionalen Informationen zu einem Zeitungsbund zusammengeführt und die Regionalisierung des „Tages-Anzeigers” damit gestärkt werden. Doch Erwin Haas, bisheriger Leiter der Regionalredaktion für das rechte Zürichsee-Ufer, will das neue Konzept nicht mittragen und hat das Handtuch geworfen: „Wie man mit weniger Personal besseren Regionaljournalismus machen kann, ist mir ein Rätsel”. Unzufrieden ist Haas auch mit dem Vorgehen: „Beim Start der Regionalausgaben 2006 hat man von einer Projektphase von mindestens fünf Jahren gesprochen und neue Leute geholt. Jetzt stellt man sie auf die Strasse”, so Haas. „Zudem hat es im Haus Tamedia noch nie einen publizistischen Umbau von diesem Ausmass gegeben, bei dem die Meinung der Redaktion so wenig gefragt war.”
Bundeshausredaktion als Schnittstelle. Beim „Bund” sind die Ressorts Inland, Wirtschaft, Sport und Kultur am meisten vom Abbau betroffen, da im neuen Mantel die überregionalen Nachrichten künftig von Zürich geliefert werden. Das Mantel-Konzept von „Tages-Anzeiger” und „Bund” ist die grosse Neuerung im Verlagshaus Tamedia. Den Kern bildet dabei die gemeinsame Bundeshausredaktion. Als neuer Leiter wurde Martin A. Senn ernannt, bisher stellvertretender Chefredaktor der „NZZ am Sonntag”. Senn wird nicht nur die Bundeshausredaktion leiten, er wird auch in der Chefredaktion beider Tageszeitungen Einsitz nehmen. Damit bildet er ein Scharnier zwischen Zürich und Bern und hat die Aufgabe, grösstmögliche Synergien zu schaffen, ohne die Eigenheiten der beiden Zeitungen ausser Acht zu lassen. Die Zusammensetzung der Bundeshausredaktion wird voraussichtlich nahezu paritätisch mit Redaktoren beider Zeitungen besetzt sein: mit drei Leuten vom „Bund” und mit zwei bis drei Leuten vom „Tages-Anzeiger”. Wie Christoph Zimmer, Mediensprecher der Tamedia, bestätigt, ist die neue Bundeshausredaktion ein Teil der „Bund”-Redaktion, und nicht der Inlandredaktion des „Tages-Anzeigers”. Doch ob dem „Bund” tatsächlich mehr Befugnis zukommen wird, als der neuen gemeinsamen Redaktion die Büros zur Verfügung zu stellen, darüber herrscht unter den Redaktoren der beiden Zeitungen Skepsis.
Bestimmt Zürich oder Bern? Grundsätzlich betrachtet Verena Vonarburg, Bundeshausjournalistin beim „Tages-Anzeiger”, den gemeinsamen Mantel als Chance, da der „Bund” nun vom grossen Netzwerk des „Tages-Anzeigers” profitieren könne. „Auf der anderen Seite ist es aber wahrscheinlich, dass die Inlandberichterstattung künftig in beiden Blättern nahezu dieselbe sein wird”, so Vonarburg. Eine Gefahr für die Vielfalt der politischen Kommunikation in der Schweiz sieht sie darin aber kaum: „Der ‚Tages-Anzeiger’ hat ein gut ausgebautes regionales Korrespondentennetz, das die regionalen Perspektiven einbringen wird. Zudem werden regionale Blätter wie der ‚Bund’ von einem überregionalen Mantel entlastet und können ihre Stärken im Lokalen ausspielen.” Das bestätigt Brigitta Niederhauser, Co-Leiterin des Ressorts Kultur beim „Bund”. Zwar bedauert sie sehr, dass langjährige, hoch qualifizierte Kollegen und Kolleginnen entlassen wurden und die Stelle der Kunstredaktorin ganz gestrichen wurde. Doch im Mantel-Konzept sieht sie auch eine Chance, dass der „Bund” nun an der Kulturberichterstattung des „Tages-Anzeigers” teilhaben kann: „Das könnte für uns eine Fokussierung auf Bern bedeuten, weil wir dafür mehr Kapazitäten haben.” Als Gewinner des neuen Mantel-Konzepts mag sich Bernhard Ott, Leiter des Ressorts Stadt & Region Bern, aber nicht verstanden wissen: „Auch im Regionalteil des ‚Bund’ hat es Entlassungen gegeben. Wir müssen mit weniger Leuten bessere Qualität abliefern. In diesem Zusammenhang fällt es mir schwer, von einer Chance zu reden. Es ist eine riesige Herausforderung.”
Eine Frage der Identität. Die Zukunft des „Bund” werde davon abhängen, ob er seinen Charakter bewahren kann, ist „Bund”-Autor Richard Aschinger überzeugt: „Eine bernische Titelseite und ein eigener Regionalteil genügen da nicht.” Der „Bund” brauche eine Redaktion mit der Kapazität und dem Willen, auch mit vom „Tages-Anzeiger” gelieferten Texten in Inhalt und Stil eigene Wertungen zu setzen. Im Idealfall entstünden aus weitgehend gleichem Material zwei Zeitungen mit mehr als nur verschiedenen Gesichtern. Das sei auch im Interesse der Tamedia, meint Aschinger: „Nur wenn der ‚Bund’ seine Identität bewahrt, wird er in Bern erfolgreich verkauft. Und nur dann könnte Tamedia das ‚Bund’-Modell in ihrem Werben um eine Kooperation auch mit der ‚Basler Zeitung’ als Empfehlung vorweisen.” Ob also die Kooperation von „Tages-Anzeiger” und „Bund” eine Stärkung oder eine Schwächung der regionalen oder nationalen Berichterstattung mit sich bringt, darüber gehen die Meinungen auseinander. Als Grundtenor herrscht vor, dass es keine leichte Aufgabe sein wird, mit weniger Ressourcen die Qualität zu halten oder gar zu steigern, wie das Tamedia Verwaltungsratspräsident Pietro Supino vorschwebt.
Qualität kostet Geld. „Letztlich muss es darum gehen, dass die Arbeitsplätze bei Tamedia langfristig gesichert sind”, sagt Bruno Schletti, Wirtschaftsredaktor beim „Tages-Anzeiger”. „Wir wollen weiterhin eine publizistisch gute Zeitung machen, aber unter dem Strich darf sie keine roten Zahlen schreiben. Denn nur eine wirtschaftlich gesunde Zeitung garantiert publizistische Unabhängigkeit.” Nach Schletti ist Quantität zudem keine Garantie für Qualität: „Es ist nicht zwingend so, dass diejenigen Redaktionen mit den meisten Journalisten die besten Zeitungen machen. Aber als Journalist weiss ich natürlich, wie aufwändig Recherchierarbeit ist”, räumt Schletti ein. „Qualität im Journalismus kostet schlicht und einfach Geld. Und hier stellt sich die Frage: Ist dieses Geld locker zu machen oder nicht.” Viele von EDITO kontaktierte Redaktorinnen und Redaktoren des „Tages-Anzeigers” möchten sich nicht öffentlich äussern. Aber sie reden von grössten Bedenken, ob mit der ausgedünnten Belegschaft die notwendige Qualität weiterhin erbracht werden könne. Viele – nicht nur Entlassene – äusserten Wut und Enttäuschung über den Abbau.
Judith Arnold ist freie Journalistin in Zürich
Beim „Tages-Anzeiger” werden 22 Prozent der Belegschaft abgebaut. Das sind 50 Vollzeitstellen oder laut einer internen Rechnung der Personalkommission 88 betroffene Personen. Davon sind 50 Kündigungen oder Frühpensionierungen, der Rest sind Pensenreduktionen. Die Redaktionen sind unterschiedlich vom Abbau tangiert: Am stärksten trifft es die Ressorts Kanton und Stadt Zürich sowie die vier Redaktionen der Regionalausgaben, wo insgesamt 26 Vollzeitstellen gestrichen werden. Beim Berner „Bund” betrifft der Stellenabbau sogar beinahe einen Drittel der Redak-tion oder 14 Vollzeitstellen - darunter langjährige Mitarbeitende, die den „Bund” geprägt haben.
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