Ronnie Grob, Frühaufsteher und Themensammler EDITO stellt Schweizer Medienschaffende vor, die im Ausland arbeiten. Zum Beispiel Ronnie Grob, Onlinejournalist in Berlin. Er durchforstet das Internet nach Medienthemen. Von René Martens
Jahre lang hat Ronnie Grob „im kaufmännischen Bereich” sein Geld verdient, wie er sagt, „mit Hilfsarbeiten im Büro, Sekretariatstätigkeiten und als Teilzeitkraft”. Das ist gewiss eine ungewöhnliche Vergangenheit für jemanden, der zu einer relevanten Grösse im deutschsprachigen Medienjournalismus geworden ist. Für das Zürcher Unternehmen Blogwerk erstellt er seit 2006 die Rubrik „6 vor 9”, eine kommentierte Liste der nach seiner Ansicht relevantesten medienjournalistischen Links des Tages. Er durchforstet die deutschsprachigen Websites, seien es Tageszeitungsableger oder Blogs, nach entsprechenden Beiträgen, und verlinkt auch englische und amerikanische Texte.
Entdeckungen für den Leser. Weil seine tägliche Kolumne um morgens um sechs Minuten vor neun fertig sein muss, steht Grob zu einer Uhrzeit auf, die für Journalisten gewöhnungsbedürftig ist. „6 vor 9” versteht sich nicht als Aggregator von Medien-News, erst recht nicht als weiterer Branchendienst. „Tiefgründiges” will Grob bieten, auf Quellen verweisen, die der Leser ohne ihn nicht entdeckt hätte. Sechs medienkritische Links auszuwählen, fällt ihm aber mittlerweile schwer – weil sich teilweise zwanzig gute pro Tag aufdrängen. „Das war beim Start der Rubrik noch ganz anders.” Mehr als sechs Links will er trotzdem nicht bieten, weil man sonst dem Nutzer einen zu hohen Zeitaufwand abverlangte. Seine Idealvorstellung ist, dass die Leser eine halbe Stunde bei „6 vor 9” verweilen. Die Rubrik sei gut geeignet für die „9.30-Uhr-Kaffeepause”, sagt er. Seit April 2007 arbeitet Ronnie Grob nicht mehr in Zürich, sondern von Berlin aus. In der Schweiz kann man sich als Mitarbeiter eines Start-up nicht so leicht über Wasser halten, in der deutschen Hauptstadt dagegen sind die Lebenshaltungskosten auch im nationalen Vergleich gering. „Aus dem Penny-Supermarkt gehe ich für 15 Euro mit zwei vollen Taschen raus. In der Schweiz müsste ich fürs Gleiche 30 bis 40 Euro zahlen”, sagt er. Eine der Alternativen zu Berlin war damals Goa – grundsätzlich wäre das möglich gewesen, weil es für viele Menschen, die im Internet publizieren, nicht darauf ankommt, an welchem Ort der Erde sie sich aufhalten. „Aber wenn ich den ganzen Tag Englisch gesprochen hätte mit Leuten, die noch schlechter Englisch sprechen als ich, hätte sich das vermutlich nicht positiv auf meinen Schreibstil ausgewirkt.” Dass er statt dessen „jeden Tag sogenanntes Hochdeutsch spricht”, sei ein positiver Einfluss.
Blog dank Spenden. Zunächst war „6 vor 9” Teil des Blogs medienlese.com, das Blogwerk seit Mai aus wirtschaftlichen Gründen aber nicht mehr in seiner ursprünglichen Form betreibt. Die Kolumne „6 vor 9” lebt trotzdem weiter. Ein Spendenaufruf des Blogs massenpublikum.de, der innerhalb von drei Tagen 2000 Euro einbrachte, trug dazu bei, dass Grob erst einmal weiterbezahlt werden kann. Das vermeintliche Defizit, weder eine Ausbildung als Journalist, geschweige denn ein Studium vorweisen zu können, erwies sich beim Bloggen für „Medienlese” eher als Vorteil. Grob hatte „den unverstellten Blick eines Lesers”, auf die Befindlichkeiten der Branche konnte er keine Rücksicht nehmen, weil er sie anfangs gar nicht kannte. Dass Blogger den Drang haben, etwas sofort zu kommentieren – für viele Journalisten ist das immer noch ungewohnt. „Die finden es schrecklich, dass sich jemand kritisch über ihre Arbeit äussert, ohne sie vorher angerufen zu haben.” Weil sich Grob täglich mit dem journalistischen Output aller deutschsprachigen Länder beschäftigt, fällt ihm auf, dass der „Schweizer Journalismus höflich und zurückhaltend, manchmal auch langweilig ist, der deutsche dagegen in der Regel etwas zackiger.” Der Onlinejournalist findet es symptomatisch, dass es in der Schweiz „keinen harten Boulevardjournalismus” gibt. Die Journalisten, die in diesem Bereich arbeiteten, glaubten, sie sässen mit den Prominenten in einem Boot, und verhielten sich entsprechend freundlich. „Wenn ich die Wahl habe zwischen einer deutschen Boulevard- und einer Schweizer Gratiszeitung, entscheide ich mich für erstere”, sagt er. Das Berliner Boulevardblatt „B.Z.”, das Grob oft im Kebab-Laden liest, sei beispielsweise „manchmal gut gemacht und witzig” – eine Perspektive, die nur ein Zugereister einnehmen kann. Für einheimische Journalisten ist die „B.Z.” eine kaum erträgliche Krawallzeitung. Die Existenz von „6 vor 9” ist noch bis Oktober gesichert. Wenn alles gut läuft, ist bis dahin ein Käufer für medienlese.com gefunden. Klappt das nicht, könnte es sich für Ronnie Grob wieder als Vorteil erweisen, dass er nicht im Journalismus verwurzelt ist. „Dann arbeite ich halt wieder in einem ganz normalen Büro.”
Bisher in der Serie „Söldner” erschienen: Mathieu von Rohr (Spiegel), Nikolaus Gelpke (mare).
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