Absender: Thomas Oberer, Korrespondent von Radio DRS in Brüssel
Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Brüssel ist chaotisch, kompliziert, hässlich – aber eben auch multikulturell, spannend und an vielen Ecken wunderschön. Wer hier auf Kurzvisite weilt, wie die vielen Lobbyisten, sieht davon wenig. Lässt man sich jedoch auf Brüssel ein, bekommt man viel zurück. Eine Art Mikrokosmos dieses Brüssels ist der kleine Laden bei mir an der Ecke. Er ist 365 Tage im Jahr geöffnet, von morgens um sechs bis abends um zehn. Das kleine Geschäft ist vollgestopft bis unter die Decke. Es gibt fast alles. Und was es nicht gibt, das besorgen sie einem. Dicklich und ein wenig mürrisch sitzt der flämische Patron hinter der Kasse und dirigiert seine Angestellten. Passt ihm etwas nicht, dann sagt er es laut und deutlich. Ob die Kunden dabei zuhören, ist ihm ziemlich egal. Seine Beschäftigten sind eine echte Brüsseler Mischung: französischsprachige Wallonen, niederländischsprachige Flamen und Zugezogene aus Nordafrika. Ihre Arbeit ist stressig – aber ihnen kommt kaum je ein gereiztes Wort über die Lippen. Im Gegenteil: Sie haben meist Zeit für einen kleinen Schwatz. All das wird mir fehlen, wenn meine Zeit als Korrespondent hier bald abgelaufen ist. Fehlen wird mir auch die Zusammenarbeit mit den anderen Journalisten in Brüssel. Mit den KollegInnen aus ganz Europa – ja aus der ganzen Welt. Brüssel hat sogar Washington überholt mit Blick auf die Zahl der festen Korrespondenten. Mehr als 1000 berichten aus der Hauptstadt Europas. An einem Gipfeltreffen können es schon mal 3000 werden.
Informationsflut. Zu Beginn meiner Brüsseler Zeit haben mich die Flut an Informationen und die Komplexität mancher Themen erschreckt. Aber schnell habe ich gemerkt: Auch hier kochen alle nur mit Wasser. Und ohne Zusammenarbeit geht gar nichts. Von Konkurrenzdenken unter JournalistInnen, wie ich es teilweise noch aus der Schweiz gekannt habe, ist in Brüssel wenig zu spüren. Beim gemeinsamen Essen mit Schweizer und ausländischen KollegInnen oder beim Feierabendbier tauscht man sich aus. Fragt nach, was denn im jeweils anderen Land so über dieses und jenes EU-Thema oder auch über die Schweiz gedacht wird. So formt sich mit der Zeit aus den vielen Puzzleteilen von Informationen ein Gesamtbild, ohne das man hier in Brüssel journalistisch nicht überleben könnte. Eines hat sich in den sechs Jahren, die ich hier war, verändert. Die EU ist gewachsen auf mittlerweile 27 Mitgliedsstaaten. Und mit ihr auch die Zahl der Journalisten. Es werden immer mehr – und dies belebt den journalistischen Betrieb. Die Kollegen aus den neuen Ländern sind neugieriger, sie hinterfragen mehr. Ihren Job erledigen sie noch nicht als Routine. Denn bei einigen Journalisten aus den alten EU-Ländern ist oft eine Art von Sarkasmus zu spüren. Nach dem Motto: Na ja – das haben wir alles schon mal gehört, ist eh alles langweilig. Man hat das Gefühl, sie sind selber zu einem Teil der Brüsseler Bürokratie geworden, die sie so heftig kritisieren.
Zweideutige Sprache. Eigentlich wollte ich ja mehr vom Leben in Brüssel erzählen. Brüssel muss auch für einen Korrespondenten nicht nur EU sein. Soeben wurde hier das Magritte-Museum eröffnet. Magrittes Werke gehören zwar nicht zu meinen Lieblingsbildern – aber sie sind so typisch belgisch. Es gilt im Brüsseler Alltag wie in Magrittes Bildern: Nichts ist hier, was es auf den ersten Blick zu sein scheint. Belgien ist wie ein Gemälde Magrittes: verwirrend absurd. Doch wo scheinbar nichts zusammenpasst, wird alles möglich. Da blüht die Fantasie und sprüht die Kreativität. Man muss in Brüssel immer alles ein wenig hinterfragen. Die Sprüche der Menschen sind oft zweideutig – und es ist besser, man hintersinnt sich ein wenig, bevor man antwortet. Aber genau dies macht den Charme dieser Stadt aus. Die Leute nehmen sich nicht so ernst. Die Brüsseler sind Meister der Selbstironie. Magritte und Delvaux konnten ihre doppeldeutigen Werke wohl nur hier schaffen. Doch von dieser Kreativität, diesem versteckten Anarchismus, ist in dem neuen Magritte-Museum nicht viel zu spüren. Es ist perfekt. Es hat die grösste Anzahl Magritte-Werke der Welt. Es wird wohl zum neuen Anziehungspunkt von Brüssel werden. Bis zu eine Million Besucher pro Jahr werden erwartet. Dennoch: Irgendwie ist dieses Museum zu glatt. Zu schön. Zu perfekt. Eine geölte Museumsmaschine. Die Brüsseler haben darauf rasch reagiert. In Anlehnung an Magritte sagen sie zweideutig: „Ceci n’est pas un musée!”
Charme statt Pracht. Wer Magritte liebt, fährt besser in den Vorort Jette. Dort findet sich im früheren Wohnhaus Magrittes ein zweites Museum. Magritte lebte in dem kleinen Reihenhaus zur Miete, als er noch keinen Erfolg hatte. Zusammen mit seiner Frau Georgette führte er bis zu seinem Tod ein Leben von geradezu unheimlicher Banalität. Er liebte es, unterzutauchen in der Anonymität der Vorstadt und pflegte seinen Alltag, als wäre er nur ein genügsamer Petit-Bourgeois aus Brüssel. Und das ist bis heute zu spüren. Das Museum in Jette ist das genaue Gegenteil des Magritte-Prachttempels in der Innenstadt: winzig, bescheiden, aber voller Charme. Wer es besuchen will, klingelt an der Türe. Dann macht jemand freundlich auf und bittet einen herein. Ich hatte bei meiner Reportage das Glück auf einen pensionierten Lehrer zu treffen. Mit Begeisterung erzählte er von Magritte, wie er selber als kleiner Bub dem Maler manchmal auf der Strasse begegnet sei: dem unscheinbaren, freundlichen Mann mit Regenschirm und Regenmantel und seinem Markenzeichen der schwarzen Melone auf dem Kopf – und natürlich mit seinem geliebten Hund Loulou. Aus diesen Erzählungen habe ich viel mehr über den Ursprung des Surrealismus und damit über die Eigenarten Belgiens erfahren als aus so manchem Buch. Sechs Jahre bin ich nun schon hier in Brüssel. An vieles habe ich mich gewöhnt. Aber jetzt habe ich meine grösste Hürde vor mir: Ich muss mich hier wieder abmelden. Legal möchte ich dies machen – wie es sich für einen Schweizer gehört. Meine Rechnungen noch bezahlen und die belgische Identitätskarte zurückgeben. Doch dies ist nicht einfach: Schon mehrere Male habe ich angerufen. Informationen wollte ich, was es denn alles zu tun gebe – doch schlauer bin ich bis heute nicht. Und immer wieder bekomme ich von belgischen Freunden den Rat: Geh doch einfach! Offizielle Briefe und Rechnungen – darum solle ich mich nicht kümmern. Ich sei ja dann im Ausland. Pas de problème. In solchen Momenten kommt mir immer wieder das Leitmotiv der Belgier in den Sinn: „La perfection n’est pas humaine.” Zugegeben, die Belgier machen es sich damit ein bisschen einfach. Aber es macht das Leben doch sehr viel leichter. Und sollte nicht so mancher, der gestresst und genervt durchs Leben geht, ab und zu daran denken? Und das Leben, die Arbeit, den Stress ein wenig relativieren? An eines werde ich mich besonders erinnern, wenn ich wieder zurück bin in der Schweiz. An den Moment des Abschieds in dem kleinen Magritte-Museum in Jette. Ganz zum Schluss hat mir der pensionierte Lehrer ein kleines Bild Magrittes gezeigt, das ihm besonders am Herzen lag. Es ist ein simpler Spruch: „Tout homme a droit à 24 heures de liberté par jour.” Das ist es, was ich von Brüssel mitnehme.
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