Warum sich Journalisten halt doch mit Facebook & Co. beschäftigen müssen. Von Peter Sennhauser
Journalisten waren einst die Menschen mit den grössten sozialen Netzwerken: Der Stolz eines Wirtschaftsjournalisten war sein Notizbuch mit den Privat-Telefonnummern der mächtigsten Manager. Heute stehen manche Teenager, die sich für ein Thema interessieren, in intensiverem Austausch mit Branchenleadern und führenden Experten als so mancher Fachjournalist. Das Zauberwort heisst „Soziale Netzwerke”. Ich kenne etliche Kollegen und Kolleginnen, die immer wieder über Facebook & Co. berichten – aber nirgendwo ein eigenes Profil eingerichtet haben. Auf die Frage, warum das so ist, heisst es jeweils: Ich stehe zu sehr in der Öffentlichkeit; ich will nicht so viel über mich preisgeben; ich habe keine Zeit für Internet-Plaudereien. Alle drei Argumente sind aus professioneller Sicht völlig verfehlt: Journalisten sind Vermittler von Öffentlichkeit und keine Prominenz, sie müssten deswegen so sichtbar und ansprechbar sein wie möglich.
Gesprächspartner. Wer im Internet versucht, ein flaches Profil zu wahren, wird schnell die Erfahrung machen, dass andere über das bestimmen, was via Google über ihn in Erfahrung zu bringen ist. Dabei handelt es sich in den seltensten Fällen um schmeichelhafte Dinge. Als Publizistin kritischer Medienbeobachtung hatten wir bei Blogwerk AG mehr als eine Anfrage nicht ganz unbekannter Journalistinnen mit der Bitte, ihren Namen aus Texten zu löschen: Die hatten rasch die Trefferliste für die Suche nach dem Namen der Betroffenen angeführt. Das würde nicht passieren, wenn die Autoren eine ähnliche Online-Präsenz hätten wie in jenen Medien, in denen sie als Prominenz gelten. Schliesslich: In den Netzwerken wird nicht nur geplaudert. Niemand muss Smalltalk machen. Wer aber etwas zu sagen hat, fällt auf und findet rasch interessante Gesprächspartner. Dabei muss niemand aktiv nach diesen suchen: Die Verknüpfung und Verbindung durch Vorschläge übernehmen die automatisierten Systeme, und darin liegt ihr grösster Nutzen. Dabei ist zu beachten, dass jede Plattform einem mehr oder weniger klar definierten Umfeld gewidmet ist. Facebook, entwickelt als Nachschlagewerk für Kommilitonen an amerikanischen Universitäten, hat sich zum Adressbuch für aktuelle Bekannte, vor allem aber als Fundbüro für Freunde aus der Vergangenheit entwickelt. Xing ist das Netzwerk für Profis aller Branchen und eine Experten- und Job-Plattform. Myspace ist der Tummelplatz der Teenager, und Linkedin das Xing-Vorbild für die englischsprachige Welt.
Fundgrube. Für Journalistinnen und Journalisten sind diese Systeme eine wahre Fundgrube: Wer über Jugendbewegungen oder Musik recherchiert, findet auf einschlägigen Seiten im Myspace-Netz die grössten Fans und die Musiker selber. Wer Informanten aus einer aktuellen Protestbewegung braucht, findet sie als Moderatoren von Themengruppen auf Facebook, das sich zusehends zur Schaltzentrale für Grassroot-Movements entwickelt. Wer einen Züchter von Jerboa-Pigmäenmäusen braucht, wird vielleicht auf Xing, sicher aber auf Linkedin fündig. Die Vernetzung in diesen Systemen funktioniert. Die soziale Komponente kommt nicht zu kurz und kann nicht der Elektronik überlassen werden: Wer erst im Bedarfsfall einsteigt, wird mangels Erfahrung und Reputation beispielsweise mit einer Recherche nicht weit kommen.
www.facebook.com www.xing.com www.linkedin.comwww.myspace.com
Surfbrett TWITTER
BÜRGER-NEWS IN ECHTZEIT ALS INFO-QUELLE Zwitschern – twitter – heisst die Kurzform des Bloggens im Internet. Menschen wie du und ich teilen ihren Freunden in Botschaften von maximal 140 Zeichen und einem Bild mit, was sie grade tun; sie weisen auf spannende Artikel oder Blogeinträge hin; oder sie berichten als Augenzeugen von Ereignissen mit Nachrichtenwert, noch bevor der erste Journalist davon Wind gekriegt hat. Wer twittert und selber anfängt, ausgewählten Twitter-Autoren zu „folgen” – indem er ihre Tweets als Strom auf der Twitter-Homepage abonniert – wird, eine gute Auswahl an Autoren vorausgesetzt, keine für ihn relevante News mehr verpassen: Jemand im Netzwerk macht immer darauf aufmerksam. Darin gründet das Meme, dass inzwischen Nachrichten die Menschen finden und nicht mehr umgekehrt. Für Journalisten liegt der Wert dieses Systems in seinem Echtzeit-Tempo und in der Suchfunktion. Auf der Homepage von Twitter lässt sich zu jedem Begriff ermitteln, was gerade jetzt darüber gesagt wird. Bei aktuellen Ereignissen lassen sich so auch rasch Augenzeugen finden und kontaktieren – wobei man darauf achten sollte, tatsächlich Augenzeugen zu finden und nicht, wie die CNN im Fall des Amoklauf von Winnenden, eine Radiohörerin am andern Ende der Stadt. www.twitter.com
Peter Sennhauser ist Chefredaktor des Zürcher Online-Verlags Blogwerk AG.
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