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Welche Auswirkungen hat die Konvergenz auf die Technik bei den elektronischen Medien? Pius Paulin, Chef der Informatik bei RTR in Chur, sieht grosse Chancen für die Mitarbeitenden.
Von Philipp Cueni

Auf den 1. Mai ist bei Radiotelevisione svizzera (RSI) im Rahmen der Konvergenz die ganze „Technik” von Radio, TV und online in einer Abteilung zusammengefasst worden. Vereinheitlicht worden ist die Struktur, die einzelnen Sektoren arbeiten aber immer noch medial getrennt. Die Änderung des Organigramms im Tessin stellt die Frage, wie weit die Konvergenz dereinst die Funktionen der technischen Berufe erfassen und verändern wird.
Bei Radio e Televisiun Rumantscha (RTR) in Chur besteht im Bereich Technik eine solche gemeinsame Abteilung schon seit Längerem. Zur Abteilung „Technik + Informatik” (T+I) gehören Produktion und Sendetechnik für Radio und TV, Multimediaproduktion, Informatik, Support, Unterhalt, die Produktionsdisposition und die Haustechnik. Die einheitlichen Produktionssysteme mit gemeinsamem Content-System erlauben allen Redaktionen aus Radio, Fernsehen und Online einen einfachen und schnellen Zugriff auf das ganze Material, ob Video, Audio oder Text. Die Online-Redaktion kann Video- und Audio-Elemente direkt aus anderen Bereichen holen. Und alle RedaktorInnen können sich über die medialen Grenzen hinweg den Überblick verschaffen, an was welche Redaktion gerade arbeitet.

Cutter auch Kameramann. Die „Techniker” werden in mehreren Funktionen eingesetzt. Deshalb erst wurde es möglich, die tägliche Informationssendung „Telesguard” live auszustrahlen. Es wäre zu teuer gewesen, Spezialisten einzig für die kurzen Informationssendungen anzustellen. Jetzt werden zum Beispiel Netzwerkspezialisten für den Bildschnitt zusätzlich ausgebildet und eingesetzt. Umgekehrt arbeiten Cutter auch an der Kamera. Und Audiotechniker des Radios fahren den Ton einer TV-Sendung, machen die Audiobearbeitung bei TV-Dokumentarfilmen und wirken als ENG-Tontechniker. Oder Cutter werden bei der Grafik und der Audiobearbeitung von News- und Magazinsendungen sowie bei Archiv-Diensten eingesetzt.
„Wir sprechen lieber von bifunktionalen Tätigkeiten als von multifunktionalen”, erklärt Pius Paulin, der Leiter der Abteilung T+I bei RTR. Denn die MitarbeiterInnen sollen in etwa zwei Bereichen eingesetzt werden, da aber gut qualifiziert sein.
Die Ausbildung und die Qualität ist für Paulin das A und O, denn das Ziel bei RTR sei nicht, mittelmässige Alleskönner einsetzen zu können. Natürlich ist es für einen relativ kleinen Betrieb wie RTR auch kostengünstiger und effizienter, die MitarbeiterInnen der Technik polyvalent einsetzen zu können. „Aber”, betont Paulin, „die Konvergenz bietet eine Chance für ein Job-Enrichment, die Arbeit kann interessanter gemacht werden. Voraussetzung ist aber, dass dafür gut ausgebildet wird. Konvergenz ist nur in Verbindung mit guter Ausbildung möglich.”

Teamplayer gefragt. RTR hat seine MitarbeiterInnen im Bereich T+I selber aus- und weitergebildet. „Wenn wir dabei den Spareffekt im Hinterkopf haben, läuft das schief. Wir streben eine Win-win-Situation an. Wir bieten den MitarbeiterInnen neue Herausforderungen, neue Motivation und Weiterbildung.” Und, ergänzt Paulin, die MitarbeiterInnen mit breiterer und höherer Qualifikation sollten schliesslich auch besser entlöhnt werden können. Natürlich wird an den „konvergenten Techniker” ein neues Anforderungsprofil gestellt: Er muss bereit sei, sich auf Neues einzulassen, er muss beweglich und ein ausgesprochener Team-Player sein.
Die Technik wird von den Bedienungsoperationen her tendenziell einfacher, ein Teil der früheren technischen Funktionen geht sogar in den redaktionellen Bereich über. Darauf müsse, so Paulin, die Technik reagieren, indem die Berufsbilder höher qualifiziert und definiert werden.
Wird es in Zukunft also keine Fachspezialisten mehr geben? „Doch, sicherlich”, antwortet Paulin, „bestimmte MitarbeiterInnen werden sich weiterhin auf einzelne sehr spezialisierte und komplexe Funktionen konzentrieren. Entweder, weil sie dort am meisten Talent haben oder weil es dafür hohe Spezialkenntnisse und Erfahrung braucht. Und umgekehrt muss ein ausgebildeter Rundfunk-Techniker nicht in einfachen Funktionen eingesetzt werden, welche auf die Dauer nicht interessant sind und für welche auch ein mittelmässig qualifizierter Teilzeiter eingesetzt werden kann.”

Qualität der Arbeit. In den Redaktionen spielen bei der Konvergenz-Debatte die Bedenken vor einem Qualitätsverlust eine wichtige Rolle. Besteht die Gefahr, dass die Konvergenz im Bereich Technik die Qualität gefährdet? Qualität ist für Paulin wichtig. „Aber wir müssen jeweils bewusst entscheiden, wo wir High-Quality und wo wir Low-Level bieten wollen: HD-Kamera oder gar nur Handy? Und das hängt nicht zuletzt vom Inhalt ab.” Aber mehr als Gefahren sieht Paulin bei der Konvergenz eine Qualitätschance für die Arbeit der TechnikerInnen.
Pius Paulin hat zusammen mit RTR Konvergenz-Modelle von kleineren Rundfunk-Stationen studiert – zum Beispiel bei Radio Bremen. Kritisch bewertet er dort, dass die ganze Infrastruktur-Abteilung in ein separates Unternehmen augelagert worden ist. „Gerade im News-Bereich müssen Redaktion und Technik nahe beieinander sein.” In der Idee einer konvergenten Infrastruktur haben ihn die Stationen im Ausland allerdings bestärkt. Und seine MitarbeiterInnen zeigen für die breiter definierten Arbeitsmöglichkeiten Interesse. Nicht zuletzt vielleicht auch deshalb, weil viel Wert auf Information und Ausbildung gelegt worden ist.

EDITO-Serie zur Konvergenz: „Siebzehn Antworten zum Thema Konvergenz” in Nr. 01/09.

© EDITO 2009


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