Annonces Medienstellen
StartseiteArchivEDITO 01/10EDITO 01/10 D

Der gebürtige Luzerner Beat Balzli arbeitet beim „Spiegel” und schreibt über den Daten-Klau in der Schweiz.
Von René Martens.

Es war im Herbst 2008, wenige Wochen nach der Pleite von Lehman Brothers, einem der Auslöser der weltweiten Finanzkrise. Viele fragten sich, ob bald der „Bank-Run” einsetzt, also Menschen die Banken stürmen, um ihre Konten leerzuräumen. Kanzlerin Angela Merkel mühte sich, die Bevölkerung zu beruhigen: „Das Geld der Sparer ist sicher”.
Beat Balzli, Wirtschaftsredaktor beim „Spiegel”, erhielt an diesem Tag brisante Informationen: Ein Kontaktmann aus der Geldtransporterbranche erzählte ihm, dass die Geldautomaten statt einmal die Woche nunmehr dreimal am Tag bestückt würden und für die Mitarbeiter der Unternehmen Nachtschichten längst üblich seien. Balzli sah sich in seiner Überzeugung bestätigt, dass „man die besten Geschichten keineswegs nur von Informanten mit grossen Namen hört, sondern fast immer von Leuten aus der zweiten Reihe”.

Ein Krisengewinnler. Die Story hatte einen entscheidenden Haken. „Wir konnten sie nicht veröffentlichen, das wäre unverantwortlich gewesen”, sagt Balzli. Er weiss noch genau, dass er die Informationen an einem Montagnachmittag bekam, als ein neuer „Spiegel” gerade erst erschienen war. „Normalerweise hätten wir die Geschichte sofort online gestellt. Wir waren uns aber im Ressort im Klaren darüber, dass die Katastrophe im vollen Gang ist und erst recht Panik ausbrechen würde, wenn wir sie veröffentlichen.” Eine brisante exklusive Geschichte nicht publizieren zu können, ist nicht leicht für einen Journalisten.
Über mangelnde Resonanz für seine Artikel kann sich Balzli nicht beklagen. Im vergangenen Jahr hat er mehrere Preise gewonnen: Die Jury des Magazins „Wirtschaftsjournalist” kürte ihn zum „Wirtschaftsjournalisten des Jahres”. Gemeinsam mit sieben weiteren „Spiegel”-Redaktoren bekam er den begehrten Henri-Nannen-Preis sowie den Herbert-Quandt-Medienpreis für „Der Bankraub”, eine Titelgeschichte aus dem November 2008, mit der das Autorenteam die Finanzkrise rekonstruierte. Eine weitere Auszeichnung brachte ihm eine ebenfalls im Team entstandene Titelstory über „die gefährlichste Firma der Welt” ein, den Versicherungskonzern AIG. Wollte man zynisch sein, könnte man sagen: Beat Balzli ist ein Krisengewinnler.
Eine ähnlich intensive Arbeitsperiode hat Balzli schon in den neunziger Jahren erlebt. Als Redaktor bei der „SonntagsZeitung” deckte er auf, dass Schweizer Banken als willige Helfer des NS-Systems agiert hatten. Seine Recherchen zwangen einige Grossbanken zum Eingeständnis, dass sich auf Konten von Holocaust-Opfern noch herrenloses Vermögen befand. Am Ende der Arbeit, die international Aufmerksamkeit erregte, stand 1997 ein Buch: „Treuhänder des Reichs. Die Schweiz und das Vermögen der Naziopfer.”
Dieser Scoop basierte auf investigativer Alleinrecherche, während er bei der Berichterstattung zur Finanzkrise, wo „die Aktualität den Takt vorgab”, in Teams arbeitete, die manchmal „Fussballmannschaftsgrösse” hatten, wie er mit leichter Übertreibung sagt. In mancherlei Hinsicht seien die beiden Phasen aber vergleichbar, etwa was die „Dynamik” der Arbeit und „die Begeisterung für das Thema” angeht.
Es gibt sogar einen Link zwischen den beiden grossen Themen in Balzlis Journalistenlaufbahn – die breite Kritik am Schweizer Bankgeheimnis. Mittlerweile sei „das Bankgeheimnis für Ausländer durch die neuen Doppelbesteuerungsabkommen faktisch abgeschafft”, sagt Balzli, der beim „Spiegel” für alle „bankgetriebenen Schweizer Themen” zuständig ist.

Viele Spin-Doctors. Die Arbeit in den beiden Ländern unterscheidet sich unter anderem dadurch, dass in Deutschland „jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird”. Angesichts der grösseren Infoflut müsse ein Wirtschaftsjournalist „viel filtern”, um herauszufinden, welche News „über Bande gespielt sind und hinter welchen Artikeln Spin-Doctors stecken”. Letztere spielten bei der Beeinflussung der öffentlichen Meinung in Deutschland eine grosse Rolle. Das sei neu für ihn gewesen.
Bei den Schweizern Blättern bestand ein Grossteil der Arbeit aus Telefonrecherche, sagt Balzli. Beim „Spiegel” lautet die Maxime dagegen stets: „Das gucken wir uns mal an.” Das heisst, es ist üblich, auf Reisen zu gehen, um Informanten zu treffen und stundenlang mit ihnen zu reden, selbst auf die Gefahr hin, dass am Ende nichts dabei heraus kommt. Ein weiterer Vorteil der „Spiegel”-Welt: Ist ein Thema nicht brandaktuell, muss ein Text nicht sofort ins Blatt, denn produziert wird stets mehr als genug. „Wenn ein Redakteur in der Konferenz sagt, die Geschichte ist noch nicht rund, dann wartet man eben, bis sie es ist”, sagt Balzli.
Nicht frei von Ironie ist die Tatsache, dass die vielen Fehler und Katastrophen in der Finanzwelt ausgerechnet ein Mann aufgedeckt hat, der sich einst vorstellte, dort selbst einmal mitzumischen. Balzli wollte Banker werden. 1986, gleich nach der Matur, hat er sogar ein Jahr lang in der Branche gearbeitet. In der „Steueroase Zug” sei das gewesen, sagt er.

René Martens ist Journalist in Hamburg.EDITO stellt in dieser Rubrik Schweizer Journalisten im Ausland vor.

Beat Balzli, geboren 1966, wuchs in Luzern auf, studierte Volkswirtschafts- und Betriebswirtschaftslehre in Bern. Redaktor bei „Handelszeitung”, „SonntagsZeitung”, „Beobachter” und „Facts”. Seit 2001 Wirtschaftsredakteur beim „Spiegel” in Hamburg.

© EDITO 2010


Druckversion