Der neue „Tages-Anzeiger” war die Geburt der kompakten Forumszeitung. Das war 1963. Der Entwurf stammte von Chefredaktor Walter Stutzer. Am 10. Dezember 2009 ist er 86jährig gestorben. Von Peter Studer
Als der junge „Tages-Anzeiger”-Chefredaktor Walter Stutzer mich für die Redaktion anstellte (1964), war das Blatt gerade erst völlig erneuert worden. 30 Redaktoren und Hilfsredaktoren – zu den letzteren gehörte ich – bearbeiteten Nachrichten für eine straff konzipierte und kompakte Zeitung. Die Ressortseiten von Ausland bis Sport reihten sich aneinander. Frühzustellung ersetzte die Anlieferung gegen Mittag. Die Seitenbudgets waren knapp und immer gleich bemessen (sparsamer als heute). Etwas später machte die erste Auslandseite einer echten Frontseite Platz. Der Umbruch war ausser im Feuilleton durchgehend fünfspaltig. Devise: Keine Seite ohne Bild. Der Verlag folgte den jungen Familien immer weiter ins Umland der Stadt und den Pendlern zurück ins Zentrum. Stutzer baute den Regionsteil im Zeichen des von ihm erfundenen Leitbegriffs „Millionen-Züri” deshalb laufend aus. Mit der rasant steigenden Auflage – von rund 100 000 auf über 260 000 während seiner 15 Chefjahre– wuchs der Blattumfang; wohl im Übermass, denn die Lesedauer nahm ab, würde man heute sagen. Zu einer sprudelnden, aber konjunkturbedrohten Ertragsquelle wurde der von Stutzer und Kulturredaktor Hugo Leber erfundene Stellenanzeiger. Letzter Baustein des Projekts war das von der „Sunday Times”-Beilage inspirierte „Magazin” am Wochenende. Das erste Titelbild zeigte eine behelmte Frau mit der Legende „Make war not love” (1970). Wichtig: Die Zeitung verstand sich nicht mehr als nahezu meinungsloses Organ im Schatten der Inserateplantagen. Wie in den USA beanspruchte die Redaktion, alle relevanten Tatsachen und Meinungen abzubilden, aber selber definierte Meinungen zu allen wichtigen Fragen deutlich zu markieren. Es war die Geburt der Forumszeitung, die heute fast alle Blätter offiziell anzustreben. Die Parteipolitiker beklagten sich über den Verlust „ihrer” Sprachrohre, aber das Publikum schätzte es.
Chefredaktor statt Newsroom. In der Mitte des Redaktionsbetriebs stand der Chefredaktor. Um halb elf Uhr morgens trafen sich die „Diensttuenden” in seinem Büro. Diskutiert wurden nicht nur die Hauptthemen und die flexible „Seite 3”, sondern auch die Akzentsetzungen. Das Lieblingswort des Chefredaktors: „Zeitungsmacherisch”. Wie bearbeiten wir ein wichtiges Thema, sodass es die Leserschaft interessiert? Es war die Hausse der Rubriken, die auch schwere Stoffe der Leserschaft schmackhaft machen sollten: „Schauplatz der Aktualität”, „Das aktuelle Porträt”, „Hintergrund”, „Begriff des Tages”. Zuletzt, abends nach fünf Uhr, fand die „Abendkonferenz” statt, wo erst die Zeitung vom Vortag oft unter Fraktionsfeuer von links oder rechts kritisiert und danach die Zeitungsinhalte für morgen einigermassen festgezurrt wurden. Nachher verabschiedete sich der Chefredaktor im eleganten englischen Radmantel mit schmauchender Pfeife. Die Kommentare der Redaktoren vorher zu lesen mochte er nicht. Überraschungen – etwa wenn Samuel Plattner Maos Rotes Büchlein erfrischend fand oder Toni Lienhard für eine eidgenössische orange-rote Ampelkoalition plädierte – kritisierte er am Folgetag väterlich milde. Selber schrieb er eher selten, etwa, wenn er sich gegen einen bissigen Leitartikel von Fred Luchsinger (NZZ) gegen die „neutrale Presse” verwahren oder zur 68er Revolte Liberal-Klärendes sagen wollte.
„Kontrastieren”. Die geplante straffe Organisation mit Dienstchefs von morgens bis spät abends setzte Walter Stutzer nicht durch. Das widersprach wohl seiner Natur. Aber die liberale Grundhaltung lebte er, und die Vokabel „zeitungsmacherisch” wurde zum täglichen Leitbegriff. Als erster Chefredaktor führte er das durchdachte Volontariatssystem mit hausinternem „Lehrmeister” ein. Und als Erster machte er sich die Dienste der Grand Old Lady der Leserforschung, Elisabeth Noelle-Neumann, zunutze. Sie referierte in Abständen vor der Redaktion, und während die Pressejournalisten auf das Fernsehen starrten (wie heute auf das Internet), sagte sie: „Nicht imitieren, sondern kontrastieren: Hintergrund, Recherche, Kommentar – was das Fernsehen eben nicht kann…”. Es gilt, auf das Internet bezogen, heute noch. Walter Stutzer setzte es mit freundlicher Insistenz durch.
Peter Studer, Publizist, gehörte von 1964 bis 1988 zur TA-Redaktion, die letzten 10 Jahre als Chefredaktor.
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