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Neue Dynamik für die Konvergenz von Radio und Fernsehen: Zur Debatte steht
ein „Mediencampus Kultur” in Basel.
Von Philipp Cueni

Konvergenz? Ja! Aber richtig!” Ausgerechnet einige Mitarbeiter von Radio DRS2 in Basel gehen in die Offensive und verlangen eine konsequente Umsetzung der Konvergenz im Bereich Kultur. Das ist erstaunlich, weil gerade bei den Kulturleuten vom Radio viel Skepsis vorhanden war und ist gegenüber einer Zusammenlegung mit dem „oberflächlichen Medium Fernsehen” und dem „TV-Koloss Leutschenbach”.
Jetzt läuft von Seiten des SSM Basel eine Petition, welche verlangt, die Bereiche Kultur, Gesellschaft und Wissen von Radio DRS und Fernsehen SF zu einem trimedialen Kompetenzzentrum zusammenzuführen – und zwar auf einem Mediencampus in Basel. Es geht also um die Bedeutung des Standorts Basel, welcher im Konvergenz-Konzept der SRG neben anderen gesetzt ist. Dieser soll nun zum „Hauptstandort Kultur” ausgebaut werden. Die trimediale Fusion an einem Standort soll als Chance genutzt werden für die Stärkung von „Kompetenz, Relevanz, Formaten und Themen” bei der Kultur auf allen Vektoren. „In den Feldern der Bereiche Kultur, Gesellschaft und Wissenschaft laufen zentrale Debatten und Entwicklungen für die Zukunft unseres Landes ab. Die adäquate konvergente Behandlung auf allen Vektoren ist nur möglich durch intensive Kommunikation und steten Austausch unter den entsprechenden Redaktionen”, so die Basler Initiative.

Vitaminstoss für die Arbeitsgruppe. Interessant ist diese Offensive in mehrfacher Hinsicht: Sie zeigt, dass Mitarbeiter das kreative Potenzial der Konvergenz ernst zu nehmen beginnen und sich in den Projektprozess einmischen. Die Aktion aus Basel fällt in eine Periode des Konvergenz-Prozesses, in welcher es erstaunlich ruhig ist, aber entscheidende Vorarbeiten laufen: Die Projektgruppen des „Kernteams Konvergenz” von SF und SR DRS arbeiten an der Konkretisierung, wie die Konvergenz denn in den Redaktionen und im Programm umgesetzt werden soll.
Entschieden ist bereits, dass die Kultur in der zukünftigen Struktur des neuen Unternehmens eine eigene Abteilung wird. Was „Kultur konvergent” dannzumal heissen wird und was dazugehört, ist offen. Bemerkenswert ist, dass die Projektleitung mit Hans-Ruedi Schoch und Rudolf Matter der Projektgruppe Kultur nach einer ersten Phase, in welcher offenbar eher konservativ geplant worden ist, einen Vitaminstoss versetzt hat: Man solle doch bitte mutiger planen und das Potenzial offensiver ausschöpfen. „Die Kultur wird im Service-public-Unternehmen SRG.D eine starke Position erhalten”, sagt Matter. Die neu eingesetzte Leiterin der Projektgruppe, Nathalie Wappler, Redaktionsleiterin der „Sternstunde”, spricht von „Vollkonvergenz”, welche man anstrebe. Allerdings relativiert Matter mit Blick auf die Basler Initiative: „Ein neues, ausgebautes Fernsehstudio in Basel, das ja HD-fähig sein müsste, kommt viel zu teuer, die Betriebskosten für nur wenige wöchentliche Sendungen wären unverantwortlich hoch.” Deshalb werde die Konvergenz an zwei Standorten, im Leutschenbach und in Basel, realisiert. Aber: „Basel wird als Standort der Kultur wichtiger als bisher”, so Matter. Erstaunlich ist, dass zurzeit beim Fernsehen neue Studios für Kultursendungen gebaut werden. Der Entscheid dazu sei vor dem Start zur Konvergenz gefallen und hänge mit der Umstellung auf HD zusammen, heisst es beim SF.
Als sicher gilt, dass Basel den Standort auf dem Bruderholz aufgibt und an einen neuen Ort zügelt. Die regionale SRG-Trägerschaft will sich dafür auch finanziell engagieren. Wieviel TV-Technik letztlich in Basel aufgebaut wird, ist aber eine offene Frage. Denkbar sind verschiedene Varianten, wie Technik, Produktion und Archive an zwei Standorten genutzt werden können. So oder so werden sich auch die TV-Leute in Zürich intensiver mit der Konvergenz befassen müssen, als sie sich dies zu Beginn des Prozesses vorgestellt hatten.

„Einzigartige Chance”. Verändert hat sich auch die Optik von Marco Meier, dem Leiter von DRS2: Er sah seine Rolle anfänglich vor allem darin, bei der Konvergenz die Interessen des Radios zu verteidigen. „Als ich dann hörte, man fordere im Bereich Kultur eine weitergehende Konvergenz, bin ich zuerst erschrocken. Inzwischen habe ich die Situation nochmals analysiert. Ich sehe in einem gemeinsamen Kompetenzzentrum Kultur eine einzigartige Chance. Es sollen dort alle journalistisch relevanten Redaktionen im Bereich Kultur, Gesellschaft und Wissenschaft zusammengeführt werden.” Meier lässt durchblicken, dass er dazu konkrete Vorstellungen habe und diese in den zuständigen Gremien einbringe. Mehr wollte er nicht sagen. Einzig: Ein Kulturzentrum des öffentlichen Rundfunks solle auch ein Begegnungsort sein, in welchem ein kreativer Austausch mit der Öffentlichkeit stattfinden kann. Möglich wären so Koproduktionen und Allianzen mit kulturellen Institutionen.
Und was sagt Meier zu den Bedenken von Rudolf Matter, was den technischen Aspekt betrifft? „Einfache Produktionen wie die Sternstunden und Postproduktionen sollten auch in Basel möglich sein.”
Nathalie Wappler, die Projektleiterin für den Bereich Kultur, will alle Ideen prüfen, wie das Konvergenz-Konzept auf zwei Standorten umgesetzt werden kann: „Wir wollen das Beste für die Kultur herausholen.” Dafür gebe es die klare Unterstützung der Projektverantwortlichen Hansruedi Schoch und Rudolf Matter wie auch vom Verwaltungsrat der SRG Deutschschweiz. Wappler weist auf die interessanten Möglichkeiten hin, welche das Internet in einem konvergenten Kulturbetrieb bieten kann. Konkreter wird sie zwar nicht, aber man spürt bei ihr eine Begeisterung für die Chancen, die das Projekt bietet. Es gehe darum, einen modernen Kulturbegriff umzusetzen, „von traditionell bis spielerisch”, und sie freue sich, dass von den Mitarbeitenden bei Radio und Fernsehen schon jetzt neue Ideen eingebracht würden. „Zudem haben wir bei DRS2 einen Erfahrungsschatz der Mitarbeitenden, welche sieben Tage lang 24 Stunden ein Kulturprogramm realisieren. Ich spüre bei den Kolleginnen und Kollegen von Radio und Fernsehen Interesse am anderen Medium.”
Doch gerade im Kulturteam von SF gibt es – neben positiven Stimmen – auch starke Vorbehalte gegenüber einer weitgehenden Zusammenarbeit bei der Kultur. Einerseits seien die Kultursendungen beim Fernsehen eben doch stark auf die Besonderheiten des Mediums ausgerichtet. Das betreffe die Denk- und Machart im Umgang mit Kulturthemen wie auch die Verknüpfung mit dem spezifischen Know-how im Hause, mit den Archiven, der Technik und der Abteilung Information. Schon bei der „Kultur-Aktualität” werde der Unterschied deutlich: Das Radio produziere täglich, beim TV gehe es um ein Wochenmagazin. In Leutschenbach hört man auch grundsätzlichere Einwände. Letztlich sei beim Fernsehen die Quotenvorgabe wichtig. Und die Kultur sei hier ein Sendeplatz innerhalb eines Generalistenprogramms. DRS2 hingegen sei ein Spartenradio und könne ein eigenes spezifisches Publikum ansprechen. „Es besteht die Gefahr, dass die Kultur beim Fernsehen ‚elitarisiert’ wird”, sagt ein Fernseh-Mann. „Ich habe das Gefühl, bei der Kultur wird die Idee der Konvergenz auf Teufel komm raus hingewürgt.” Angesprochen auf die Skepsis bei Fernsehmitarbeitern bleibt Co-Projektleiter Rudolf Matter optimistisch: „Wichtig für den Prozess ist, dass sich die Kultur-Leute vom Fernsehen und vom Radio jetzt überhaupt zuerst einmal kennenlernen.”

Inhaltliche Verzahnung. Der Basler Vorstoss schlägt einen Mediencampus Kultur vor. Es ist den Initianten wohl bewusst, dass noch nicht entschieden ist, was überhaupt zur Kultur gehören wird. Geprüft wird zurzeit, wo der Bereich Wissenschaft angesiedelt wird. Natürlich wollen die Basler zusammenbehalten, was schon bisher bei DRS2 zusammengehört: „Wissenschaft braucht einerseits den Austausch mit den Fachbereichen Kultur und Gesellschaft. Und andererseits gehört in breiten Kultur- und Gesellschaftsdebatten die Wissenschaft mit dazu. Die Erfahrung bei DRS2 hat gezeigt, dass beide Seiten durch intensiven Kontakt gewinnen”, sagt Patrik Tschudin, Wissenschaftsredaktor bei DRS2. „Die Konvergenz muss auch diese enge inhaltliche Verzahnung berücksichtigen.”

© EDITO 2010


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