Annonces Medienstellen
StartseiteArchivEDITO 01/10EDITO 01/10 D

Damit grosse Recherchen möglich sind, braucht es Voraussetzungen in den Redaktionen.
Zum Beispiel bei der „Basler Zeitung” und dem „Tages-Anzeiger”.
Von Sonja Mühlemann

Datenklau. Kaum ist bekannt geworden, dass die Bankdaten auf CD bei den Behörden liegen, sind die Starrechercheure der deutschen Medien wie Hans Leyendecker auf dem Teppich. Es stellen sich viele Fragen. Antworten lassen sich nur mit Hartnäckigkeit und dem Zusammentragen von Fakten finden.
Aufwändige Recherchen kosten. Oft fehlen den Tageszeitungen die dafür notwendigen Ressourcen. Um die Recherche zu stärken muss investiert werden: Zeit und Geld. Und in Strukturen.
„Die Recherche legt den Finger auf jene Wahrheiten, die wehtun. Ein Journalist ist dazu immer nur so gut in der Lage, wie es die Redaktionsstruktur zulässt. Ein Medium und dessen Chefredaktor müssen sich mit der Recherche profilieren wollen”, sagt Christian Mensch von der BaZ.

Haltung entwickeln. Vor sechs Jahren hat die „Basler Zeitung” mit dem Recherche-Ressort die erforderlichen redaktionellen Strukturen geschaffen. „Ziel war es, gegen innen und aussen ein Zeichen zu setzen, dass Recherche bei der BaZ gewollt ist”, sagt Ressortleiter Mensch. Ohne den Druck, am selben Tag publizieren oder in der Tagesproduktion präsent sein zu müssen, können er und sein Team an Geschichten herangehen und einen Fokus wählen, der nicht auf der Hand liegt. Gearbeitet wird ressortübergreifend. Die Redakteure kommen zu ihm, wenn sie Unterstützung suchen oder die Recherchearbeit besprechen wollen. Und junge Journalisten sollen im Rechercheteam einen Teil des Handwerks lernen und in ein Umfeld hineinwachsen, in welchem sich eine journalistische Haltung entwickeln kann.
Auch der „Tages-Anzeiger” will mit neuen Strukturen die Recherche fördern. Seit dem Relaunch im letzten September arbeiten die Ressorts „Hintergrund” und „Reporter” in einem zehnköpfigen Team zusammen. „Sie sind unsere zweite Geschwindigkeit”, sagt Chefredaktor Res Strehle. Mit dem neuen Ressort sei ein deutliches Zeichen für mehr Recherche gesetzt worden. Zudem war das Team von den Sparmassnahmen des vergangenen Jahres ausgenommen. „Im neuen Ressort sollen Geschichten weiter vertieft und es soll mit einem grösseren Aufwand an ihnen gearbeitet werden”, beschreibt Strehle das Ziel. Dieses Denken soll auch in anderen Ressorts einziehen: Ein Teil der „Tagi”-Redaktion soll für den nächsten Tag produzieren, ein anderer zwei oder drei Tage an tiefer recherchierten Geschichten arbeiten.
Aber eine Coaching-ähnliche Situation wie bei der BaZ kann sich Strehle nicht vorstellen. Es fehle jungen Kollegen weniger an Know-how als an Möglichkeiten und Freiraum für die Recherchearbeit. Das Ressort „Reporter und Hintergrund” soll thematische Schwerpunkte setzen, wie mit dem Dossier „Deutsche in der Schweiz”. Erst dadurch werde ein Kontrastprogramm zu der täglichen Nachrichtenlage möglich, so Strehle. Momentan entwickelt die Redaktion Kriterien, um die Qualität des Blattes messbarer zu machen. „Schon nur die wichtigsten Stimmen und Fakten zu haben, ist vielleicht der einfachste Weg den Lesern mehr zu bieten”, so Strehle. Dies setze aber Hartnäckigkeit der Journalisten voraus.
Den Stellenwert der Recherche schätzt Strehle als ausbaufähig ein. Das liege einerseits an den beschränkten Ressourcen, andererseits „eilt in der Schweiz dem Konflikt meist der Konsens voraus”.

Wie eine Tiefenbohrung. Christian Mensch knüpft an seine Forderung nach „Haltung” an: „Berichtet wird meist, was einem vorgesetzt wird.” Diesen Verlautbarungsjournalismus gelte es mit der Recherche zu durchbrechen. „Die Medien haben eine Kontrollfunktion. Diese müssen wir wahrnehmen.” Dafür sollten die Grenzen noch mehr ausgelotet werden, wenn es nach Mensch geht. Die Recherche als Tiefenbohrung sieht er als eine Disziplin im Journalismus. „Es gibt Journalisten, die gehen wie mit einem Hobel einmal über das Thema und machen einen sauberen Span. Und es gibt jene, die an einem Punkt in die Tiefe gehen.” Beide Macharten brauche es und gut gemacht hätten beide eine hohe Qualität. Mensch: „Wir lassen Informationen erst einmal sinken und beobachten, was sich entwickelt.” Fundiert recherchierte Geschichten entwickeln sich langsamer, sind schwierig auf einen bestimmten Termin hin abzuschliessen. Daher sei die Recherche eher bei Wochenzeitungen zu finden.
Noch vor kurzer Zeit hätten die Tageszeitungen das Recherchefeld zu stark den Sonntagszeitungen überlassen, ist Res Strehle der Meinung. Um das zu ändern, sähe er gerne etwa einen Drittel des Redaktionsbudgets in die Recherche investiert. Von der Wichtigkeit der journalistischen Nachforschung ist er überzeugt: „Von allem, was schief läuft, kommt in der Schweiz schätzungsweise zehn Prozent ans Licht. Das Recherchefeld gleicht einem Eisberg, der zu 90 Prozent unter Wasser liegt. Ich bin überzeugt, dass das Wissen um einen recherchierenden Trupp für die Demokratie und den gesellschaftlichen Diskurs enorm wichtig ist.”

Sonja Mühlemann ist freie Journalistin und Redaktorin bei Tele1. Sie besucht den Masterstudiengang Journalismus am MAZ.

© EDITO 2010


Druckversion