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Edipresse-Chef Tibère Adler ist ein ernster Kandidat für die Nachfolge von SRG-Generaldirektor Armin Walpen.
Von Olivier Grivat

Bei den Spekulationen um die Nachfolge des SRG-Generaldirektors fällt oft der Name eines Genfers: Tibère Adler, 47-jährig, Jurist und Generaldirektor der Edipresse-Gruppe.
Doch wer ist dieser Mann, der den Vornamen eines römischen Kaisers trägt? Er ist nicht nur Inhaber eines Genfer Anwaltspatentes und Absolvent der Management-Ausbildung bei IMD Lausanne, sondern auch Ex-Basketballspieler der Schweizer Nati, wie seine imposante Statur in Erinnerung ruft. Seit 2003 leitet er die Geschicke von Edipresse Suisse. Im Februar 2005 wurde er auf den Posten des Generaldirektors der grössten Verlagsgruppe der Romandie berufen („Le Matin”, „24 Heures”, „Tribune de Genève”, „Femina”, etc.). Zu den Gerüchten um die SRG-Generaldirektion gibt Tibère Adler zwar keinen Kommentar, doch die Hypothese scheint plausibel: Mit der schrittweisen Fusion von Edipresse und Tamedia sinkt die Attraktivität seines Direktionspostens beim Lausanner Verlagshaus. Ein Quereinsteiger. Tibère Adler ist in der welschen Medienszene weniger bekannt als Jacques Pilet, Daniel Pillard, Peter Rothenbühler oder Gilles Marchand, der Direktor von TSR, der ebenfalls als möglicher Walpen-Nachfolger gehandelt wird. 1993 wurde Adler vom Verleger Marc Lamunière für die Leitung des Generalsekretariats von Edipresse eingestellt. Er ist nicht im Medienhaus selbst gross geworden und hat auch noch nie bei den elektronischen Medien gearbeitet. Und er ist keiner, der sich an die vorderste Front drängt. Deshalb hat seine letztjährige Kandidatur für den Genfer Verfassungsrat überrascht. Zur Wahl gestellt hat er sich auf der Wirtschaftskreisen nahestehenden Liste „Genève Avance”, angeführt von Michel Barde, dem alten Patron der Genfer Patrons. Doch das Resultat war eine Niederlage: Tibère Adler landete mit wenigen Stimmen in einem bunten Haufen unbekannter Namen. Das Ergebnis widerspiegelt Adlers Rolle als Mann im Hintergrund.
Bei Edipresse musste Adler ebenfalls Misserfolge einstecken: die Niederlage des „Matin Bleu” gegen „20 Minuten”, sein Scheitern mit dem neuen Konzept von „24 Heures” und mit dem Engagement bei den spanischen Niederlassungen.
„In meinen Kontakten mit Tibère Adler in seiner Funktion als Präsident von Presse Romande hatte ich es immer mit einem knallharten, aber respektvollen und offenen Direktor zu tun”, sagt Mathieu Fleury, der ehemalige Zentralsekretär von impressum. Im Unterschied zur Deutschschweiz haben die Westschweizer Verleger einen Gesamtarbeitsvertrag unterzeichnet. Zudem hat Edipresse einen verbesserten GAV eingeführt, unlängst aber auch hundert Kündigungen ausgesprochen.
Natürlich habe Adler, sagt Fleury, ein Verständnis als Manager, aber er habe ihn in seiner Haltung immer auch als Anwalt wahrgenommen. Von Mitarbeitern wird Tibère Adler als ein „im Umgang angenehmer und offener Chef” wahrgenommen, als einer, „der schnell einmal das Du anbietet”. Aber, so heisst es weiter, er konnte auch sehr schnell den Ton ändern, sich im Konfliktfall hinter seiner hierarchischen Stellung verschanzen und hermetisch abriegeln: „In solchen Fällen war man schlicht inexistent.”
Respekt vor Journalismus. Adler ist ein Direktor, der kaum in den redaktionellen Bereich interveniert. Er anerkenne, dass ein Medienhaus andere Gesetze und eine andere Kultur habe als ein Industrieunternehmen, bestätigt Matthieu Fleury. Und er habe Respekt vor der journalistischen Arbeit.
Und welche Haltung war beim Edipresse-Mann gegenüber der SRG zu beobachten? Aus den Reihen des SSM in Genf möchte sich niemand zu seiner Kandidatur äussern. Erfahrungen im öffentlichen Sektor bringt Adler keine mit. „Wir leiden auch per Gesetz an einem anachronistischen Wettbewerb. Die Printmedien werden gegenüber den audiovisuellen Medien benachteiligt”, diktierte Adler 2005 in einem seiner seltenen Interviews dem Journalisten von „24 Heures”. Und klagte : „Alle finden die stark dominante Position der SRG völlig normal.”

Olivier Grivat ist freier Journalist in Pully VD.

© EDITO 2010


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