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Das Medienhaus Ringier fusioniert die vier „Blick”-Redaktionen und schafft den grössten Newsroom der Schweiz. Rund 25 Angestellte verlieren ihren Job – und die einzelnen Titel wohl ein Stück ihrer Identität.
Von Beat Grossrieder

Ab Sonntag, 7. März, ticken die Uhren im Ringier-Verlagshaus an der Zürcher Dufourstrasse völlig anders: Bereits um sechs Uhr in der Früh werden die ersten Journalisten im neu gebauten Grossraumbüro der „Blick”-Gruppe die Computer aufstarten und sich ans Tageswerk machen, dann wird in zwei bis drei Schichten nonstop recherchiert und formuliert, bis die letzten spätabends um ein Uhr das Licht wieder löschen.

20 Millionen investiert. Der 19-Stunden-Schichtbetrieb ist Teil des Konzepts „Integrierter Newsroom”, bei dem „Blick”, „Blick am Abend”, „Sonntags-Blick” und „blick.ch” ihre Redaktionen zu einer Art „Superredaktion” fusionieren (später soll auch die Zeitung „Cash” folgen). Dafür hat das Medienhaus in den letzten Monaten kräftig in Bauten und Technik investiert. Unternehmenssprecher Stefan Hackh spricht von „der gegenwärtig grössten Investition von Ringier Schweiz”, nennt aber keine konkreten Zahlen. Aus gut unterrichteten Quellen ist zu erfahren, für das Newsroom-Projekt seien insgesamt rund 20 Millionen Franken aufgeworfen worden.
Klar, dass sich diese Investition lieber früher als später auszahlen muss. „Bei der Zusammenführung von vier heute örtlich getrennten Redaktionen entstehen selbstverständlich Synergien”, sagt Stefan Hackh. Konkret baut Ringier 22 Vollzeitstellen ab, das bedeutet für 25 Mitarbeitende die Kündigung – rund ein Drittel im Bereich Redaktion. Weitere 19 Personen sind gemäss comedia anderweitig vom Abbau betroffen. Besonders den Verlust von Schreibkräften werten Branchenkenner als bedenklich für die „Blick”-Inhalte: „Die Zitrone ist bereits ausgepresst”, sagt ein Informant, „beim ‚Blick’ lebt man seit Längerem von der Hand in den Mund.” Immer öfters fehle es an Schreibenden, die eine gute Story abliefern könnten. Werde die Anzahl Journalisten weiter reduziert, leide die Qualität der Inhalte. Hinzu kommt, dass jeder Ringier-Journalist künftig für mehrere Titel gleichzeitig in die Tasten greifen muss – man recherchiert morgens vielleicht für „Blick-online”, wertet die Geschichte am Nachmittag für „Blick” aus und erweitert sie später für den „Sonntags-Blick”. „Muss ein Journalist mehrere Medien zugleich bedienen, geht das klar zu Lasten der inhaltlichen Tiefe”, ist der Informant überzeugt.
Sprecher Stefan Hackh ist anderer Meinung: Weil dem Konsumenten immer mehr Medien zur Auswahl stünden, „wäre es keine gute Idee, ausgerechnet die Qualität als wichtigstes Unterscheidungsmerkmal zu vernachlässigen.” Die künftigen Ressorts (News, Politik, People, Lifestyle, Wirtschaft, Sport) würden mehr Mitarbeitende zählen als dies heute der Fall sei, so dass „mehr Ideen und mehr Manpower für deren Umsetzung zur Verfügung stehen”, meint Hackh. Sachlich-zuversichtlich gibt sich der Präsident der Ringier-Personalkommission, Michael Scharenberg: „Grosse Verlage in den USA und Europa zeigen: Der integrierte Newsroom ist die Perspektive – und selbstverständlich können Newsroom und Qualitätsjournalismus in einem Atemzug genannt werden.”

Titel-Profil in Gefahr. Stellt sich die Frage der Identität: Wird der Newsroom zu einem übergreifenden Wir-Gefühl führen, oder werden die einzelnen Titel weiterhin vor allem für sich selbst werkeln? Werden umgekehrt die besonderen Redaktions-Kulturen verwässert, indem zum Beispiel der „Sonntags-Blick” an Profil einbüsst? Beim integrierten Newsroom streng nach Lehrbuch müsste ein einziger Chef alle Fäden in der Hand halten – das sei an der Dufourstrasse nicht der Fall. Zwar übernimmt Ringier-Geschäftsführer Marc Walder die operative Leitung, doch daneben bleiben die vier Chefredaktoren mitsamt Stellvertretern und Blattmachern im Amt.
„Die Erhaltung des speziellen Charakters der einzelnen Titel ist uns sehr wichtig”, betont Hackh. Als verbindendes Element wird im Newsroom ein riesiger Bildschirm installiert; er zeigt die aktuelle Lage, den Stand der Blattproduktionen und die Statistik der Online-Clicks. All dies soll Mehrwerte für die Leserschaft generieren, etwa in den Bereichen Mobile und Online – unter anderem „mit sensationellen 360-Grad-Animationen”, verrät Michael Scharenberg. Überhaupt will Ringier seine Neuausrichtung primär als journalistisches Projekt und als Reaktion auf veränderte Usergewohnheiten verstehen – und trotz Entlassungen weniger als Sparmassnahme. „Unser Ziel ist es”, sagt Stefan Hackh, „dem Mediennutzer jederzeit Nachrichten und Unterhaltung auf dem am besten geeigneten Kanal anbieten zu können.”

Kanalarbeiter ohne Musse. Ob man damit der Leserin, dem Leser tatsächlich einen Gefallen erweist, ist nicht garantiert. So bezeichnete die NZZ das Newsroom-Konzept kürzlich als „derzeitige Mode”, die grundsätzliche Fragen aufwerfe: „Wächst der Konformitätsdruck? Schrumpft die Medienvielfalt? Erhält der Konzernjournalismus Auftrieb?” Die Gefahr dafür sei gross, in einem hektischen Newsroom sei es ungleich schwieriger, gründlich zu recherchieren und vertieft nachzudenken. Norbert Neininger, Verleger der „Schaffhauser Nachrichten” und Mitglied des Präsidiums des Verbands Schweizer Presse, warnte im selben Blatt davor, die Journalisten zu „Kanalarbeitern zu machen, die immer Redaktionsschluss und nie Musse haben”. Gerade in der Welt des „auf allen Kanälen über uns hinwegbrausenden Stroms von undifferenzierten News” brauche es Journalisten und Verleger, „denen man vertraut, weil man weiss, wofür sie stehen”. Und von denen „keiner je auf die Idee käme, sein Unternehmen wie einen Autokonzern einzurichten, dessen verschiedene Marken sich nur noch in der Carrosserie, nicht mehr aber im Innersten unterschieden”.
Als müsste er diese Warnungen beherzigen, stellte Verleger Michael Ringier kürzlich ein Hintertürchen zum Neukonzept in Aussicht. Zur „Handelszeitung” sagte er: „Wer nicht rund um die Uhr im Jubel und Trubel eines Newsrooms arbeiten will, dem müssen wir die Möglichkeit eines ruhigen Arbeitsplatzes geben.”

Beat Grossrieder ist freier Journalist in Zürich und Produzent bei bachmann medien ag.

© EDITO 2010


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